Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

981
^Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
10. Sitzung vom 12. November 1981
505
Wagner
B uch eine Zeitbombe, die tickt, und nicht nur die unter den auslän-
ischen jungen Menschen. Was, glauben Sie, hat einer zu verlieren,
Hien diese Gesellschaft auf diese Art ins Leben entläßt, wie wir den
' W( ÜBchulabgang nennen? Wir brauchen für diese jungen Menschen
lan ! Ausbildungsplätze und eine zusätzliche Unterstützung beim Ler
nen. Auch das ist eine sehr komplizierte, aber wichtige Aufgabe.
Unter diesen jungen Menschen sind sicherlich auch welche, die
licht ausbildungsmotiviert sind. Da gebe ich Ihnen Recht, Herr
iVronski. Aber ich frage Sie: Haben Sie einmal mit Schülern einer
ächten, neunten Klasse der Hauptschule gesprochen, die das
^Schulziel nicht erreichen werden, die sich beworben haben um eine
Lehrstelle, zweimal, dreimal, viermal und öfter, und jedesmal verge-
iens? Jedesmal erhielten sie eine Absage. Wen wundert es da, daß
ach solchen Erfahrungen Resignation eintritt und daß diese
lesignation leicht umschlägt in Haß auf diese Gesellschaft, in
■ j wdewalt, in dieses Gefühl, man muß alles kaputtmachen.
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[Feilcke (CDU): Ja, ja, die Lehrer helfen dabei!]
Ich würde das mit den Lehrern so nicht sagen, Herr Feilcke: „Die
.ehrer helfen dabei.“ Dabei kann man nicht helfen.
[Feilcke (CDU): Nicht bei der Berufswahl!]
Y Was sollen sie denn sagen? Wenn die Realität so ist; die Lehrer
spei, [haben diese Realität nicht geschaffen.
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[Feilcke (CDU): Die Lehrer kennen die Realität nicht!]
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f Da können Sie Recht haben! Ich bin auch dafür, daß Lehrer
^praxisbezogener orientiert werden, aber das ist eine alte Forderung.
[Beifall bei der SPD, der CDU und der F.D.P.]
Wir haben unsere Anstrengungen zu verstärken, gerade diesen
n i /jungen Menschen etwas Hoffnung zu geben. Der Senat darf dabei
Unserer Unterstützung gewiß sein, beispielsweise auch beim Aus
bau des Berufsamtes. Wovor ich allerdings dringend warne, ist das,
Ws ich mit dem Begriff „Maßnahmenkarriere“ umschreiben
jnöchte. Jungen Menschen ist nicht damit geholfen, wenn sie nach
Schulabschluß von einer Maßnahme in die andere weitergegeben
"/erden, von einer Maßnahme der beruflichen Eingliederung in die
lerufliche Vorbereitung, wenn wir ihnen nicht garantieren können -
larauf kommt es letztendlich an -, daß sie am Ende dieser Berufs-
iyorbereitung und dieser Maßnahmen nicht bloß eine Maßnahmen
karriere, sondern eine richtige berufliche Ausbildung haben. Das ist
|ine der wichtigen Aufgaben der nächsten Zeit. Ich habe mit Freude
ernommen, daß von den Absolventen der MBSE-Maßnahmen, von
Jenen nur 143 als ausbildungsbefähigt und 752 als arbeitsbefähigt
[befunden wurden - die Kriterien zu erkennen ist etwas schwierig,
Wahrscheinlich sind sie nicht sehr glaubwürdig 50% vermittelt
wenden sind. Ich halte das, wenn die Zahl sich als zutreffend er-
Weist, für eine gute Zahl. Aber für 50% ist die Sache dann immer
jpoch eine Enttäuschung, und auch das muß man sehen, denn ge
rade wer mit einigen Hoffnungen in solche Maßnahmen geht, erwar-
“ t auch, daß ein Erfolg dahinter steht und nicht nur eine Aufbewah-
ng für ein weiteres Jahr.
| Sie bezeichneten, Herr Senator, die jungen Ausländer als den
zentralen Komplex in diesem Zusammenhang. Ich glaube, es ist
#ine wichtige Frage unter den zu lösenden. Allerdings kann ich mir
|iicht vorstellen, daß die Bildung und Ausbildung von auslän-
üschen Kindern und Jugendlichen dadurch vorangetrieben wird,
laß wir ihnen weniger anbieten, weil sie zu mehr nicht in der Lage
1 und. Ich habe Furcht davor, daß wir das Problem, weil sie sich als
Sicht integrationsfähig erweisen, möglicherweise, weil wir von der
Anzahl erdrückt werden, über Generationen - ich sage das sehr be-
5 Wißt - verstetigen, und dann wird es in der Tat unerträglich
’ nicht nur für die betroffenen ausländischen Jugendlichen, son-
lern im gleichen Maße auch für die in diesen Gebieten verbliebe-
ien Deutschen, in den betroffenen Schulen verbliebenen deut-
«hen Jugendlichen. Ich habe dieser Tage irgendwo gelesen, daß
üe deutschen Sprachkenntnisse bei deutschen Schülern insbe-
1 2 0H ondere da schlecht sind, wo es einen hohen Ausländeranteil gibt,
-che Jun ’ verw undern täte es mich nicht, denn im Grunde leben diese
■Ausländischen Kinder doch dort in den Gebieten, wo schon immer
lie jungen Deutschen aufwuchsen, die eigentlich unsere stärkste
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Hilfe und Unterstützung verlangt hätten, auch zu recht verlangen
würden. Und
[Beifall des Abg. Sund (SPD)]
denen geben wir in diesem Zusammenhang wohl die geringste
Hilfe. Das ist unzumutbar für die Ausländer und für die Deutschen.
