Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

bgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
16. Sitzung vom 11. Februar 1982
883
sauberzweig
lllung „Preußen — Versuch einer Bilanz“ war ein Politikum
Isonst würden wir hier nicht so kontrovers mit unterschied
en Akzenten diskutieren —, aber sie durfte nicht zum
Ittel der Politik werden. Zeitweilig bestand die Gefahr, daß
I in das politische Tagesgeschäft hineingezogen werden
jnnte, und es war gut, daß die Veranstalter sich diesen
Istrebungen mit Erfolg widersetzt haben. Daß es, Frau
|iaar, ein „Preußen-Jahr“ gegeben hat, war nicht etwas,
|s die Veranstalter und der Senat von sich aus etwa kreiert
iahen, daß es aber zum „Preußen-Jahr“ in der öffentlichen
Jskussion wurde, würde ich einerseits, wo es „Preußen-
re Jjmmel“ war, ablehnen, andererseits da, wo es historisches
Jeresse war und ist, begrüßen. Insofern ist es also in der
tein Ergebnis öffentlicher Meinungsbildung.
.Jeine Damen und Herren, es ging darum, Geschichte
endig und Geschichte deutlich zu machen, nicht aber
Irum, das Interesse derjenigen zu befriedigen, die Ge
richte als Transportmittel für restaurative oder gar reak-
|näre Tendenzen nutzen wollten. Ein Hochglanzgeschichts-
*td, das der Tendenzwende etwa eine neue oder populäre
isprägung hätte geben sollen, war nicht beabsichtigt, und
sofern waren auch die Janusköpfigkeit und das Pro und
Je,Kontra ein Ziel dieser Ausstellung. Das mag man von be
eis Jrmnten Standpunkten her bedauern oder bestreiten, aber
war es gewollt, und ich glaube, es hat uns für die Dis-
ssion genützt. Es ist der Versuch gewesen, Geschichte als
fklärung zu verstehen; und, Herr Mahlo, ich muß ehrlich
gen, ich war über Ihren Beitrag doch etwas — ich will es
unal vorsichtig ausdrücken — erstaunt, denn eine derartig
ofc eußisch-markige Rede, die nur eindimensional das Pro-
gm preußischer Geschichte dargestellt hat, nützt unserem
"Sschichtsbewußtsein über dieses Land und diesen Staat
;hts, damit kommen wir nämlich überhaupt nicht weiter.
[Beifall bei der SPD]
s haben nicht begriffen, was die Ausstellung eigentlich
n Ziele hatte, und ich muß sagen, Herr Kollege Mahlo —
will mich nicht länger damit auseinandersetzen, sonst
kommt das alles noch eine Bedeutung, die es eigentlich
h nicht haben sollte —, ich muß mich verwahren gegen
ine andere Ihrer Äußerungen — ich bin in diesem Falle mit
im Kollegen Kewenig durchaus einer Meinung —: Man
|nn einem wissenschaftlichen Gremium von 17 internatio-
alen Wissenschaftlern, die für die Ausstellung die Grund
gen gelegt haben, nicht „schäbige Einseitigkeit“ vorwer-
n. Ich möchte mich jedenfalls vor diese Wissenschaftler
feilen, und ich tue das hier ausdrücklich auch in meiner
iiheren Funktion als der verantwortliche Senator.
[Beifall bei der SPD]
Zur Frage der historischen Objektivität ist hier schon
~ iges gesagt worden. Historische Objektivität kann nur
b Bemühen sein, aus dem jeweiligen Standpunkt und der
nntnis der Fakten eine Abwägung in der Darstellung zu
in - den. Wir wissen alle, daß es eine letztgültige historische
se bjektivität nicht gibt. Wer die Diskussion im Wissenschaft-
IS ' ihen Beirat mitgemacht hat, weiß, wie unterschiedlich die
andpunkte waren, und man hat sich dennoch, glaube ich,
einem guten Sinne auf ein Konzept geeinigt. Ihre Er-
rung des Begriffes „diffus“, Herr Senator Kewenig, ist
ijr nach Ihren Ausführungen verständlicher geworden; das
r vorher nicht ganz deutlich, und insofern war die Nach-
in ' fge auch notwendig. Hier könnte man darüber streiten, ob
m in der heutigen Situation einem Historiker — und wenn,
are dann die Frage, wem; wobei ich wissen möchte, wer
inn die Auswahl getroffen und wer dann wem welche Bin
digkeit in der Betrachtung des Preußen-Bildes vorgewor-
n hätte — die Ausstellung hätte übertragen können. Wir
den das nicht getan, und insofern sind bewußt offene
agestellungen in die Ausstellung eingegangen. Ich per-
nlich sehe das nicht als einen Nachteil an, sondern so,
1 Sie am Schluß Ihres Beitrages auch gesagt haben, im
ne einer Öffnung einer Diskussion.
