Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

8. Sitzung vom 8. Oktober 1981
Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
343
Im-
|r. Kunze
ß der Senat das offene Gespräch, die offene Beteiligung an der
liskussion darüber, wie die Berliner Filmförderung weiterentwik-
werden soll, bisher vermieden hat und offensichtlich Ge-
rächspartnern aus dem bayerischen Raum den Vorzug gegeben
it; wobei fast überflüssig ist hinzuzufügen, daß der bayerische
flaum sich in einer harten Konkurrenzsituation zu dem Berliner
fjlmplatz befindet. Es ist schon etwas befremdlich, wenn man sich
die Konkurrenten als Berater einlädt.
M
' Der Senat muß wissen, daß die F.D.R.-Fraktion zu dem bisherigen
liberalen Konzept der Berliner Filmförderung steht. Dieses Konzept
hat nachweisbare Erfolge gebracht. Es hat in wenigen Jahren eine
iemlich ausgetrocknete Infrastruktur im Filmbereich wieder revitali-
aert und auf ein Niveau geführt, daß tatsächlich Berlin heute wieder
i|i Vergleich zu anderen Filmzentren ein vorzeigbarer, ein expan
siver, ein zukunftsträchtiger Platz für die Filmwirtschaft und für die
^Imkultur insgesamt darstellt An dieser Stelle im Umgang mit dem
berliner Förderungskonzept in eine fiskalische Milchmädchenrech
nung einzutreten, würde einen gefährlichen Selbstbetrug auf Seiten
les Senats bedeuten. Ich nehme an, daß in der Antwort des Senats
ipi einzelnen auf Zahlen eingegangen wird, wie wir das in unseren
Fragen auch erbeten haben.
I Ich will, bevor der Senat insoweit Stellung nimmt, eines grund
sätzlich deutlich machen. Es darf nicht verwischt werden, daß die
bisherige reale Beanspruchung des Berliner Landeshaushalls in
der Größenordnung von 10 Mio. DM liegt. Und es darf im Verhältnis
dazu nicht verundeutlicht werden, daß der Rücklauf in dieser Grö
ßenordnung aus den garantierten Krediten von 50 Mio. DM, die bis
her vergeben sind, in den Berliner Wirtschaftskreislauf allein schon
durch die Lohnsteuerzahlungen erreicht wird. Also auch, wenn man
dp jenseits der filmkulturellen spezifischen Aspekte betrachtet, ist
auch die wirtschaftliche Bilanz der bisherigen Filmförderung für
i|en Wirtschaftsstandort Berlin positiv. In dem Berliner Wirtschafts
kreislauf sind bisher mehr reale Mittel zurückgeflossen durch die
Berliner Filmförderung, als bisher aus dem Berliner Landeshaushalt
dafür tatsächlich gezahlt worden ist. Deshalb warnen wir den Senat
davor, hier eine Rechnung aufzustellen, die den Eindruck erwecken
dpll, als ob die Berliner Filmförderung bisher für den Senat und für
(fas Land Berlin ein großes Zuschuß-, ein großes Verlustgeschäft
war. Dies trifft nach unserer Kenntnis nicht zu.
' Im übrigen ist völlig klar, daß wir bei der Fortsetzung der Berliner
Slmförderung alle gehalten sind, uns auf die Basis der finanziellen
Möglichkeiten des Landes Berlin zu stellen. Dies sage ich ganz aus
drücklich, nur darf unter dem Vorwand von Sparnotwendigkeiten
§cht ein konkret positiver Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung Ber
lins, eben der Filmförderung, sozusagen kassiert werden. Wenn
ftan dies entgegen wirtschaftlicher Vernunft tut, erweckt man den
Eindruck, als ob man die Berliner Filmförderung reduzieren wolle
i|is ganz anderen Gründen, die mir persönlich überhaupt noch
|cht nachvollziehbar sind.
I Ein zentrales Merkmal des Berliner Konzepts, auf das wir beson
deren Wert legen, ist, daß es bei der Förderung keine Geschmacks-
kbntrolle gibt, daß das Konzept ohne jede Zensurgefahr durchge-
fphrt wird, etwas, das im Vergleich zu anderen Bereichen durchaus
picht selbstverständlich ist. Dies muß so bleiben! Und ich sage
dazu: Mein Mißtrauen gegenüber dem Senat in diesem Punkt - Ge-
schmackskontroile, Zensurtendenz - ist groß. Ich will um diesen
funkt nicht herumreden, mein Mißtrauen ist groß. Ich zitiere als ein
■eispiel, wo mein Mißtrauen sehr entwickelt ist, die Kritik der Bun-
[estagsfraktion der CDU/CSU an dem Sinkel-Film „Kaltgestellt“,
ie immer man diesen Film künstlerisch beurteilen mag - die Kriti-
n waren ja durchaus nicht gut -, beunruhigt es mich doch, wenn
ie Stellungnahme der Bundestagsfraktion der CDU/CSU dazu lau-
t, daß es sich da um einen Film handele, „der die freiheitlich-
ohtsstaatliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland diffa-
iert“. Eine solche politische Umgangsform mit Filmen ist etwas,
as bei uns alle Warnlampen auf Rot gehen läßt. Und wir haben die
lor 9e, daß sich ein solcher Umgang mit konkreten Filmen auch in
■ e Berliner Filmförderung einschleichen könnte. Jedenfalls werden
ie für so etwas bei uns keine Unterstützung finden, sondern im
egenleil entschiedene Gegenwehr.
