Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

2. Sitzung vom 25. Juni 1981
'81 Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
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Sen Dr. Kewenig
e- Platz im gesellschaftlichen Raum, also in den Schulen, den
nt | Hochschulen, in den gesellschaftlichen Gruppen und Ver
einigungen. Der Senat wird diese Auseinandersetzung mit
> allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln fördern, soweit
diese Auseinandersetzung in den Formen erfolgt, die einer
j demokratisch verfaßten Gesellschaft angemessen sind.
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sr- : Zu Frage 5: Weder dem Senat noch den fachlich zuständi-
in,|| gen Museumsleuten und Historikern ist genau bekannt, wie—
Jr-i| viele Künstler in der Nazizeit Berufsverbot erhielten, verfolgt,
är-;| in die Emigration oder gar in den Tod getrieben worden
Jie' i sind. Der Senat weiß um die uns alle treffende Verpflich-
ie- tung zur Wiedergutmachung. Innerhalb meiner Zuständigkeit
für Kulturelle Angelegenheiten möchte ich in diesem Zusam
menhang nur auf die Funktion der Berlinischen Galerie ver
weisen, die sich in besonderem Maße derjenigen Berliner
bildenden Künstler annimmt, die Opfer der nationalsozialisti
schen Kulturbarbarei geworden sind. Ich darf hierzu aus ei
nem Katalog der Berlinischen Galerie zitieren und mache mir
dieses Zitat zu eigen:
Rebsch (CDU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
Lassen Sie mich, bitte, vorerst eine rein persönliche Bemer
kung machen. Die Ausstellung, über die wir hier sprechen,
wäre in dieser Stadt wohl kaum auf größeres Interesse ge
stoßen, wenn nicht bestimmte Gruppen sie immer und immer
wieder ins Gespräch bringen würden. Sie erfährt dadurch
eine Aufwertung, die ihr nach meiner Ansicht nicht zukommt.
Niemand von uns sollte — gewollt oder ungewollt — Wer
bung hierfür betreiben — für eine Angelegenheit, die es
nicht verdient.
[Lorenz, Gerald (SPD): Na, dann müssen Sie aufhören
zu reden; Sie werten sie doch auch auf!]
Das Werk jenes willfährigen und politisch kurzsichtigen
Bildhauers des Dritten Reiches hat sicher viele betroffen,
und es ist eine Provokation für diejenigen, die in jener Zeit
— in welcher Form auch immer — Widerstand geleistet
haben oder Opfer jenes Systems geworden sind.
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.-verlangt auch in diesem Fall Zurückhaltung und Augenmaß,
Dem Staat kommt in dem so empfindlichen Bereich der
Künste keine Schiedsrichter-Funktion in der Sache zu. Seine
Rolle ist in diesem Bereich einerseits auf die Forderung,
andererseits auf die Wahrung derjenigen äußersten Grenzen
beschränkt, die das Recht auch der Kunst setzt.
Es ist aut schauerliche Weise frappierend, immer wieder
von neuem erkennen zu müssen, aus welcher Vielfalt
schöpferischen Engagements sich einerseits die Künste
und ihre Institutionen bis über das Ende der 20er Jahre
hinaus zur Blüte eines kulturschöpferischen Gemein
wesens entfaltet haben und mit welcher Gründlichkeit
dieser florierende Kulturorganismus von den National
sozialisten bis in die Wurzelspitzen hinein vernichtet und
zerstört worden ist. Die Predigten — dies dürfe nie
vergessen werden — haben wenig Substanz, wenn nicht
an der Erinnerung dessen, was zerstört wurde, gear
beitet wird.
Zu Frage 6: Da keine vollständige Erfassung aller Skulp
turen und Plastiken an öffentlichen Gebäuden und an öffent
lichen Plätzen im Land Berlin vorhanden ist, kann der Senat
nur mit Vorbehalt antworten. Breker-Arbeiten an öffentlichen
Gebäuden oder öffentlichen Plätzen im Zuständigkeits
bereich des Landes sind dem Senat nicht bekannt. Es ist
aber nicht auszuschließen, daß sich Arbeiten Brekers in oder
an Gebäuden befinden, die alliierter Beschlagnahme unter
liegen.
Zur 7. Frage: Der Senat hat Verständnis dafür, daß die
Breker-Ausstellung von den Mitbürgern als Provokation
empfunden wird, die selbst Opfer der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft geworden sind. Der Senat hat auch Ver
ständnis dafür, daß darüber hinaus weite Teile der Bevölke
rung auf diese Ausstellung mit Betroffenheit und Unver
ständnis reagieren. Der Senat bittet seinerseits auch um
Verständnis dafür, daß er sich aus den dargelegten Gründen
nicht in der Lage sieht, mit rechtlichen Maßnahmen in den
Diskussionsprozeß um diese Ausstellung einzugreifen. Die
liberale Haltung in der Kulturpolitik, zu der sich der Senat
ausdrücklich bekennt und die ihm überdies das Grundgesetz
als Rechtspflicht auferlegt,
[Dr. Vogel (SPD): Sehr gut!]
