Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
16. Sitzung vom 11. Februar 1982
879
r. Mahlo
irampften Versuch, ihn zu verpacken und zu verfremden. Man
ieß die Besucher zunächst über neonbeleuchtete Skelett-
ittrappen steigen, zeigte ihnen zur Betonung der Normalität
dieses Königs persönlichen Kleinkram, belächelte die Schä
bigkeit seiner Uniform und stellte seine Büste dann vor ein
lenster mit dem Blick auf eine trostlose, gespenstisch-zer-
J 'törte Stadtlandschaft. Das, meine Damen und Herren, sind
latte Bezüge; und diese Ausstellung war voll von ihnen.
|as Prinzip der Herabwürdigung hatte noch weitere Höhe
punkte: Königin Luise, Bismarck, den am Ballon baumelnden
Wilhelm I. oder die Totenmaske Friedrichs des Großen in
|inem Drahtkäfig. Vielleicht wurde darauf spekuliert, daß das
Historische Gedächtnis der Völker gemeinhin ein Hühnerge
dächtnis ist. Aber wenig Schauspiele sind so verletzend, wie
wenn ein Kleiner einen toten und daher abwesenden Großen
■fertigmacht. Das Preußen-Jahr ist an einzelnen Punkten miß
verstanden worden als das Recht der Läuse, die Löwen zu
Hessen.
I Man hatte sich die Aufgabe gestellt, Preußen aus den
Duellen und aus seiner Zeit zu interpretieren, aber es reichte
|ur zu einer Ex-post-Betrachtung aus der Perspektive und
den Maßstäben der eigenen Zeit. Die Aussteller rühmten
‘ich eines aufklärerischen Ansatzes. Das wäre gut so. Aber
h Stelle rationaler Information versuchte man das Gefühl
jinzusprechen, indem man mit vagen und zum Teil tendenziös
inszenierten Symbolen und Attrappen arbeitete. Die Aus
steller wollten konservative Preußen-Legenden beseitigen. —
Das war gut. — Aber an die Stelle der alten setzten sie nun
die eigenen, etwa radikal-demokratischen, neuen Rührselig
leiten.
[Schmidt (AL): Empörend! Empörend!]
insgesamt war die Leistung dieser Ausstellung, gemessen
an dem Vorlauf und gemessen an dem Aufwand, mäßig. Die
Verantwortlichen hatten kein Verhältnis zum Gegenstand
rer Arbeit. Wie beim modernen Theater versuchten sie,
|inem alten Stück fremde Inhalte zu unterschieben. — Statt
zu vermitteln, wollten sie verkünden. Was das eigentlich
(preußische war als Staat, als Idee, als Tradition, blieb un
geklärt.
Es scheint, daß unsere Zeit mit ihrem Anspruchsdenken,
dhrer Hypertrophie der Selbstverwirklichung und Selbstbe-
jahung, ihrem absoluten Unverständnis gegenüber aristokra
tischen Werten wie Stil, Rang, Persönlichkeit,
[Ha, ha! bei der SPD und der AL]
jlner preußischen Welt der äußerlich kargen Lebensführung,
der Selbstdisziplin und der Selbstbescheidung
[Schmidt (AL): Und der Kriegstreiberei!]
sowie der Vorstellung des Lebens als einer Verpflichtung
jegenwärtig zu weit entrückt ist, um ihr noch angemessen zu
]egegnen. - Ich danke Ihnen.
[Beifall bei der CDU]
Das Wort hat jetzt die Frau
Stellv. Präsident Longolius:
|bgeordnete Schaar.
Frau Schaar (AL): Herr Präsident! Meine Damen und Her
fen! Das was ich bisher gehört habe, war eigentlich recht
feteressant in bezug auf aas, was die einzelnen Fraktionen
|us der Preußen-Ausstellung gemacht haben. Ich hatte mich
efragt, warum denn die SPD diese Große Anfrage gestellt
atte, war noch nicht so unterrichtet und habe jetzt nach-
äglich aus der Würdigung des Kollegen Kolfat gehört,
orum es der SPD gegangen ist; nämlich um eine Rechtfer-
gung der Idee von Herrn Stobbe, diese Ausstellung zusam
men mit der Festspiele GmbH zu initiieren. Ich hätte - das
Wuß ich allerdings sagen — von der SPD doch recht gern ein
o Schon mehr Kritik zur Ausführung der eigenen Idee gehört.
Die andere Antwort war für mich allerdings symptomatisch
■für die CDU, von der ich eigentlich annahm, daß sie ein biß
chen moderner in ihrer Anschauung geworden sei bezüglich
yessen, was Preußen betrifft. Aber ich habe doch das Gefühl,
;vaß ich da Worte gehört habe, die ich vielleicht zum letzten
Mal in meiner Jugendzeit — noch sehr frühen Jugendzeit, in (C)
der Kindheit — so intensiv dargestellt bekommen habe.
