Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
16. Sitzung vom 11. Februar 19g;
878
i
(A)
(B)
Kollat
Ich zitiere:
Die Verantwortlichen dieser großen Ausstellung, Profes
sor Schlenke und Dr. Korff, haben sich von zwei Grund
sätzen leiten lassen: nicht in Schwärmerei über eine Ver
gangenheit zu geraten, die zumindest angreifbar ist, aber
sich auch nicht hinter einer gänzlich negativen Haltung
zu verschanzen. Das war ein schwieriges Unterfangen,
das aber weitgehend geglückt ist. Die Ambivalenz des
preußischen Phänomens wurde in einer Weise deutlich
gemacht, die es dem Besucher ermöglicht, sich selbst ein
Urteil zu bilden.
Ich wende mich dem Punkt zwei der Senatsantwort zu. Hier
ist entsprechend unserer Anfrage die Rede vom Gropius-
Bau; und wir wären dankbar, wenn wir vom Senat etwas er
fahren könnten über die Zukunft dieses Baues; denn daß er
inzwischen in das allgemeine Interesse gerückt ist — auch ein
Verdienst der großen Preußenausstellung —, das ist unbe
stritten. Wir wollen nun wissen, was in der Zukunft mit diesem
Bau geschieht; wir wollen nicht wissen, wieweit er fertigge
stellt und restauriert wird, sondern wir wollen wissen, welcher
Nutzung er zugeführt wird. Bleibt es bei dem, was der alte
Senat noch konzipiert hatte, oder — wie wir gehört haben —
wird er gegebenenfalls ein Museum für deutsche Geschichte?
- Ich hätte beinahe gesagt, ein Museum für deutsche All
tagsgeschichte. Darauf erwarten wir klare Antwort.
Ich komme zu Punkt drei der Senatsantwort, und da heißt
es „Je weiter von Berlin, desto freundlicher war die Bericht
erstattung“; diesem Eindruck kann ich mich nicht anschließen.
Sie wissen, daß die SPD in dieser Stadt zu Teilen der Presse
ein gebrochenes Verhältnis hat, und umgekehrt ist es wohl
genauso; aber gerechterweise muß man zugeben, daß die
Berliner Presse insgesamt mit ganz wenigen Artikeln nicht
nur große Aufmerksamkeit der Preußenausstellung gewidmet
hat, sondern ihr auch die notwendige Anerkennung gezollt
hat, worüber wir uns immer wieder gefreut haben.
Zu Punkt vier der Senatsantwort ist folgendes zu sagen:
Hier vermerkt der Senat — und das muß betont werden, und
ist gut und schön so —, daß der Anteil der Schüler und der
jugendlichen Besucher sehr hoch und erfreulich war. Ja, das
ist auch erfreulich zu vermerken. Professor Schlenke nun, um
bei dem Thema Jugend und Schüler zu bleiben, erklärte als
Betreiber, als Organisator dieser Ausstellung neben Dr. Korff,
bereits 1981 folgendes —
Impulse für den unzulänglichen Geschichtsunterricht an
den Schulen könnten von dieser Preußenausstellung
— und ich füge hinzu: Sollten von dieser Preußenausstel
lung -
ausgehen.
Indem ich indirekt die Senatorin für das Schulwesen, Frau
Dr. Laurien ansehe, weise ich auf ein Zitat des ehemaligen
Bundespräsidenten Scheel hin, der 1976 vor dem Historiker
tag zu diesen Fakten folgendes ausgeführt hat, was mir noch
immer hochaktuell zu sein scheint:
Das historische Bewußtsein eines Volkes aber wird
hauptsächlich in den Schulen geprägt. Deshalb sollte es
unter anderem das Ziel des Geschichtsunterrichts sein,
den Schülern ein tiefes Mißtrauen gegen jede einseitige
Geschichtsdeutung mit auf ihren Lebensweg zu geben.
Unsere Jugend wird den Sinn dieses freiheitlichen deut
schen Staates nur verstehen, wenn sie die deutsche
Geschichte kennt.
Sofern Sie in den Punkt sechs der Anfrage schauen, werden
Sie entsprechendes finden.
Der langen Rede kurzer Sinn: Wir begrüßen den Tenor der
Antwort des Senats; wir sind befremdet über einige Wider
sprüche, zum Beispiel im Punkt sieben, wo wiederum die
Rede von „diffus“ ist, wo es fast im nächsten Satz heißt „Das
Phänomen Preußen“ — ein Widerspruch in sich. Beinahe
denkt man, hier solle die Phänomenologie des Geistes von
Hegel neu aufgelegt werden. Aber im großen und ganzen
sind wir mit der Anerkennung, die hier stattgefunden hat,
zufrieden, und können nur abschließend wiederum die vor
hin genannte französische Zeitung zitieren, die über die Aus
stellung folgendes festgestellt hat, dem wir als Sozialdemo
kraten nichts hinzuzufügen haben:
Diese große und schöne Ausstellung, die mal amüsant
ist dank des ironischen Scharfsinns, den die Veranstaltet
bewiesen haben, mal überwältigend dadurch, daß ohne
Umschweife
französisch heißt es viel besser ,sans phrase 1 —
auf die negativen Aspekte der preußischen Geschichte
hingewiesen wird, ist wirklich das große Ereignis der
Berliner Saison 1981.
