Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
11. Sitzung vom 26. November 15
ige
558
(A)
(B)
Dr. Dittberner
nC
gegenüber den Universitäten zugedacht werden soll. Sie
fangen die minderqualifizierten Studenten und die weniger
angesehenen Studiengänge ab,
fFrau Dr. Besser (CDU): Das ja eben nicht!]
um für eine hohe Qualifikation und ein hohes Sozialprestige
im universitären Bereich zu sorgen. Genau diese Vorstellung
wäre jedoch irreal. Die Trennung zwischen berufsorientier
tem Studium an der Fachhochschule und theorieorientiertem
an der Universität existiert doch in Wirklichkeit gar nicht.
Sind das Lehrer-Studium, das Jura-Studium oder Medizin-
Studium nicht mindestens ebenso berufsorientiert wie etwa
das Wirtschaftsstudium an der Fachhochschule für Wirt
schaft? — Die inhaltlichen Unterschiede, so sehe ich es
jedenfalls, zwischen Fachhochschulen und Universitäten sind
im allgemeinen nicht systematischen, sondern historischen
Ursprungs.
Administrativ gesehen jedoch sind die Unterschiede deut
lich erkennbar: Die Zulassung zu den Fachhochschulen ist
stärker der Berufswelt geöffnet, ebenso im allgemeinen —
nicht in jedem einzelnen Fall — das Lehrpersonal und vor
allen Dingen, das Studium ist von Praktika durchsetzt und
auf sechs Semester begrenzt. Ich frage Sie: Ist das nun
ein Vorteil, oder ist das ein Nachteil? — Bereits diese Über
legungen zeigen doch, daß jeder Hochschulpolitiker ver
pflichtet sein muß, darüber nachzudenken, wie die Studien
gänge in unserer Stadt an den Universitäten und Fachhoch
schulen besser aufeinander abgestellt, wie Kurzstudien
gänge auch an den Universitäten plaziert, wie Parallelstu
diengänge vermieden werden können. Das alles sind Pro
bleme, die unter der Überschrift „Gesamthochschulen“ erör
tert werden müssen — so wie es im Berliner Hochschul
gesetz steht. Wenn dabei nur der Begriff „Gesamthoch
schule“ stört, meine Damen und Herren und Herr Senator
Kewenig, so wird sicherlich niemand etwas dagegen haben,
statt dessen beispielsweise „Hochschulplanung“ zu sagen.
Diese mehr grundsätzlichen Probleme werden nun von
unseren Fragen 1, 2 und 6 angesprochen. Erst wenn ge
sagt wird, welche Funktion die Fachhochschulen künftig er
füllen sollen, läßt sich deren Entwicklung in geordnete Bah
nen lenken, lassen sich Berufsorientierungen in sämtlichen
Studiengängen und Weiterbildungsangebote im Fachhoch
schulbereich möglicherweise konzipieren. Ober vieles wird
sich hierbei reden lassen, nur nicht über das Märchen von
den „theorieorientierten“ im Gegensatz zu den „praxis
orientierten“ Studiengängen. Manchem Studiengang an
der Universität täte mehr Praxisorientierung gut, und man
cher Fachhochschule eine stärkere Anbindung an die
in Frage kommenden wissenschaftlichen Disziplinen.
Mit dem vorhandenen Potential ist dies ja auch alles in
Berlin zu regeln und zu erreichen, und ich meine, das ist
eine wichtige hochschulpolitische Aufgabe.
Bei der Beurteilung der Lage der verschiedenen Fachhoch
schulen nun, wie sie in unseren Fragen 3 bis 5 gefordert wird,
sollte von der strukturellen Grundsituation ausgegangen
werden und nicht vom augenblicklichen Erscheinungsbild, bei
dem durch den sogenannten Studentenberg neuerdings so
gar die Technische Fachhochschule und die Fochhochschule
für Wirtschaft wieder steigende Studentenzahlen aufweisen.
Wir wollen die Gründe erfahren, die dafür ausschlaggebend
sind, daß die Technische Fachhochschule Berlin im Vergleich
mit Paralleleinrichtungen im Bundesgebiet so unattraktiv ist.
Wir wollen wissen, ob wir uns wirtschaftsorientierte Stu
diengänge parallel im Fachhochschul- und Universitätsbe
reich eigentlich weiterhin leisten können, und wir wollen
schließlich die Motive erfahren für die starke Nachfrage
nach Studienangeboten im Bereich der Sozialarbeit, obwohl
doch dort die Berufschancen nicht gerade günstig sind.
Die Situation der Fachhochschulen des Landes Berlin er
fordert kurzfristige und punktuelle Maßnahmen bei den ein
zelnen Anstalten. Diese Situation erfordert aber auch eine
mittelfristige Hochschulplanung. Der Satz: „Die Einrichtung
der Fachhochschule wird erhalten“, reicht eben nicht aus.
Das Berliner Hochschulgesetz erwartet von Senat und Ab
geordnetenhaus ausführlichere Konzeptionen. Der Senat
sollte nicht abseits stehen, wenn das Parlament heute sich
daran macht, einen Teil dieses Gesetzesauftrages zu eriü
len. — Recht herzlichen Dank!
