Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

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bgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
15. Sitzung vom 28. Januar 1982
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i r . Kunze
ewältigung dieses Vorgangs. Ich finde das sehr gut, denn
„es ist ja wohl mit Tucholsky schwer zu machen, nämlich ein
edenkzimmer einzurichten und zu meinen, damit sei es nun
jollbracht! Das wäre, jedenfalls auch aus der Sicht von Tu-
di lolsky, ein ganz schlechter Witz, und Berlin sollte sich diesen
Ir« Rechten Witz im Umgang mit diesem Schriftsteller, der in
erlin geboren ist, dessen Geburtshaus hier noch existiert,
^cht leisten!
Ich finde es erfreulich, daß der neue Kultursenator
[Sellin (AL): Wo ist er denn?]
er Literatur wieder einen wichtigeren Platz in der kulturellen
andschaft der Stadt beimessen will. Das deckt sich mit Be
übungen der F.D.P.-Fraktion schon in den letzten Jahren.
Iir haben ja schon vor geraumer Zeit hier einen Beschluß
“! srbeigeführt, zunächst einmal über die Erstellung eines Lite-
iturberichtes; der wird ja dann auch irgendwann Mitte des
ahres kommen. Das, was an praktischer Idee von Herrn Se-
y ator Kewenig bisher öffentlich erkennbar vorhanden ist, ist
110 un allerdings, ein Literaturzentrum am Kudamm einzurichten,
un finde ich ja sehr gut, daß am Kudamm lebendige Litera
ir stattfinden soll. Das wäre ein Stück vernünftiger Sanierung
es Kudamms, viel vernünftiger als vieles vieles von dem, was
K ater der Überschrift „Kudamm-Sanierung“ gegenwärtig öf-
ntlich diskutiert wird.
[Beifall der Frau Abg. Schaar (AL)]
sd lan muß aber kritisch nachfragen, ob es beim Kultursenator
isi ine Priorität für Kudamm-Literatur im Verhältnis zu dem Um-
irli ang mit dem Geburtshaus von Tucholsky, das nun aus dieser
icht bedauerlicherweise nicht am Kudamm liegt, gibt? Das
ann ja wohl nicht wahr sein, sondern man wird den Standort
les Geburtshauses von Tucholsky schon ernst nehmen müs-
en und nicht durch Verwaltungsverfügung an den Kudamm
eil ersetzen können und dann am Geburtsort nur eine Gedenk-
ifel übriglassen. Das wäre wieder eine Gedenktafel, die
bllig unzureichend ist. Die günstige Lösung — darin stimme
:h wahrscheinlich mit Herrn Kewenig völlig überein — wäre
:h( eides, das ist völlig selbstverständlich. Nur, die reale Lösung
:ui arf nicht zu Lasten eines — ich sage das mal ganz einfach —
nständigen Umgangs der Stadt Berlin mit diesem Geburts
aus von Tucholsky gehen. Und bisher ist die Stadt Berlin mit
em Geburtshaus von Tucholsky unanständig umgegangen,
inanständig im tiefen Sinne des Wortes. Und ein anständi
ger Umgang besteht nicht darin, dort eine Gedenktafel auf-
öjstellen, sondern kann nur darin bestehen, daß dort leben-
lige Literatur inmitten der realen Gesellschaft, nämlich dort
der Gegend, die gar nicht so fein ist, stattfindet. Alles an-
iere ist ein Sichwegstehlen vor der konkreten Gestalt Tu-
diolskys, die ja eine Herausforderung ist für unsere ganz
aktuellen politischen Auseinandersetzungen. Tucholsky hat ja
« jehetzt, für den Frieden gehetzt. Er war ein radikaler Frie-
di tensfreund, ein Pazifist! Ich bin keiner, aber ich bin sehr da-
iäl (egen, daß man Pazifisten heute wieder in eine Ecke von
Jaterlandsverrätern hieinstellen will, eine ganz, ganz böse
[endenz!
[Beifall bei der SPD und der AL]
ir wissen, wo so etwas landen kann.
a Der Herr Zwerenz, der sich ja mit Tucholsky sehr gründlich
efaßt hat, hat dem Regierenden Bürgermeister einen offenen
rief geschrieben, in dem er sehr dringlich anmahnt, daß aus
en Bekenntnissen aller drei Fraktionen damals in Sachen
ücholsky-Geburtshaus nun endlich etwas werden möge, nicht
'useum für deutsche Geschichte oder dergleichen, alles Pro-
kte über die man diskutieren kann, nur wenn solche Pro-
kte plötzlich in die Debatte kommen, ohne daß alte Ver
gebungen in diesem Bereich wirklich einer Realisierung
geführt werden, dann erweckt man den gefährlichen Ein
ruck, es habe womöglich Methode, und einem solchen Ein
ruck sollten wir durch kräftige und eindeutige Taten mög-
Jchst schnell eindeutig entgegentreten. Das beste wäre, der
gntrag fände seine Erledigung durch einen Senatsbeschluß
it dem gleichen Inhalt.
