Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
16. Sitzung vom 11. Februar
k
880
(A)
(B)
Frau Schaar
Ich glaube nicht, daß diese Menschen nach Berlin zum Pro
test gekommen waren, die waren doch hier, um hier zu leberi,
um hier zu arbeiten. Sie hatten damals in den 48er Jahren
von einem Recht Gebrauch gemacht, nämlich von dem Recht
zu demonstrieren, von dem Recht zusammenzukommen, von
dem Recht, Widerstand zu leisten.
[Beifall bei der AL]
Das war wirklich ein sehr anrührender Punkt in dieser Aus
stellung! Einfache Menschen waren aber sonst unterreprä
sentiert. Und unterrepräsentiert erschienen mir auch die
Frauen. In einem Saal tauchte plötzlich die Königin Luise auf,
von der der CDU-Sprecher vorhin hier sprach. Das war ja
fast peinlich, wie er sie glorifizierte. Nach Rosa Luxemburg
hingegen habe ich lange gesucht. Schließlich habe ich ihren
Namen ganz klein neben anderen Leuten der damaligen
Sozialdemokratie gefunden. Wäre es wirklich so gewesen,
wie es hier der CDU-Sprecher dargestellt hat, dann hätte
man doch mehr über Rosa Luxemburg erfahren müssen.
Dann wäre es gut gewesen, der Bevölkerung noch einmal
klarzumachen, daß auch der Satz von ihr stammt: „Freiheit
ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“
[Beifall bei der AL sowie des
Abg. Dr. Lehmann-Brauns (CDU)]
Daß dieses Wort von Rosa Luxemburg stammt, ist zwar in
der Linken bekannt, nicht aber sonst in der Bevölkerung.
Und Sie wissen, wie Rosa Luxemburg geendet hat. Man hätte
ihr durchaus einen größeren Raum widmen sollen, gerade
auch weil diese Ausstellung von der SPD intendiert wor
den ist.
Den Ausstellungsort habe ich als sehr angemessen ge
sehen, gerade weil er im Schnittpunkt all dessen liegt, was
von Preußen übriggeblieben ist: der Blick hinein in die Zer
störung, in das Gelände der ehemaligen Gestapo-Keller, ein
Ort, der eben leider auch auf preußischem Boden ist, ein
Endpunkt preußischer Geschichte, so, wie ja auch die Mauer
ein Endpunkt preußischer Geschichte ist. Der Blick nach
drüben, auf teilweise noch kahle Flächen, auf Zerstörungen
noch aus der Kriegszeit, zeigt lauter Endpunkte preußischer
Geschichte.
[Beifall bei der AL]
Der Ort selbst war also gut gewählt. Man sollte dieses
ehemalige Kunstgewerbemuseum, dem man noch nicht ansah,
wohin die 80 Millionen DM verbaut worden sind, für eine
Fortführung von Ausstellungen nehmen. Wenn ich aber höre,
daß zum Beispiel unser Antrag, eine Ausstellung über die
Machtergreifung und die Faktoren, die zu ihr führten, abzu
halten, leider abgelehnt worden ist, allerdings mit 6:6 Stim
men, dann kann ich nur sagen, man sollte sich noch mal
überlegen, ob man so eine Ausstellung nicht dort als Fort
setzung der Preußen-Ausstellung veranstalten könnte. Genau
an diesem Punkt!
[Beifall bei der AL, vereinzelt auch bei der SPD]
Ich will noch etwas zu dem Presseecho auf die Preußen-
Ausstellung sagen. In der „Sowjetskaja rossija“ sah man die
Preußen-Ausstellung „als Teil einer breit angelegten Kam
pagne zur Rehabilitierung des preußischen Militarismus“. —
Der CDU-Kollege hat ja schon gesagt, daß der Militarismus
auf der Ausstellung viel zu wenig vorgeführt worden sei.
[Zuruf des Abg. Dr. Mahlo (CDU)]
— Ich kann nur sagen: erfreulicherweise „zu wenig“.
[Beifall bei der AL]
Militarismus kann für mich überhaupt immer nur „zu wenig“
repräsentiert sein, sonst kommen wir überhaupt nie voran.
In „Newsweek“ wurde allerdings gesagt, daß sich in dieser
Ausstellung die 10 Millionen DM, die in sie hineingesteckt
worden seien, nicht manifestierten. Jetzt vielleicht noch die
„geistreichste“ Überschrift zu der Ausstellung, die war in
„Bild“ zu finden: „Carstens bei den Preußen — es hupte im
Gemäldesaal“.
[Heiterkeit — Zurufe: Was? Warum?]
— Ich weiß nicht, warum. Da fragen Sie mal die Leute vor.
