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Periodical volume Sach- und Sprechregister

Full text: Plenarprotokoll Issue 1981/82, 9. Wahlperiode, Band I, 1.-18. Sitzung

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode 
16. Sitzung vom 11. Februar igjj 
882 
(A) 
(B) 
Sen Dr. Kewenig 
war. Ich glaube, vom Wissenschaftler wird nicht etwa graue 
Farbe und auch nicht verlangt, daß er nicht Position nimmt, 
sondern vom Wissenschaftler wird erwartet, daß die Krite 
rien, mit denen er Position bezieht, benennt, so daß man sich 
mit diesen Kriterien und ihrer Qualität auseinandersetzen 
kann. Was nun bei der Preußen-Ausstellung passiert ist, 
das möchte ich — wenn Sie mir den Ausdruck gestatten — 
als „Gremienwissenschaftlichkeit“ qualifizieren. Man hat näm 
lich, um es allen recht zu machen und um Gottes Willen 
deutlich zu machen, daß man nach allen Seiten offen ist, 
nicht nur ein oder zwei wissenschaftliche Leiter, sondern man 
hat ein ganzes Gremium berufen. In diesem Gremium saß 
alles und jede und alle Positionen waren vertreten. Zwangs 
läufig war das Ergebnis dasselbe wie in den öffentlich- 
rechtlichen Rundfunkanstalten — das konturenlose Graue. Ich 
meine, wenn Sie sich den Raum über preußische Philosophie 
oder den über Weimar und Preußen in Erinnerung zurück 
rufen, daß Sie dann ganz sicher die diffusen und wenig 
klaren Ergebnisse dieser „Gremienwissenschaftlichkeit“ ab 
lesen können. Ich glaube, die Klarheit klarer Positionen, 
auch wenn sie nicht für den einen oder anderen immer 
hundertprozentig akzeptabel gewesen wären, wäre sowohl im 
wissenschaftlichen als auch im politischen Sinne besser ge 
wesen. 
[Thomas (SPD): Dann hätte ja der Mahlo 
Schaum vorm Maul gehabt!] 
— Na ja, aber Schaum ist ja auch eine Art und Weise der 
engagierten Auseinandersetzung und manchmal klärender 
als etwas anderes. 
[Sund (SPD): Schaum verhüllt, Schaum klärt nicht!] 
— Nein, aber das, was dann davor oder danach meistens 
herauskommt. 
Lassen Sie mich noch zwei andere Bemerkungen machen. 
Einmal zu der von Ihnen aufgeworfenen Frage der Nutzung 
des Gropius-Baues. Ich bekenne hier ganz offen, daß ich 
wie Herr Kollege Dittberner die Idee, die Begeisterung und 
das Interesse, daß die preußische und deutsche Geschichte 
durch die Ausstellung im Gropius-Bau in Berlin und weit 
darüber hinaus gefunden haben, gerne aufgreifen und — 
wenn Sie so wollen - dieses Interesse perpetuieren möchte 
dadurch, indem ich für ein Museum für Deutsche Ge 
schichte im Gropius-Bau plädiere. Auf der anderen Seite 
möchte ich mit der gleichen Deutlichkeit sagen, daß,da die 
Realisierung einer solchen Idee in schwierigen finanziellen 
Zeiten ein schwieriges Unterfangen ist, und daß deshalb 
zum einen sehr deutlich mit den möglichen Mitfinanziers 
gesprochen werden muß, bevor man sich zu einer solchen 
Idee bekennt. Zum anderen ist es so, daß in diesem Hause, 
vorweg aber auch in meiner eigenen Fraktion, noch eine 
Diskussion darüber stattfinden muß, ob man diese Idee, den 
Impetus der Preußen-Ausstellung aufzugreifen, durch die 
Gründung eines solchen Museums tatsächlich in Berlin per 
petuieren sollte. Ich halte jedenfalls den Gropius-Bau für 
den geborenen Ort eines Museums, das von der Schönheit 
und den Schrecken der preußischen, aber insbesondere auch 
unserer allgemeinen deutschen Geschichte berichten kann. 
[Beifall bei der CDU] 
Lassen Sie mich als drittes sagen, Herr Kollat, daß es 
zwar sicher richtig ist, wie leicht es fällt, positive Reaktionen 
in den Zeitungen zu zitieren — ich könnte eine ganze Reihe 
solcher Stimmen zitieren —, daß aber doch die Reaktion ins 
gesamt offen war. Und was ich besonders interessant fand, 
war, daß in der Presse selbst ein Lernprozeß feststellbar 
war. Wenn Sie etwa die Äußerungen von Sibylle Wirsing 
nehmen — ich glaube, insgesamt waren es drei zur Preußen- 
Ausstellung —, dann können Sie ganz deutlich eine Verände 
rung, einen Lernprozeß, eine Verschiebung der Perspektive 
feststellen. Und ich glaube, daß gerade das einer der 
Zwecke war, den die Preußen-Ausstellung verfolgte, diesen 
Lernprozeß bei uns allen einsetzen zu lassen. Und zum 
anderen glaube ich auch, daß das eigentlich ein sehr schönes 