— Ich bedanke mich.
[Allgemeiner Beifall]
Stellv. Präsident Longoiius: Das Wort hat jetzt der Abge
ordnete Dr. Mahlo. !
Dr. Mahlo (CDU): Herr Präsident! Meine Damen und Her
ren! Es ist wahr, Herr Kollege Kollat, das Unternehmen
Preußenausstellung war im Ausmaß flächendeckend und irr,
Stil zeitgemäß, und ich bin auch gern bereit, die von Ihnen
angeführten oder zum Teil nicht angeführten, aber gemeinten
Pluspunkte dieser Ausstellung wenigstens teilweise zu be
scheinigen. Aber im Gegensatz zu Ihnen bin ich nicht der
Ansicht, daß es die Pluspunkte waren, die den Gesamtein-
druck der zentralen Preußenausstellung bestimmten. Dazu
war die Auswahl der Organisatoren und ihrer Mitarbeiter zu
problematisch, dazu war die wissenschaftliche Bearbeitung
zu flüchtig, die ästhetische Qualität der Ausstellung in großes
Teilen zu dürftig und die Themenauswahl sowie die Inter
pretation einzelner Exponate zu oft willkürlich.
[Beifall bei der CDU]
Indem man 50% der Fläche für die Zeit nach 1850 reser-
vierte, hat man den Blick auf das historische Preußen optisch
und thematisch durch Gründerzeitpomp verstellt. Es bedurfte
ja an sich keiner 10-Millionen-Mark-Ausstellung, um sich mit
dem Phrasen-, Bier- und Fahnenklimbim, der in der Tat die
Spätzeit bestimmte, auseinanderzusetzen.
Große Themen, viele davon reizvoll wegen ihrer Gegen
sätzlichkeit zum Geist unserer Zeit, wurden vernachlässigt -
die Freiheitskriege, die Steinschen Reformen, der deutsche
Idealismus, der Einfluß Kants auf das 19. Jahrhundert. Ein
solches vernachlässigtes Thema war die preußische Armee.
Sie hat in der Welt als Vorbild gegolten; an ihr waren viele
geschichtliche Mächte bildend tätig gewesen — der Adel
Brandenburgs in seiner kargen Lebensform, das spätmittel
alterliche Erbe des Deutschen Ordens, dann das Kavaliers
ideal, das zuletzt französisch, davor spanisch war und das in
seinem Kern Reste der aristokratischen Heeresverfassung
Roms enthielt. Dann der Einfluß der Befreiungskriege, die
Lehre vom Kategorischen Imperativ, protestantisch-pietisti-
sehe Strömungen, die deutsche klassische Literatur, der wis
senschaftliche Geist des 19. Jahrhunderts. Es wäre reizvoll
und wohl auch geboten gewesen, in einer solchen Ausstel
lung diese Legierung zu analysieren und ihr auf ihre Ur
sprünge hin nachzugehen. Statt dessen mußte Berteau aus
Frankreich kommen, um uns vom Ethos der preußischen
Armee etwas zu erzählen. Das Militär kam in dieser Ausstel
lung nur im Sinne kriegführender Staatssklaven und der
preußische Offizier nur als Fließband-Bild des 18. Jahrhun
derts vor. Ich bestreite nicht, daß es das gab; ich bestreite
nicht, daß es legitim, ja, notwendig war, das in diese Aus
stellung mit aufzunehmen, aber ich bedauere die schäbige
Einseitigkeit, mit der hier zu Werke gegangen wurde.
[Beifall bei der CDU und des Abg. Thomas (SPD)]
Die Ausstellung hat weniger preußische Geschichte als
Struktur-Geschichte am Beispiel Preußens dargestellt. Daher
kamen etwa die preußischen Landschaften, etwa der ärm
liche Klassizismus der kleinen Landstädte oder die Groß
artigkeit der Architektur des Deutschen Ordens in dieser
Ausstellung nicht vor. Aber sie hatten vermutlich mit Preußen
mehr zu tun als das ganze Gründerzeit-Spektakel aus Styro
por und Pappmache.
Groß war die Angst der Aussteller vor Friedrich II.; anstatt
ihn in seinen Widersprüchen und in seiner Zeitgebundenheit,
aber auch in seiner Größe darzustellen, gab es den ver-
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