[Beifall bei der SPD]
Wenn ich also jetzt noch einmal davon ausgehe, daß der
Titel dieser Ausstellung „Preußen — Versuch einer Bilanz“
hieß, daß es also sehr vorsichtig angedeutet war, so möchte
ich dazu sagen: Ich selbst bin, wenn ich jetzt diesen Titel
mit dem, was für mich selbst dabei herausgekommen ist, ver
gleiche, damit durchaus einverstanden, daß es sich um den
Versuch einer Bilanz gehandelt hat. Bilanz bedeutet für mich
die zusammenfassende Gegenüberstellung von Aktiva und
Passiva — so entnehme ich es jedenfalls dem Lexikon. Und
unter dem Strich kommt dann ein klares Ergebnis zutage,
also: Aktiv oder Passiv, Gewinn oder Verlust oder schließ
lich; die Balance aus beiden — der absolute Wertausgleich.
So bin ich persönlich — ich bin ja als AL-Vertreterin nicht der
gefragte Senat, aber auch nicht die fragestellende Fraktion,
die natürlich daran interessiert ist, nur Lobe zu hören — der
Ansicht, daß unterm Strich plus/minus herausgekommen ist
und daß selbst eine riesengroße Besucherzahl für mich noch
keine inhaltliche Aussage bedeutet. Ich frage mich überhaupt,
warum diese Ausstellung zustande gekommen ist in einem
Jahr, das plötzlich als „Preußen-Jahr“ deklariert wurde — ich
kenne dieses Jahr 1981 als „Jahr der Behinderten“, und ich
frage mich jetzt tatsächlich: Gibt es da einen bestimmten,
anderen Ansatz als den, daß Herr Stobbe nun einmal auf die
Idee gekommen ist? — Er hat übrigens einmal davon ge
sprochen und gefragt, „welcher Teufel ihn denn geritten
habe“, als er auf diese Idee gekommen ist. Das habe ich
nachgelesen. — Es ist also für mich noch immer fragwürdig,
warum in diesem Jahr, in dem die dritte Zerstörung Berlins
ganz offenbar wurde, nun das „Preußen-Jahr“ deklariert und
eben diese große Preußen-Ausstellung inszeniert worden ist.
Ich möchte sagen: Die erste Zerstörung — das wissen wir
alle — hat der Krieg bewirkt, und dieser Krieg war sicher
eine Ursache auch preußischer Geschichte — das können wir
einfach nicht hinwegleugnen. Die zweite Zerstörung war die
ganz deutliche Trennung einer gewachsenen Stadt — das
war der Mauerbau —, und die dritte Zerstörung hat für mich (D)
tatsächlich dann stattgefunden, als der SPD-Senat mit seiner
Häusersanierung begonnen hat, die dann als Total-Zerstö-
rung auf ihn zukam, und zwar in Form riesigster Spekulatio
nen, an denen wir jetzt alle noch zu tragen haben. Deswegen
gab es für mich eigentlich gar keinen Grund, jetzt ein Jahr
zum Beispiel zum „Preußen-Jahr“ zu machen. Für mich ist
das Jahr 1981 auch mit den spektakulären Häuser-Räumun-
gen verbunden, und ich hoffe, daß dieses „Preußen-Jahr“
nicht symbolhaft für die Form ist, wie man mit Minderheiten
umgeht.
Um jetzt noch einmal auf Herrn Stobbe zurückzukommen,
möchte ich etwas zitieren, was er in einem Artikel gesagt hat:
Meines Erachtens ist Preußen daran zerbrochen, daß es
letztlich nicht wußte, in welchen Dienst, für welche Ge
sellschaft es seine Tugenden bereitstellen sollte.
Sollte es die Intention der Preußen-Ausstellung gewesen
sein, dies herauszustellen, so wäre dies erfüllt worden. Dafür
aber zehn und mehr Millionen DM Steuergelder zu ver
schwenden, erscheint mir in einem Jahre neuer Rotstiftpolitik
mehr als zweifelhaft. Man kann auch bei dieser in bekannter
Manier im Rahmen der Berliner Festwochen aufwendig und
spektakulär abgehaltenen Ausstellung davon ausgehen, daß
eine Aneinanderreihung subjektiver, kultureller und histori
scher Restbestände nicht dazu angetan ist, ein objektives
Bild über die Tradition Preußens zu vermitteln. Schon gar
nicht wurden darin jene Menschen lebendig, die als einfache
Bürger und Bauern, als fleißige Industriearbeiter, auch als
verelendetes Proletariat dem Staat Preußen zur Blüte ver
halten. Einmal sah ich in der Ausstellung eine Namenstafel,
die mich sehr angerührt hat, und zwar standen darauf die
Namen der März-Gefallenen der 48er unvollendeten Revolu
tion. Das waren einfache Leute, die hier in Berlin gelebt
haben. Da drängte sich mir eine Parallele auf zu einer Dis
kussion, in der ganz herabsetzend von der Protestbewegung,
die sich jetzt bei der Jugend herauskristallisiert hat, ge
sprochen wurde. Ich meine die Feststellung, daß das ja
meistens gar keine Berliner seien. Auf dieser Tafel stand der
Name eines Schneiders aus Neustettin, der niederkartätscht
wurde, einer Arbeiterin aus der Friedrichstraße, eines Buch
bindergesellen aus Bromberg, Tischlergesellen aus Leipzig.
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