Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

15. Sitzung vom 28. Januar 1982
82
Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
821
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e JAZ“ von dem jungen Mann, der in Wilmersdorf aus der
AL ausgetreten ist. Er sagte:
Das Unvermögen der meisten jungen Leute in Berlin ist
es, leider Gottes, sich mit ihrer eigenen Geschichte, ihrer
eigenen Identität zu befassen.
der Kernsatz des ganzen Interviews. Ich frage Sie, was ist
eigentlich bei den jungen Leuten, an denen dieser junge
Wann, der Jude ist, gescheitert ist, so wesentlich anders als
beim größten Teil der Gesellschaft in unserem Lande? Was
ist eigentlich dabei so anders?
[Beifall bei der SPD]
Ich möchte auf ein paar Punkte eingehen, nicht auf rechts
extremistische Terrororganisationen oder dergleichen. Es
gibt in dieser Gesellschaft eine weitverbreitete Strömung,
Iceine rechtsextreme Strömung, die jedoch manchen rechts-
ßxtremcn Anschauungen den Boden, den Weg bereitet. Ich
4age das in keine Richtung dieses Hauses vorwurfsvoll.
Wenn wir oft allzuleicht hierzulande an den Abbau von
Sozialleistungen herangehen, weil uns natürlich die finan
zielle Not der Haushalte drückt, ist das nicht eine Parallele
J2u den 30er Jahren, die uns zu denken geben sollte? Wenn
wir 60 000 Arbeitslose in der Stadt haben, ist das nicht eine
iZahl — natürlich keine sieben Millionen wie in den 30er Jah-
die uns zu denken geben sollte? Und rührt nicht die
SHoffnungslosigkeit vieler junger Leute aus der Arbeitslosig
keit her, aus mangelnder Bildung natürlich auch? Wenn man
isich junge Rechtsextreme anguckt, dann liegt es oft daran.
Ich meine, wir haben auch aus der Geschichte zu lernen,
historische Parallelen zu beachten, zum Beispiel auf Anti-
iparteieneffekte, die es hierzulande gibt. Was mir Mut macht,
ilas möchte ich zum Schluß sagen: Bei dem Trauermarsch
;zu dem Anschlag auf das Lokal in Wilmersdorf, im Geden
ken an das dort ums Leben gekommene Baby, hat es mich
.sehr ermutigt, daß ganz überwiegend junge Leute dabei
•waren. Man muß auch sagen: leider kaum Ältere. Aber die
Jungen machen einem Mut!
[Beifall bei der SPD und der AL]
Präsident Rebsch: Das Wort hat der Abgeordnete Rasch.
Rasch (F.D.P.); Herr Präsident! Meine Damen und Her
fen! Ich möchte das aufgreifen, was der Kollege Momper
hier unter anderem aufgeführt hat, nämlich die Bemerkung,
jdaß es wohl nicht sinnvoll sei, sich in gegenseitigen Vor
würfen zu ergehen, sondern daß wir gemeinsam den Ver
buch machen müssen, dem Problem des Rechtsextremismus
|bder Neofaschismus mit geeigneten Maßnahmen in unserer
■Stadt Herr und gerecht zu werden. Und ich glaube, wenn
man einmal einen Blick in die Geschichte wirft, Frau Kol
legin Brunn, so muß man doch zumindest für diese Stadt
feststellen, daß Berlin nicht der Kernpunkt der faschistischen
Bewegung war,
[Beifall bei der F.D.P.]
1
f
sondern Berlin war eher die Hochburg des Antifaschismus,
Frau Brunn; die Brutstätten waren München und Nürnberg,
rst nach der Machtergreifung hat sich die Szenerie und die
eale Machtlage verändert. Ich sage auch im Interesse der
'tadt, daß wir ein gutes Verhältnis zu unserer Geschichte
aben sollten.
Der zweite Punkt, den ich ansprechen möchte: Natürlich
kann man sehr ernsthaft die Frage stellen, ob man noch ein
weiteres Mahnmal in dieser Stadt errichten sollte; nach der
These, es kann eigentlich gar nicht genügend Mahnmale
äpben, um den Jugendlichen die Vergangenheit und auch
•he Gegenwart vor Augen zu führen, damit sie umdenken,
ilmlernen und sich an das erinnern lassen, was an Belasten
dem und Entsetzlichem in unserer Geschichte geschehen ist
und heute noch geschieht.