Ich möchte noch ein Wort sagen zur Ausstellungstechnik
der Präsentation. Meine Damen und Herren, bei allen
Ichlauten, die die Ausstellung gesehen haben, ist das ein
zige Urteil, daß hier in der Tat Neuland beschritten wor-
n ist. Und ich sage hier, gerade bei einer historischen
^Stellung und rückgreifend auf mein Eingangszitat von
f rn von Aretin: Eine wissenschaftlich bis ins letzte akri-
bische Ausstellung, die Dokument neben Dokument gelegt
und Vitrine neben Vitrine gestellt hätte, hätte nicht die Wir
kung auf junge Menschen und auf all die anderen gehabt,
die keine Fachhistoriker sind, sondern die sich diesem
Thema als Laien und als Bürger, die sich für ihre eigene
Geschichte interessieren, genähert haben. Mir ist es lieber,
daß da auch ein Schuß von Inszenierung enthalten war, der
von vielen als unwissenschaftlich abgelehnt worden ist, als
daß wir eine langweilige Ausstellung gehabt hätten, die
keinen interessiert hätte. Gerade auch im Hinblick auf die
jungen Menschen. Und ich glaube, daß das Wort von Fritz
Stern, dem Historiker in New York: „Die Ausstellung ist so
ganz ohne teutonische Schwere“, ein sehr schönes Lob ist,
denn teutonische Schwere ist ja im allgemeinen etwas, was
wir sehr gut beherrschen.
Nun, meine Damen und Herren, ich komme zum Schluß
und sage folgendes: Preußen ist in der Tat eine widersprüch
lich beurteilte und vielschichtige geschichtliche Erscheinung.
Es hat die Geschichte der deutschen Staaten entscheidend
mitbestimmt und die europäischen Mächte mit bewegt. Diese
Mächte aber haben überlebt, Preußen nicht. Es ist unter
gegangen, und es ist nach den Gründen zu fragen; auch
danach fragte diese Ausstellung. Wir dürfen Geschichte
nicht zum Bedienungsinstrument zur Erfüllung von Sehnsüch
ten und Identifikation unkritisch benutzen. Es wäre nämlich
ein Fehler, wenn wir die Errungenschaften unserer demokra
tischen Entwicklung mit herausgegriffenen Teilwahrheiten
aus der preußischen Geschichte aufbessern wollten. Das
wäre kein Schritt nach vorn, sondern ein Schritt zurück. Aber
unser Wissen um die Vergangenheit ist wichtig für unser
Selbstbewußtsein und unser Selbstverständnis in der Ge
genwart. Und ich meine, daß der Vergleich unserer eigenen
Erfahrungen mit dem Leben in der Zeit vor uns anregt zu
kritischem Nachdenken und fragen läßt, wie wir das gewor
den sind, was wir sind.
In diesem Sinne darf der Dialog mit diesem wichtigen Teil
unserer Geschichte nicht mit der Preußen-Ausstellung enden,
sondern er muß fortgeführt werden; darin bin ich mit Herrn
Kewenig einer Meinung. Die Ausstellung hat, wie ich glaube
— auch wenn man ihr diesen oder jenen Fehler unterstellt —,
hierzu einen ganz wichtigen Beitrag geleistet.
[Beifall bei der SPD und der F.D.P.]
Stellv. Präsident Franke: Nächster Redner ist Herr Dr.
Lehmann-Brauns.
Dr. Lehmann-Brauns (CDU): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Daß wir diese große Ausstellung so verschieden
werten, liegt ja nicht nur an der verschiedenen Ideologie,
sondern liegt m. E. an sehr gewichtigen Faktoren, einem
äußeren und einem strukturellen.
Wer die Preußen-Ausstellung im Gropius-Bau besucht, der
bemerkt auf Schritt und Tritt die Mauer und ihre zerstöre
rische Kraft, eine Mauer, die mitten in der Stadt Berlin ver
schiedene Welten schafft, die Niemandsland herstellt, die
uns zeigt, daß wir nicht im Frieden leben, sondern in einer
Nachkriegszeit, die uns das ganze Prekäre, Provisorische,
Ungelöste der Deutschen zeigt. Und dann die Stresemann-
straße, mit Kuckuck, Anhalter Bahnhofs-Ruine, dem Pleite
bau, dem vis-ä-vis der Leipziger Straße und dem Gestapo-
Keller, bezeichnet eben eine Stelle, an der — es muß noch
nicht einmal regnen — man auch heute noch das Fürchten
lernen kann.
Die Preußen-Ausstellung war durch die Last dieser Gegen
wart m. E. überfordert. Der Geist der Gebrüder Humboldt,
der sittliche Einfluß von Kant auf Staat und Leute, der preu
ßische Offizier, politische Irrungen und Wirrungen, die Welt
von Theodor Fontane, sie konnten hier nicht nachvollzieh
bar werden.
Aber auch innen — und jetzt komme ich zu den strukturel
len Bezügen —, trotz üppiger wilhelminischer Ausstattung,
bleibt das Ganze unkörperlich, schemenhaft — verzeihen
Sie! —, ausgewogen langweilig. Im Grunde ging einen die
Sache nichts an. Die zum Ausstellungsprinzip erhobene Inte
gration, zu Deutsch: von allem etwas, aber nichts richtig —
erwies sich wieder einmal als Feind der Anschaulichkeit.
Auch die Suche nach Vollständigkeit hat den Einzeleindruck
(C)
(D)
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