Meine Damen und Herren, das Berliner Förderungskonzept
■|raucht keine Reduzierung, sondern eine Komplettierung seines In-
strumentarismus. Es gibt nach den Jahren, in denen dieses Förde
rungskonzept bisher gelaufen ist, sehr wohl Anlaß, eine Diskussion
darüber zu führen, welche Änderungen, welche Verbesserungen,
welche Komplettierungen notwendig erscheinen. Aus meiner Sicht
besteht zum Beispiel die Gefahr, daß sich in der Sonne des Berliner
Konzepts eine Art Closed-shop herausbildet, bei dem sich auf
Grund der Eigenart der Förderungsrichtlinien eine nur sehr kleine
Gruppe weniger großer Spielfilmproduzenten den bereitgestellten
Kuchen untereinander aufteilt Um einer solchen Tendenz zu be
gegnen, ist es notwendig, eine Öffnung der Förderungsmöglichkei
ten zu erreichen, eine Öffnung auch für kleinere Produzenten, eine
Öffnung auch für Kurzfilme und für Dokumentarfilme.
Ein weiteres Problem der Berliner Filmförderung ist nach den Er
fahrungen der letzten Jahre die Konzentration, fast die Beschrän
kung, muß man wohl sagen, auf den eigentlichen Herstellungspro
zeß. Damit ist verbunden eine Vernachlässigung der Drehbuch
seite, der Entstehung von Drehbüchern, und andererseits auch der
Verleihseite. Wir haben bei dem bisherigen Modell ja gerade die
Schwierigkeit, daß es oft nicht gelungen ist, die Filme auch tatsäch
lich in den Verleih zu bringen, was nicht besonders erfreulich ist.
Daraus sollte man aber nun nicht die Konsequenz ziehen, die Film
förderung einzuschränken, sondern man muß darüber nachdenken,
wie sich die Verleihbarkeit, die Verleihseite ebenfalls in diese Förde
rung wirksam mit einbeziehen läßt.
Lassen Sie mich in der Begründung noch ansprechen den Zu
sammenhang von kultureller und wirtschaftlicher Filmförderung. Ich
entnehme der Presse, daß innerhalb des Senats diskutiert wird
über eine Teilung in wirtschaftliche und kulturelle Filmförderung.
Dieses kann man nicht losgelöst von der Gesamtpolitik des Senats
betrachten. Ich sehe dabei die Gefahr, daß wir zu einer Situation
kommen, bei der dann Freizügigkeit bei der wirtschaftlichen Filmför
derung gewährleistet, Inhaltskontrolle aber bei der kulturellen Film
förderung eingeführt wird. Das würde, Herr Senator Dr. Kewenig, das
Grundgesetz genau auf den Kopf stellen. Also, eine solche Teilung,
eine solche Tendenz ist jedenfalls nicht kulturfreundlich, sondern
wäre eher kulturfeindlich. Deshalb halten wir es mit dem Grundsatz,
daß ein einheitliches Konzept der Filmförderung nötig ist, und eine
künstliche Trennung in Kultur und Kommerz nach dem Strick
muster, das ich eben umschrieben habe, eher die Gefahr einer
Schlechterstellung des kulturellen Bereichs beinhaltet.
Aus unserer Sicht benötigt das Berliner Förderungskonzept aller
dings einige zusätzliche, deutlich kulturpolitische Impulse. Ich
möchte da zwei Punkte für meine Fraktion mit besonderem Gewicht
versehen.
Der erste Punkt betrifft den Kinder- und Jugendfilm. Es war ein
Verdienst, im Zuge der damaligen Bundespräsidentenrunde Mittel
für Berlin beschafft zu haben für eine Kinder- und Jugendfilmförde
rung. Ich lese jetzt mit ziemlichem Entsetzen, daß der Senat die Ab
sicht hat, diese Kinder- und Jugendfilmförderung nicht etwa auszu
weiten, sondern schlicht zu streichen. Ich würde das nicht für ak
zeptabel halten. Wer die kulturelle Dimension von Filmförderung
überhaupt noch ernst nimmt, der kann bei der Förderung von Kin
der- und Jugendfilmen nicht streichen, sondern er muß genau an
diesem Punkt zulegen. Alles andere geht in die falsche Richtung, je
denfalls nach meiner Überzeugung.
[Wohlrabe (CDU): Was machen Sie,
wenn nun keiner hingeht?]
- Na, Herr Kollege Wohlrabe, ich will nun nicht über die Qualität der
von Ihnen verliehenen Filme richten; wenn Sie mir jetzt den Zuruf
machen, was man mache, wenn keiner hinkommt, dann ist das
vielleicht mehr eine Selbsterfahrung, bezogen auf Ihre Filme. Ich
kenne jedenfalls eine Menge konkreter Möglichkeiten von Filme
machern, die allerdings auch in der Lage sind, Kinderfilme zu pro
duzieren, die die Kinder interessieren. Ich darf Ihnen, Herr Kollege
Wohlrabe, noch eine konkrete Lebenshilfe geben: Vielleicht sollte
sich Ihr Verleih einmal zusammentun —
[Wohlrabe (CDU); Das wird keine Lebens-,
sondern wohl eher eine Sterbehilfe!]
- Na, Sterbehiife, die habe ich leider nicht, sonst würde ich auch
darüber nachdenken -. Herr Kollege Wohlrabe, vielleicht würde Ihr
Verleih erfolgreiche Kinderfilme herausbringen können, wenn er
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