Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
2. Sitzung vom 25. Juni 1981 a
76
Rebsch
(A) d ie gegen unsere Oberzeugung sind und gegen unseren
Geschmack — Kunst lebt nun einmal von Freiheit. Auch
unser Selbstbewußtsein sollte stark genug sein, um nicht
alles, was einer Mehrheit mißfällt, notwendigerweise verbie
ten zu müssen. Unsere liberale Gesinnung muß sich nicht
an allem stoßen, sie kann auch Geschmacklosigkeiten — und
eine Breker-Ausstellung ist, das betone ich, hier in Berlin
eine solche — verkraften.
[Beifall bei der CDU]
In Deutschland ist 12 Jahre lang zuviel verboten worden.
Vielen von uns sind diese Schrecken noch in lebendiger
Erinnerung. Wir sollten daher mit Verboten zurückhaltend
sein, zumal Verfassung und Gesetzgebung keine Handhabe
bieten. Bei Vorgängen, die uns nicht gefallen, dürfen wir
nicht gleich Aufgeregtheit und Gereiztheit zeigen. Es sollte
sich niemand erregen, wenn irgend jemand in seinen priva
ten Räumen Dinge zeigt, die weder ansteckend noch ver
derblich, noch verführerisch sind. Es ist selbstverständlich,
daß die öffentliche Hand ihre Ausstellungsräume für eine
derartige Darstellung nicht zur Verfügung stellen kann und
auch nicht zur Verfügung stellen wird.
[Beifall bei der CDU]
Dies, meine Damen und Herren, hätten wir mit Recht als
eine ungeheure Provokation empfunden. Im übrigen — ist
mir gesagt worden — ist es gar nicht so leicht, die Ausstel
lung zu finden. Man muß schon einigen Spürsinn haben und
viele Stufen erklimmen, und man soll an Wohnungstüren
läuten müssen, um die kleine Ausstellung zu betreten. Ich
empfehle jedem, der nicht unbedingt will, diese Mühewal
tung zu unterlassen.
Lassen Sie mich abschließend hinzufügen: Ich halte man
che Umtriebe in unserem Land heute für faschistischer als
die Werke von Herrn Breker. Mag ihn bestaunen, wer will,
mag seine Arbeiten bewundern, wer gern möchte; wir alle
sollten uns von ihm und seinen Ausstellungsstücken nicht
(“) die Zeit stehlen lassen. Uberlassen wir ihn sich selbst, denn
ich meine, wir haben im Interesse unserer Stadt wichtigere
Aufgaben zu lösen, als diesen unterwürfigen Diener des
Dritten Reiches bekanntzumachen. — Ich danke Ihnen.
[Beifall bei der CDU]
Stellv. Präsident Franke: Das Wort hat für die SPD-Frak-
tion der Abgeordnete Kollat.
Kollat (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
Meine Fraktion begrüßt es, daß der Senat in dieser Ange
legenheit die Linie seines Vorgängers verfolgt, und wie
auch zu Recht von dem derzeitigen Senator betont worden
ist, sind die Prämissen für unsere Haltung gegenüber dieser
Ausstellung bereits gesetzt worden vom ehemaligen Sena
tor, Herrn Dr. Dieter Sauberzweig. Er hat — dies scheint
volle Übereinstimmung in diesem Hause zu sein — eindeu
tig betont, daß man diese Ausstellung, wenn wir den Grund
sätzen unseres Staates gerecht bleiben und werden wollen,
nicht verbieten kann und auch nicht verbieten sollte. Es wäre
ein Treppenwitz, wenn wir faschistischem Gedankengut mit
faschistoiden Methoden begegnen wollten.
[Beifall bei der SPD und bei der CDU]
Dazu sind wir nicht bereit.
Ich begrüße es auch, daß hier angekündigt wurde — Herr
Senator, wir werden Sie beim Wort nehmen —, daß Sie die
kritische Auseinandersetzung mit diesem faschistischen Ge
dankengut stark betreiben und insbesondere dafür sorgen
wollen, daß dies auch in die Schulen hineingetragen wird.
Ich glaube, daß man auf diesem Sektor nicht genügend tun
kann.