Dieses Thema ist so ernst, daß ich es auch mit einem Satz
abschließen möchte, ähnlich dem von Senator Wronski. Ich wieder
hole den Satz, den ich für die Kernaussage des Problems ansehe,
daß in den nächsten Jahren, wenn wir nichts tun, der innere Friede
dieser Republik, aber auch der innere Friede dieser Stadt, gefährdet
ist, wenn wir diese Arbeitslosigkeit nicht beseitigen.
[Beifall bei der SPD]
Stellv. Präsident Franke: Herr Abgeordneter Swinne! Sie
haben vorhin den Abgeordneten Wagner mit einem Zwischenruf
als „Nachteule“ bezeichnet. Das ist ein unparlamentarischer Ruf.
[Baetge (F.D.P.): Ich bin doch nicht Swinne!]
- Herr Swinne, habe ich gesagt. - Ich rufe Sie deswegen zur Ord
nung. - Das Wort hat nunmehr für die CDU der Abgeordnete
Feilcke.
Feilcke (CDU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die
CDU-Fraktion begrüßt sehr, daß die Diskussion über die Arbeits
marktpolitik, über Arbeitslosigkeit - Jugendarbeitslosigkeit als
Spezialthema - sehr sachlich geführt wird. Wir waren uns darüber
im klaren, daß die Diskussion auch eine gewisse Länge haben wird.
Ich glaube, es ist unvermeidbar gewesen, daß bei einer so großen
Zahl von sehr differenzierten Fragen, die insbesondere von der
SPD-Fraktion gestellt worden sind, der Senator so lange reden
mußte. Ich kann nur hoffen, daß dadurch die Aufmerksamkeit ins
gesamt nicht beeinträchtigt ist. Wir haben sehr viele Unterlagen be
kommen und sollten nun auch in der Diskussion, darauf aufbauend,
versuchen, so viel wie möglich an Lösungen zu erarbeiten.
Die Aktualität dieses Themas kann kaum übertroffen werden. Es
ist schon verschiedentlich dargestellt worden, in welchem Umfeld
wir uns bei der Diskussion befinden. Herr Kollege Wagner, ich
stimme Ihnen in vielem zu. Sie haben sehr viel Richtiges gesagt, so
daß ich Ihnen leider gar nicht so häufig widersprechen kann, wie ich
das vielleicht gern täte, in Ihren Schlußfolgerungen sind Sie aller
dings sehr häufig zu falschen Ergebnissen gekommen. Aber das
muß wohl so sein, denn Sie können kaum aus Ihrem Herzen eine
Mördergrube machen. Sie haben wohl den Eindruck, wenn Sie vor
einem Mikrofon stehen, dann müßten Sie als Gewerkschaftler agie
ren. Herr Wagner, ich finde, Sie sollten auch als Gewerkschaftler
agieren können, nur müssen Sie sich dann auch daran messen las
sen. Wenn Sie in einem spontanen Redebeitrag klassenkämpferi
sche Parolen hier in den Raum geben,
[Gelächter bei der SPD]
dann kann Ihnen das niemand verdenken. Aber wenn Sie in einer
wortwörtlich ausgearbeiteten Rede hier nach Verstaatlichung rufen
und von Arbeitsplatzvernichtung reden, dann zeigt das, daß Sie hier
nur an Überschriften und letztlich nicht an der Lösung des Pro
blems interessiert sind.
[Beifall bei der CDU und bei der F.D.P.]
Soviel aber nur als unfreundliche Einleitung an Sie, Herr Wagner.
Im übrigen, so glaube ich, kann ich es vermeiden, solche Aussagen
meinerseits aufzugreifen.
In welcher Kontinuität wir uns befinden, will ich nicht wieder
holen. Tatsächlich haben wir in Berlin seit dem Jahre 1977 den Zu
stand, daß die Bundeszahlen bei den Arbeitslosen übertroffen wer
den und der Abstand zum Bundesdurchschnitt leider auch immer
größer wird. Zu diesem Umfeld gehört auch, daß die Zahl der offe
nen Stellen in Berlin immer weiter zurückgeht. Wir haben im Ver
gleich zum Vorjahr etwa nur noch die Hälfte der gemeldeten offe
nen Stellen. Wir kommen dann - nachdem Sie, Herr Senator
Wronski, uns diese Zahlen gegeben haben, müssen wir darauf ein-
gehen - zu Prognosezahlen für das kommende Halbjahr, die
schlimmer gar nicht sein könnten. Wir können in den Zeitungen
(C)
(D)
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