Springer.
[Dr. Lehmann-Brauns (CDU); Warum bringen Sie
es dann hier, wenn Sie es selbst nicht wissen?]
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Nun noch etwas, wie Ausstellungen nach meiner Ansictj !-
eigentlich sein sollten. Ich glaube, daß diejenigen, die durd *
diese Ausstellung gegangen sind, sicher außer einem diifc *
sen Bild nichts weiter mitgebracht haben. Man sollte sidHk
tatsächlich Gedanken darüber machen, wie man die Bevölke- W
rung mehr aktiv an solchen Ausstellungen beteiligt, wie mar
nicht Riesenspektakel macht, sondern mehr dezentralisierte
kleine Ausstellungen, allerdings auch Ausstellungen, wie wir
sie für die 50. Wiederkehr der Machtergreifung fordern.
es
Wann greift man nun eigentlich immer zu derartigen Aus
Stellungen? — Ich zitiere einmal einen polnischen Journa-
listen, er heißt Adam Krczeminski und hat in der „Zeit“ ge-
schrieben;
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n
fo<
od
Je unsicherer sich die Zukunft abzeichnet, je unrealisti
scher die Verwirklichung des Paradieses auf Erden wird
und je dunkler alle Wirtschaftsperspektiven sind, desto I 3
öfter erheben sich auf dem Friedhof der Geschieht! e
Geister, denen man vor noch nicht allzulanger Zeit
Gnadenschuß versetzte. Alte Legenden werden vot
Staub befreit und neue geschrieben.
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Diesen Worten habe ich nichts hinzuzufügen.
[Beifall bei der AL]
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Stellv. Präsident Longolius: Das Wort hat jetzt der Abge- v0
ordnete Dr. Dittberner.
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Dr. Dittberner (F.D.P.): Herr Präsident! Meine Damen uni
Herren! Zu Beginn meiner Rede möchte ich dem ehemaliger.
Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe dafür danken
daß er die Initiative für diese Preußen-Ausstellungen ergrif
fen und diese Idee dann auch gegen mancherlei Widerstanc
durchgesetzt hat. Damit möchte ich auch den Dank an alle
diejenigen verbinden, die — auf welcher Ebene und an wel
cher Stelle auch immer — zur Durchführung der Preußen-Aus
stellungen einschließlich des Rahmenprogramms beigetra- |
gen haben.
Ich fand diese Idee in einer Zeit, in der der Staat eine:
sehr starken Sinnkrise unterliegt, eine Ausstellung über das
was man doch wohl auch die Inkarnation des Staatsgedan-
kens nennen kann, durchzuführen, eigentlich schon deshalb
faszinierend. Auf der anderen Seite ist es für unsere Situa
tion und für unsere Zeit recht charakteristisch, daß es eigent
lich über dieses Problem, über diesen Gegensatz zwisches
dem staatsabgewandten Denken, der staatsabgewandtei |
Lebenseinstellung vieler unserer Bürger und diesem Prinzip 1(
Preußens, und der Inkarnation des Staatswesens jenseits
nationaler Grenzen, eigentlich keinen Dialog, keine kontro
verse Debatte gegeben hat, - wenn man einmal von de
einen Episode, die auch im Abgeordnetenhaus ihren Nieder * c
schlag gefunden hat, absieht, als dort Plakate gegen die f f
Häuserräumungen im Gropius-Bau unten am Eingang ange
bracht wurden. Das wäre in der Tat etwas gewesen, was für
die Weiterentwicklung unseres Denkens und für die sinn
reiche Verarbeitung von Geschichte notwendig gewesei
wäre. Wenn ich so einiges aus dem Mittelteil der Rede de;
Kollegin von der Alternativen Liste sehe, dann, meine ick
könnte eine solche Debatte im nachhinein auch noch statt
finden — wo auch immer.
B
Es ist also doch wohl so, daß man bei dieser Zwischenbi
lanz, um beim Titel zu bleiben, auch einen Blick in die ge
meinsame Geschichte tun muß und feststellt, daß das in
unserer Nation offenbar keine Brücke darstellt oder noch
keine Brücke darstellt — über diesen einen Graben zwischen
den verschiedenen Kulturen unserer Zeit.
Lassen Sie mich etwas ganz Persönliches zur Präsenta
tionsart sagen: In der Antwort des Senats wird gesagt, hier
sei Neuland betreten worden, was ich nicht so genau beur
teilen kann, ich nehme das hin. Nach meinem persönlichen
Eindruck ist die Fülle und die Vielfalt der Exponate und der
Anrichtung insgesamt dort im Gropius-Bau auf den ersten p
Blick doch eher verwirrend als orientierend gewesen. Das ist
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