Ich muß meinem Kollegen Vorredner, dem Abgeordneten
Rebsch, aber ein wenig widersprechen. Herr Kollege, Sie
sagten gegen Schluß Ihrer Ausführungen, man möge doch
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mehr Toleranz an den Tag legen auch bei derartigen Vor- m
gängen. Ich bin der Auffassung, besonders dieses Haus z |
sollte sich daran erinnern, daß die demokratischen Parteien L
nach 1945 immer wieder ein Wort aussprachen — dies gerät "
langsam in Vergessenheit, das muß ich zugeben —: Keine
Toleranz mit den Gegnern der Toleranz! Haben wir die Mög
lichkeit, Gegner der Toleranz entsprechend in die Schran
ken zu verweisen, dann sollten wir es auch tun. Es sind
Grenzen gesetzt, da es sich um eine private Ausstellung
handelt. Dies haben meine Vorredner aber genügend betont.
Ich meine auch — hier sehe ich die Dinge etwas anders
als der Kollege Rebsch —, daß man die Dinge nicht so ge
lassen betrachten kann und man sich auch mit der Person
des Herrn Breker sehr wohl beschäftigen muß. Allerdings,
Herr Kollege Rebsch, stimme ich Ihnen zu, wenn Sie sagen,
daß hier eine falsche Publizität am Platze gewesen ist. Lei
der ist diese auch noch immer vorhanden. Es wäre besser
gewesen, man hätte diese Veranstaltung und damit Herrn
Breker totgeschwiegen. Jetzt hat er eine Publicity erfahren
durch die Presse, durch verständliche Reaktionen von Anti
faschisten, auch heute hier durch unsere Haltung im Parla
ment, die ihm gar nicht zukommt. Er wird in einer Form
aufgewertet, die dieser Mann auf keinen Fall verdient hat.
Deswegen bin ich der Meinung — im Gegensatz zum Kolle
gen Rebsch —, man muß sich auch mit der Person des Herrn
Breker ein wenig beschäftigen. Man sollte sich davor hüten,
einen solchen Mann zu verharmlosen.
Wir wollen uns nicht mit seiner Kunst beschäftigen; denn
das ist nicht Aufgabe der Politik, in der Kunst den Richter
zu spielen. Aber wir sollten uns mit seiner Person beschäf
tigen. Ich kann nur sagen, wie es hier die „Frankfurter All
gemeine“ am 23.5. getan hat;
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Der Explosivstoff
— so schreibt die FAZ —
steckt gewiß nicht in den kleinen Mädchen, patinisierten
Edelpornos, die ein alter Herr in die Welt setzt. Er
steckt im Namen des Künstlers: Arno Breker.
Meine Damen und Herren, dieser Arno Breker war, als er
1933 dem NS-Regime nicht nur folgte, sondern zu seiner
Verherrlichung wesentlich beigetragen hat, kein Pimpf. Das
heißt also, daß wir ihm keine Jugendsünden nachsehen kön
nen, wozu wir sonst bereit sind. Der Mann war im Alter
von 33 Jahren. Er hatte vorher — deshalb muß man beinahe
meinen, es handle sich um einen Schizophrenen — zu tun
mit Leuten wie Rodin, Klee, Gropius, Cocteau, Renoir, Lie
bermann, Carossa und sogar mit Gerhart Hauptmann. Was
ist davon 1933 übrig geblieben? Zähle ich diese Leute auf,
so fällt mir ein Wort von Heinrich Mann ein, das man,
glaube ich, auf Leute wie Breker und alle Leute seines
Schlages anwenden sollte, um sie in den richtigen Zusam
menhang zu stellen. Heinrich Mann hat einmal folgendes
gesagt:
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Lieber gleichgeschaltet als ausgeschaltet. Damit kann
ein Bankier zur Not noch durchkommen, ein Schriftstel
ler nicht. Ihn schließt gerade sein Verzicht auf innere
Ehrenhaftigkeit von seinem Beruf aus. Wer das Un
ehrenhafte einer solchen Lage nicht empfindet, kommt
für die Literatur überhaupt nicht in Betracht. Wer es
aber empfindet und dennoch hinnimmt, wird persönlich
uninteressant und bringt bestimmt nur Unwirksames
hervor. Literatur kann es nur geben, wo der Geist selbst
eine Macht ist, anstatt daß er abdankt und sich beugt
unter geistwilliger Gewalt.
— Soweit das Zitat von Heinrich Mann über die Verhaltens
weise der Leute, zu denen Arnold Breker sich wohl oder
übel rechnen lassen muß.
Es hilft auch nicht seine Distanzierung, um die er sich -
so meine ich — verdammt kläglich bemüht hat. Sie wurde
hier anfangs von einem Kollegen der AL angesprochen. Ich
möchte sie einmal im vollen Wortlaut zitieren, um zu zeigen,
daß wir uns sehr wohl mit diesem Mann, wenn er in dieser
Form hier in unserer Stadt vorgeführt wird, beschäftigen
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