Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

16. Sitzung vom 11. Februar 1982
Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
881
Dittberner
i6 in persönlicher Eindruck. Ich muß aber bei dieser Gele-
enheit sagen; Was der Kollege Mahlo hier ausgeführt hat
jber die Defizite, die dort aus seiner Sicht feststellbar ge
lesen seien, entspricht ganz und gar nicht meiner Einstel
lig. Ich habe nämlich nicht den Eindruck, daß — wenn ich
is richtig verstanden habe — diese Ausstellung aus einem
,ti-preußischem Ressentiment heraus durchgeführt worden
t. Eher muß man sich über die Problematik unterhalten, ob
richtig gewesen ist, sozusagen die Diffusheit der Positio-
n dort so stark zum Ausdruck zu bringen.
Nach meiner Beobachtung ist es so gewesen, daß diejeni-
jn, die über dieses Thema und über diese Frage unserer
eschichte informiert gewesen sind, eigentlich aus dieser
usstellung selber nicht viel Neues erfahren konnten, eher
chon — lassen Sie mich das sagen und auch mit einem aus
drücklichen Lob verbinden — durch ein Studium des Kata-
pges. Das mag eine Frage der Medien sein und eine Frage
Jein, wie man die Geschichte durch solche Ausstellungen
oder besser durch andere Medien transportieren könne,
iuf der anderen Seite — insofern muß ich das, was ich hier
ege, gleich wieder einschränken — habe ich festgestellt,
aß viele Bürger, auch unserer Stadt, und auch ältere Bür-
er, von dieser Ausstellung doch sehr angetan gewesen
Jnd, weil sie offenbar überhaupt keine Vorstellungen gehabt
jaben über diese Frage unserer Geschichte, und die sind
sozusagen angeregt worden, überrascht worden von vielen
Singen, die dort dargestellt worden sind, weil diese ihnen
Bisher unbekannt gewesen sind.
Die Zukunft des Gropius-Baues stellt sich nun in der Tat
sozusagen auch im Nachklang zur Preußen-Ausstellung. Ich
#eiß nicht, ob es sinnvoll ist, jetzt so zu verfahren, wie hier
Von der Kollegin Schaar angeregt wurde, doch darüber wird
wohl noch zu diskutieren sein. Es sollte eine zentrale Ver
anstaltung, eine zentrale Ausstellung anläßlich des 50. Jahres
jles Niedergangs der Demokratie in der Tat in dieser Stadt
durchgeführt werden, aber nicht als Nachfolge der Preußen-
Ausstellung. Unabhängig davon sollte man im Gropius-Bau
sin Museum für Deutsche Geschichte einrichten, was ein an
(ich faszinierender Gedanke ist, der vernünftig angepackt
brden muß. Von den Vorschlägen, die wir im Augenblick
iaben, würde ich diesen Gedanken favorisieren.
| Daß Preußen vorbei ist, dürfte in der Tat ein Gemeinplatz
Sein, aber Preußen ist natürlich auch Teil unserer Tradition.
SS war ja gerade die Absicht des damaligen Regierenden
Bürgermeisters, auf diese Tradition in besonderer Weise
jinzuweisen. Ich habe aber das Gefühl, daß sozusagen 1981
as Jahr der Preußen-Konjunktur gewesen sein könnte und
aß dann, so wie es in unserer schnellebigen Zeit nun ein-
(hal ist, diese Geschichte wieder vorbei ist. Wir sollten uns
wirklich überlegen: Wie können wir das, was hier angefangen
|orden ist — nicht mit viel Geld, nicht mit großartigen Reden,
pcnkmälern und dergleichen — fortsetzen und weiterhin auf-
«rbeiten? Dabei möchte ich zwei Punkte herausgreifen, die
jiir persönlich besonders naheliegen:
Ich meine, daß Angehörige der königlichen Familie und
einstige wichtige, ehrenwerte Staatsmänner, Leute, von do
pen wir auch als Hochschulpolitiker nach wie vor eine Menge
|u halten haben, hinlänglich geehrt sind in unserer Stadt.
fher es gab zum Beispiel auch die Ausstellung über E. T. A.
Moffmann. Und ich habe mir nun sagen lassen, von einer Hoff-
nann-Gesellschaft, die es in unserer Stadt gibt, daß es je-
ienfalls bisher noch nicht gelungen ist, auch nur eine Straße
n unserer Stadt nach diesem sicher doch sehr bedeutenden
fnd in vielerlei Hinsicht interessanten, wichtigen und auch
ür heute noch lehrreichen Mann zu benennen.
Es hat in Wilmersdorf vor einiger Zeit einen Streit um die
Benennung der Schule in der Emser Straße gegeben. Dazu
ibt es den Vorschlag, diese Schule nach Rosa Luxemburg
u benennen. Nun bin ich jemand, der gerade auch als Wil-
nersdorfer Abgeordneter durchaus der Auffassung ist, daß
n diesem Bezirk Rosa Luxemburg, die ja in der Tat auch zur
Preußischen Geschichte gehört und eine wirklich bedeutende
frau war, in irgendeiner Weise geehrt werden sollte —
perade in Wilmersdorf; jeder, der das Leben von Rosa Lu
xemburg kennt, weiß, was gemeint ist. Dies hat sich aber
lann in politischen Diskussionen verflüchtigt. Die einen wa-
f en dafür mit großem Anspruch — ich habe das damals auch
sten unterstützt —, und die anderen waren dagegen, in einer sol-
lS is “len Situation eine Schule nach dieser Frau zu benennen.