Vielleicht sollten wir vielmehr die bestehenden Möglich
keiten nutzen, um den jungen Leuten in unserer Stadt die
ses vor Augen zu führen. Ich denke hier zum Beispiel an die
Gedenkstätte Plötzensee, die ja längst nicht in dem Umfang
als Mahnmal und zur Demonstration unserer entsetzlichen
Vergangenheit genutzt wird; und — ich greife hier auch die
Bemerkung des Kollegen Dr. Dittberner auf — ich finde es
sehr sinnvoll und richtig, die Schüler und Lehrer zu moti
vieren, daß jeder Berliner Schüler nach Möglichkeit einmal
ein Vernichtungslager gesehen hat. Wir haben doch alle ein
mal die erschütternde Erfahrung gemacht — und ich weiß,
auch noch in ehemaliger Verantwortung für den Bereich
der Schulen, wovon ich spreche —, daß die Fülle von ab
straktem Dokumentationsmaterial, von hervorragenden Do
kumentationsfilmen längst nicht so unter die Haut ging und
sich so mobilisierend auswirkte, wie zum Beispiel der von
vielen verschriene Film „Holocaust“.
Wer aber durch die Emotionalität und emotionale Bindung
an ein ganz persönliches menschliches Schicksal auf einmal
mit Betroffenheit feststellte, das hätte auch mir passieren
können, wenn ich in dieser Lage gewesen wäre, hat gezeigt,
daß die emotionale Bindung und nicht die nur nüchterne,
abstrakte, kalte Darstellung einer entsetzlichen historischen
Brutalität und Vernichtung notwendig ist. Dazu sind wir in
der Gegenwart viel zu sehr an Brutalität und Vernichtung
gewöhnt. Aber die emotionale Bindung ist notwendig, um
das ganze Ausmaß der persönlichen Schicksale und damit
auch das Nachempfinden zu ermöglichen.
Insofern kann ich nur hoffen, daß es uns gemeinsam ge
lingt — und das sage ich auch Ihnen, Frau Kollegin Dr. Lau
nen —, diese antifaschistischen Rundfahrten, die immer —
ich kann mich selbst sehr genau daran erinnern — umstrit
ten waren, im Dialog mit den Veranstaltern besser zu
machen, so daß sie auch wirklich ein historisches Bewußt
sein und Betroffenheit vermitteln können. Das ist der Punkt.
Natürlich werden da pauschale und plakative Sprüche ab
gelassen, die überhaupt nicht akzeptabel sind; aber an sich
ist die Idee gut, es gilt nur, etwas Vernünftiges daraus zu
machen.
[Beifall bei der SPD, der CDU und der F.D.P.]
Meine Damen und Herren - der Kollege Momper hatte das
hier auch noch sehr ausführlich angesprochen -, natürlich
müssen wir uns fragen, wo die Ursachen liegen, daß Schüler
in der Schule sich so verhalten können, Hakenkreuze an die
Wände malen, Sprüche machen und gehässige Witze erzäh
len. Ich will das Problem nicht bei dem Elternhaus allein
abgeben, aber ich wehre mich mit der Schule dagegen, daß
man glaubt, man könne es bei der Schule abgeben. Es ist
ein gesellschaftliches Problem, wenn Eltern, Kollegen oder
Mitarbeiter Judenwitze erzählen, dann kann man sich nicht
wundern, wenn in unserer Gesellschaft Jugendliche dieses
an die Tafel schreiben, zumal sie wissen — ich glaube, Herr
Kollege Diepgen hat dies angesprochen —, daß man damit
ein Tabu berührt, daß eben Aufregung hervorruft. Man kann
das in dieser Gesellschaft auch wunderbar demonstrieren.
Das heißt, es ist ein Problem der Gesellschaft insgesamt,
der Erwachsenen, und wir dürfen uns nicht wundern, wenn
die Jugend derartige Sachen macht, da sie sich sogar daran
orientiert, daß es uns Erwachsenen nicht gelingt, der jungen
Generation das Schreckliche zu vermitteln und ihnen Bin
dungen und Werte mitzugeben. Da liegt der Hase begraben
und nicht bei den Jugendlichen, auf die man dann starrt und
leicht als Radikalinskis und Extremisten verurteilt.
[Glocke des Präsidenten]
Wir müssen hier andere im Auge haben und nicht diese
Generation. Ich will dazu aufrufen, daß es uns gelingt,
unsere Bemühungen zu intensivieren, und auch auf die Ur
sachen entschieden hinzuwirken. Materialien, Papiere und
Filme, alles das haben wir in Hülle und Fülle. Wir müssen
der jungen Generation ein Wertbewußtsein vermitteln, über
das, was da geschehen ist. Unser tägliches Tun — auch in
bezug auf die Ausländer — trägt eben leider allzuoft dazu
bei, daß Jugendliche immer wieder so reagieren. Das muß
uns betroffen machen und eben nicht eine billige und leichte
Verurteilung der jungen Generation. Ich danke Ihnen!
[Beifall bei der CDU, der SPD und der F.D.P.]
(C)
(D)
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