[Beifall bei der F.D.P., der SPD und AL]
Stellv. Präsident Franke: Das Wort in der Beratung hat der
Abgeordnete Dr. Lehmann-Brauns.
Dr. Lehmann-Brauns (CDU): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Ich will kurz begründen, weshalb wir zu der Idee
dieser Tucholsky-Erinnerungsstätte Ja sagen. Tucholsky, sein
Talent, seine Produktivität, sein Witz, sind nicht nur in die
Literaturgeschichte eingegangen, nicht nur in Kabarettpro
gramme, sondern sie sind das geworden, was sich jeder Lite
rat wünscht, sie sind Berliner Geist geworden, Berliner Geist
auch in einem quantitativen Sinne. Tucholsky ist mehr als
seine vielleicht bedeutenderen Zeitgenossen wie Kurt Hiller
oder Karl Krauss volkstümlich geworden und volkstümlich ge
blieben, in Ost wie in West, anders als Glasbrenner, Mühsam
und als Walter Mehring.
Unser Ja zu dieser Idee ist noch ergänzungsfähig durch die
Tatsache, daß die Berliner Akademie der Künste einen we
sentlichen Teil seines Nachlasses beherbergt. Sie wissen viel
leicht, daß nicht nur seine Bibliothek, sondern auch sein Mo
biliar aus der Pariser und Stockholmer Zeit vollständig vor
handen sind. Es könnte also leicht in der Wohnung — genauer
gesagt, Herr Kunze, in der Wohnung seiner Eltern — in der
Lübecker Straße 13 untergebracht werden.
Unsere Fragezeichen zu dieser Initiative richten sich also
nicht gegen ihre Zielrichtung, wobei ich die manchmal in die
Nähe der Hysterie kommenden Zwischentöne gern überhöre,
vielleicht nur dies dazu: Daß nämlich bei einem derart ver
breiteten Tucholsky heute kein Intendant auf die Idee käme,
Bedenken gegen seine Veröffentlichungen zu haben. Herr
Kunze, diese Befürchtung scheint mir derartig abwegig zu
sein, daß man kein weiteres Wort darüber zu verlieren
braucht.
[Momper (SPD); Na, warten Sie mal ab! —
Dr. Kunze (F.D.P.) meldet sich zu einer Zwischenfrage]
— Ich erwarte die Frage, die sich ankündigt.
Stellv. Präsident Longolius: Sehr hilfreich, Sie haben den
Wechsel überbrückt. Bitte sehr, Herr Dr. Kunze!
Dr. Kunze (F.D.P.): Herr Kollege Lehmann-Brauns, stim
men wir darin überein, daß es uns allen guttäte, wenn Tu
cholskys nicht erst 50 Jahre später mit öffentlichem Wohlwol
len aufgeführt, vorgeführt und dargestellt werden dürften,
sondern dann, wenn sie da sind und konkret praktisch schrei
ben und ihre Meinung sagen?
[Vereinzelter Beifall bei der SPD]
Dr. Lehmann-Brauns (CDU): Ich bin voll dieser Ansicht, ver
ehrter Herr Kunze, weiß allerdings aus Kenntnis der Weima
rer Zeit, daß Tuchosky damals nicht nur das Recht hatte, son
dern von diesem Recht Gott sei Dank in weitem Maße Ge
brauch gemacht hat; und das war gut so; es war ja auch eine
Demokratie, in der er lebte.
Unsere Fragezeichen sind mehr technischer Natur. Da ist
einmal die Frage, ob man in der Zeit der knappen Mittel wirk
lich das ganze Haus Lübecker Straße 13 beanspruchen sollte.
Ich weiß nicht, ob Sie sich da so festlegen wollten, jedenfalls
scheint mir das schon deshalb bedenklich, weil da 20 Miet
parteien vorhanden sind. Wollen Sie den allen kündigen? Das
ist wohl noch etwas undurchdacht.
Und dann ist da noch etwas, das man im Sinne von Tu
cholsky durchdenken sollte, Herr Kunze: Die Lübecker Straße
liegt nicht nur abseits vom Kurfürstendamm, sondern sie liegt
auch abseits der alternativen Szene. Die Frage ist also, ob
eine Gedenkstätte an diesem Standort nicht sehr schnell ver
kümmert, nicht bald zu einem Stück musealen Rests von Lite
raturkonvention in Berlin wird. Das ist eine Frage, die ich jetzt
nicht aus taktischen Gründen stelle, um dem Projekt einen
Stoß zu versetzen, sondern die ich stelle in der Hoffnung,
daß wir im Ausschuß oder wo auch immer noch etwas inten
siver darüber diskutieren können.
Eines habe ich allerdings zu Ihrem Vorschlag kritisch anzu
merken, und das ist das Konzept oder der Begriff „Literatur-
(C)
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