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Ich meine, da muß ein allgemeiner Konsens gefunden sein.
So habe ich vor einiger Zeit schon intern den Vorschlag un
terbreitet, nachdem das „Projekt Rosa Luxemburg“ geschei
tert war, diese Schule nach Bettina von Arnim zu benennen,
weil ich meine, daß sie wie Hoffmann, eine Persönlichkeit
aus der preußischen Geschichte ist, die in unserer Stadt
noch viel zu wenig geehrt, geachtet ist und deren Lebens
weg noch viel zu wenig aufgearbeitet wurde. Sie war eine
tapfere Frau in der Politik, die sich mit den Mächtigen der
damaligen Zeit angelegt hat, aus ihrer sozialen Lage heraus
und von ihrem Geschlecht her — eine hervorhebenswerte Tat.
Und sie hat sich auch in sozialer Hinsicht sehr stark bis zur
Erschöpfung engagiert. Das könnte doch eine Frau sein aus
dem vorigen Jahrhundert, die auch für uns heute und für die
Schüler in der Zukunft Vorbild sein könnte.
Meine Damen und Herren, wir alle wissen, daß Preußen
besonders im 19. Jahrhundert eine bewegte und bewegende
Geschichte gehabt hat. Preußen ist dann doch wohl offen
sichtlich an den inneren Widersprüchen, aber auch, und das
ist ja das Interessante, am deutschen Nationalstaat geschei
tert. Und wegen des Mißbrauchs durch die Nazis haben
dann die Alliierten — wie ich meine, zu Unrecht — Preußen
verteufelt. Auf Grund der damaligen Situation am Ende des
Zweiten Weltkrieges war das vielleicht verständlich. Aber
wegen des Mißbrauchs des Namens und der Traditionen
durch die Nazis ist diese Verteufelung erfolgt. Deshalb ist
es wichtig, daß wir in diesem Jahr 1981 tatsächlich das Tabu
gebrochen haben.
Aber wenn wir auf unsere Geschichte insgesamt schauen,
auf die Geschichte des deutschen Volkes insgesamt, dann
muß auch dies ganz nüchtern als ein Teil der Bilanz gesehen
werden. Wir dürfen Preußen nicht überschätzen. Und da
dies ja in einem gewissen Zusammenhang gestanden hat,
lassen Sie mich mit einer überspitzten persönlichen Bemer
kung abschließen: Die Hohenzollern sind eben doch nicht
die Stauffer gewesen. — Ich danke Ihnen recht herzlich.
[Beifall bei der F. D.P. und der SPD]
Stellv. Präsident Longolius; Das Wort hat jetzt Herr Sena
tor Dr. Kewenig.
Dr. Kewenig, Senator für Wissenschaft und Kulturelle An
gelegenheiten: Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
Preußen ist ein wichtiges, Preußen ist vor allem ein lebendi
ges Thema, das jeden von uns angeht. Und ich glaube, auch
diese Debatte zeigt, wie unterschiedlich das Bild von dem
historischen und politischen Phänomen Preußen bei jedem
einzelnen von uns ist. Diese Unterschiede hängen im übrigen
keineswegs immer mit Partei- oder aber mit den Altersgren
zen zusammen. Ich möchte deshalb ausdrücklich feststellen
und dafür danken, daß in einem großen Bereich von Be
trachtung zwischen den Initiatoren der Ausstellung, auch zwi
schen dem gegenwärtigen Senat und dem, was Herr Kollat
eben zur Begründung der mündlichen Diskussion über die
schriftlich beantwortete Große Anfrage gesagt hat, Über
einstimmung besteht.
Und ich möchte aus dem, was Sie, Herr Kollege Kollat,
gesagt haben, drei Dinge aufgreifen und kurz dazu Stellung
nehmen. Sie haben gesagt, einer Ihrer wichtigsten Kritik
punkte ist, daß ich das Konzept der Ausstellung als „diffus“
bezeichnet und hier einen gewissen Vorwurf formuliert habe.
Niemand wird bestreiten, daß Preußen geradezu ein Syno
nym für Janusköpfigkeit und Doppelgesichtigkeit ist und
daß es deshalb sehr schwer ist, ein klares und eindeutiges
und von uns allen akzeptiertes Bild von Preußen zu zeichnen.
Dann haben Sie gesagt, eigentlich müßte doch der Senator
als Wissenschaftler wissen, daß das Bemühen um Objekti
vität gerade bei derart janusköpfigen Gebilden wie Preußen
starke Zurückhaltung und Vorsicht verlangen. Nun, Herr
Kollat, in diesem Punkt möchte ich Ihnen widerspre
chen. Ich glaube, mein Vorwurf der diffusen Konzeption
der Preußenausstellung basiert auf der Beobachtung —, daß
hier nicht ein Wissenschaftler oder von mir aus zwei oder
drei Wissenschaftler eine bestimmte Konzeption von Preu
ßen beschrieben haben, daß sie beschrieben haben, warum
sie die Preußen so sehen und nicht anders, und daß sie mit
klarer Positionsnahme uns die Gelegenheit geben, damit
übereinzustimmen oder nicht — sondern daß es ein Gremium
(C)
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