[Beifall bei der F.D.P.]
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Stellv. Präsident Longolius: Das Wort zur Beantwort^ Las
hat Senator Dr. Kewenig. n :
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Dr. Kewenig, Senator für Wissenschaft und Kulturelle Ai,
gelegenheiten: Herr Präsident! Meine Damen und Herre;
Die Fachhochschulen sind lange Zeit das Stiefkind di_
deutschen Hochschulpolitik gewesen. Politische Aufmerjirac
samkeit fanden vor allem die wissenschaftlichen Hochschi
len, und zwar, wie ich glaube, vor allem deshalb, weil „Wfe |fre<
senschaft“ und „wissenschaftliche Ausbildung“ lange 2e
das Zauberwort als der endlich entdeckte Schlüssel zur go
denen Zukunft für alle die gehandelt wurde, die sich wissei Ir de
schaftlich „taufen“ zu lassen bereit waren. Das galt in bi
sonderem Maße für die Hochschulpolitik in Berlin. Erst gar
allmählich, vor allem auch unter dem Eindruck der Arbeiti
marktentwicklung, besinnt man sich wieder auf die eigentlk
recht alte Erkenntnis, daß der Nutzen einer „wissenschai
liehen“ Berufsvorbereitung durchaus seine Grenzen hat, (
daß die Nutznießer einer praxisorientierten und anwendungi
bezogenen Fachhochschulausbildung möglicherweise besss
für das Berufsleben vorbereitet sind. Denn es kann kei
Zweifel bestehen: Eine gediegene Ausbildung an eine
Fachhochschule wird trotz aller Antipropaganda von de
Beschäftigern immer noch geschätzt und entsprechend hone lu
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Ich halte es allerdings für problematisch, die Aufgabe iizut
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und Funktionen der Fachhochschulen des Landes Berlin a;
der Basis von abstrakten Leitbildern zu erörtern. Nach mei _ er
nem Verständnis von sinnvoller Hochschulpolitik müssen di
Aufgaben und die Probleme der einzelnen, der bestehende:
Fachhochschulen den Mittelpunkt der Überlegungen bilde: ^
Jede Fachhochschule hat Anspruch darauf, mit ihren Besop j c ^ r
derheiten, ihrem Bemühen um eine sinnvolle Ausbildun |rt
und ihren Entwickiungsmöglichkeiten ernst genommen 2 ^
werden. Die rückläufige Nachfrage nach Studienplätzen a -j u|
der Technischen Fachhochschule und an der Fachhochschu!;
für Wirtschaft in den vergangenen Jahren und die Numerus
clausus-Situation der beiden Fachhochschulen für Sozia!
arbeit und Sozialpädagogik im gleichen Zeitraum mache
nur zu deutlich, wie wenig globale Konzepte helfen könnet
Allgemein läßt sich immerhin soviel sagen: Die Berline hm
Fachhochschulen sind Hochschulen, denen vorrangig anwen |op«
dungsbezogene, praxisorientierte Lehre obliegt. Sie habegrar]
sich anwendungsbezogenen Forschungs- und Entwicklung*
Vorhaben zu widmen, soweit ihre Aufgaben in der Lehre die:
zulassen. Dabei ist praxisbezogene Lehre nach meiner
Verständnis nicht etwa negativ gekennzeichnet durch dii
Unkenntnis der neuesten Ergebnisse einschlägiger F01
schung, sondern positiv durch eine besondere Vertrauthei
mit berufspraktischen, im Beruf verwertbaren Entwicklunger
Ich bin überzeugt, daß die klare politische Vorgabe fü
die Fachhochschulen, einen eigenständigen Bildungsauftra:
im Rahmen des Hochschulbereichs zu suchen und auszufü!
len, ihre dringend notwendige Konsolidierung fördert,
werde deshalb mein Augenmerk darauf richten, daß de 1
Praxisbezug der Ausbildung an den Berliner Fachhochschu
len im Vordergrund aller weiteren Überlegungen steht, um
ich bedaure sehr, Herr Kollege Dittberner, wenn ich Ihne:
in Ihrer Einschätzung nicht folgen kann, daß die Unterschei
düng zwischen Theoriebezug und Praxisbezug ein „Märchen
ist, über das es sich in diesem Hohen Hause nicht zu rede:
lohnt. Hierzu hat der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlun
gen von 1981 eine Reihe von Vorschlägen entwickelt, die id
für durchaus geeignet halte, die Leistungsfähigkeit unc
Attraktivität der Fachhochschulen auch in Berlin und aud
unter Herausstellung des Praxisbezugs der Lehre an diesen
Fachhochschulen zu stärken.
Zum eigenständigen Bildungsauftrag der Fachhochschulen
gehört natürlich auch, daß die Studenten das berufsprak-1|
tische Ausbildungsziel ihrer Ausbildung ernst nehmen. Id
werde deshalb mit Nachdruck dafür eintreten, daß die Fach
hochschulen nicht, wie das bisher vielfach zu beobachten
ist, alle als Vorbereitungsschulen für das eigentlich erstrebte
universitäre Studium angesehen werden. Die Fachhochschu-
dP
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