Zur 8. und letzten Frage: Der Senat sieht sich aus den
bereits dargelegten Gründen nicht imstande, die Breker-
j e lAusstellung schließen zu lassen. Der Senat hält auch nichts
|davon, Mitbürger zu einem Tun oder einem Unterlassen auf
zufordern, wenn dieses Tun oder Unterlassen nicht in eigene
Sachkompetenz, sondern ausschließlich in die Entscheidungs
freiheit einzelner Bürger fällt. — Herr Präsident, vielen Dank!
[Beifall bei der CDU und der SPD]
& , Stellv. Präsident Franke: Das Wort in der Besprechung
re hat der Abgeordnete Rebsch.
[Beifall bei der CDU und der SPD]
Es gab im Dritten Reich viele, zu viele, die dem Teufel die
Messe gelesen haben oder, wie es Franz Werfel einmal aus
drückte, sich „als Vorheizer der Hölle“ betätigten. Auch
Künstler gehörten dazu. Sie alle sollten sich heute beschämt
zurückhalten — das ist das Mindeste, was wir von ihnen
verlangen können.
[Beifall bei der CDU]
Wenn sie aber auf der Bildfläche erscheinen, dann sollten
wir ihnen souveräner begegnen, als dies derzeit geschieht.
Ich kann dies sagen, weil meine Familie im weitesten Sinne
zu den unmittelbaren Opfern der Nazi-Herrschaft gehört.
Mit der Ausstellung wird künstlerisches Mittelmaß ver
breitet, aber kein NS-Gedankengut. Vor 45 Jahren waren
die Arbeiten dieses Herrn Ausdruck der damals herrschen
den Kunstidee, und sie hatten unzweifelhaft eine starke poli
tische Aussagekraft. Heute aber drücken Ausstellungsstücke
aus der damaligen Zeit — sofern welche darunter sind — nur
noch das engstirnige Kunstverständnis der damaligen Macht
haber aus. Wenn von diesen Ausstellungsstücken auch heute
noch faschistisches Gedankengut ausginge, dann hätten wir
alle wahrlich Veranlassung, gereizt zu reagieren; denn sol
ches Gedankengut darf sich bei uns auch nicht mit Hilfe von
Hammer und Meißel breitmachen — ebensowenig, wie sich
vergleichbares Gedankengut nicht mit Hilfe von Hammei
und Sichel bei uns breitmachen darf.
Wir brauchen uns nicht mit der Person des Herrn Breker
zu beschäftigen, der damals mit Fleiß, Ergebenheit und mit
einem emsigen Ausführungsmechanismus dem System
diente. Uns sollten auch nicht seine Stellung im Dritten
Reich interessieren und nicht seine politischen Irrwege, die
er gegangen ist.
[Schmidt (AL): Was heißt hier Irrwege? —
Der ist das geblieben!]
Mich bewegt auch nicht die Frage, ob er inzwischen diese
Wege glaubhaft verlassen hat oder nicht. Nach 35 Jahren
hat die Frage wenig Bedeutung; Herr Breker ist unwichtig,
und niemand sollte ihm mehr Aufmerksamkeit zuwenden, als
er verdient. Was der Mann an der Spitze des Dritten Rei
ches damals in seiner kulturellen Engstirnigkeit und Bor
niertheit als sogenanntes gesundes Volksempfinden propa
gierte und was eigentlich Ausdruck der Beschränktheit sei
ner eigenen Voraussetzungen war, sagt uns heute nichts
mehr. Die Kunstbemühungen des Dritten Reiches waren eine
Kraftanstrengung — mit Kunst hatte sie nicht immer etwas
zu tun. Ich meine, wir sollten heute Ausstellungen von
Künstlern oder von Kunstwerken aus jener Zeit mit mehr
Gelassenheit entgegentreten. Unsere Gesellschaft ist eine
demokratische Gesellschaft, eines ihrer Hauptmerkmale ist
die Toleranz; ich meine, unsere Gesellschaftsordnung ist
stark genug, um viele Verrücktheiten und politische Torhei
ten zu ertragen. Wir sollten daher nicht jedesmal aus der
Haut fahren, wenn irgendwelche Erscheinungen auftreten,
(C)
(D)
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