Ergebnis ist, wenn man sich mit einer Ausstellung, mit einem 
solchen Ereignis nicht nur einmal auseinandersetzt. 
.S 
Lassen Sie mich zwei weitere Punkte hier noch ansprj. 
chen. Erstens, und das ist mir ein Beweis dafür, daß das 
Thema „Preußen“ ein offenes Thema ist, würde ich der 
Wertung meines Fraktionskollegen Mahlo, daß die Preußen- 
Ausstellung im Gropius-Bau von „schäbiger Einseitigkeit' 
geprägt war, oder daß man da ein Prinzip der Herabwürdi- 
gung der Idee Preußens verfolgt habe, nicht beitreten 
sondern mich von ihr ausdrücklich distanzieren, 
[Beifall] 
ja, ich würde gerade sagen, daß mein Vorwurf in eine andere 
Richtung ging. Mein Vorwurf, und das war ja das, was Herr 
Kollat bemängelt hat, ging gerade dahin, daß man sich nicht 
dazu hat entschließen können, und zwar weder insgesamt 
noch in den einzelnen Räumen der Ausstellung, klare Posi 
tionen zu beziehen, klare Positionen dafür oder dagegen; 
wir wissen alle, daß sowohl die eine wie die andere Posi 
tion denkbar gewesen wäre. 
Lassen Sie mich abschließend folgendes sagen: Ich glaube, 
daß das wirklich Interessante des Jahres 1981 gar nicht 
sehr die Preußen-Ausstellung im Gropius-Bau war und un 
sere Einschätzung dieser Ausstellung, sondern ich glaube, 
daß das wirklich Interessante die fast ein Jahr anhaltende 
Beschäftigung mit dem Phänomen Preußen nach einer 25- 
oder 30jährigen Tabuisierung dieses Themas war. 
[Beifall des Abg. Vetter (F.D.P.)] 
Ich meine, da liegt eigentlich die wichtige und uns alle froh 
stimmende Wirkung dieser Ausstellung. Ich selber habe, 
wenn ich das hinzufügen darf, das sehr deutlich an meinen 
Söhnen verfolgen können, die 11 und 16 Jahre alt sind und 
trotz eines bisherigen Schulbesuchs in Schleswig-Holstein, | 
wo die Geschichte noch eine gewisse Rolle in der Schule | 
gespielt hat, nicht sehr viel von Preußen wußten. Ich habe 
geradezu mit ansehen können, wie diese beiden Kindei 
angesichts der ständigen Konfrontation mit dem Phänomen 
Preußen, nicht nur in der Preußen-Ausstellung, sondern auch 
in den vielen anderen Ausstellungen, in den Konzerten, ic 
den Vorträgen überall in der Stadt, sich mit Preußen be 
schäftigt und zum ersten Mal festgestellt haben, daß die 
Geschichte Preußens auch ein Teil ihrer Geschichte ist, und 
wie wichtig es ist, sich auch mit der eigenen Geschichte aus 
einanderzusetzen. 
[Beifall] 
Und deshalb würde ich sagen, daß wir, und das ist seh 
ernst gemeint, den Initiatoren der Ausstellung tatsächlich 
dankbar sein sollten dafür, daß sie beigetragen haben zu 
einer Wiederentdeckung unserer eigenen Geschichte und 
insbesondere dazu, daß wir alle, vor allem aber die jüngere 
Generation, wieder geradezu danach fragen, wie es mit un 
serer Geschichte war, und sich mit ihr dann auch ausein 
andersetzen. Wir alle sollten etwas dafür tun, daß sich diese 
Diskussion, die im vorigen Jahr begonnen hat im Gropius- 
Bau und an vielen anderen Stellen, keine einmalige Flamme 
war, kein einmaliges Aufleuchten unserer eigenen Ge 
schichte und unseres Interesses, sondern daß sich diese 
Diskussion fortsetzt. Ich bitte dieses Haus sehr, den Senat 
dabei und bei einem Bemühen um ein Fortsetzen der Be 
schäftigung mit unserer Geschichte hier in Berlin und an 
derswo, zu unterstützen. — Vielen Dank! 
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[Beifall] 
Stellv. Präsident Longoiius; Das Wort hat jetzt der Ab 
geordnete Dr. Sauberzweig. 
Dr. Sauberzweig (SPD): Herr Präsident! Meine Damen 
und Herren! Der Historiker Othmar Freiherr von Aretin hat 
in einem Aufsatz über „Die schwere Kunst, Geschichte leben- 
ich! 
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III ^IIICIII nuioau. UUul j J l—/ I ^ OUIIUUI U l\unoij vjoov/muiuu 't-j 
dig zu machen“, gesagt: „Historische Ausstellungen sind für ™ 
den Organisator ein Abenteuer mit vielen Unbekannten“. - 
Ich meine, daß sich das diejenigen ins Stammbuch schreiben 
sollten, die mit vorschnellen Urteilen zur Hand waren und n 
manchmal — wie ich hier jedenfalls in einem Falle gehört W ss 
habe — zur Hand sind. Die Debatte zeigt erneut, die Aus- 
Ich 
errr
        
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