Publication:
1982
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9497397
Path:

I
Abgeordnetenhaus von Berlin - 9. Wahlperiode
18. Sitzung vom 11. März 1982
1011
|rau Schaar
Ich finde es bedauerlich, daß hier die Betroffenen - und das sind
isländische Eltern - überhaupt nicht dazu gehört worden sind,
ras sie selbst für ihre Kinder als das Notwendige erachten. Ich be-
laure etwas, was ich im Ausländerausschuß von der SPD schon im
insatz gehört habe, daß man zwar Mitspracherechte für die Auslän-
,er schaffen müßte, aber das Ganze natürlich auch nur halbherzig
orantreiben will. Man hätte also die Anhörungen wirklich schon
rechtzeitig, nämlich vor Einbringen dieses Gesetzentwurfs stattfin-
jen lassen sollen und nicht erst hinterher.
■ Für mich ist dieser Antrag der CDU eigentlich ein Antrag darauf-
iln, die Benachteiligung der ausländischen Kinder noch mehr vor-
inzutreiben und noch mehr zu verdeutlichen.
[Feilcke (CDU); Dann haben Sie ihn aber nicht gelesen!]
will das an einigen Punkten klarmachen. Zum Beispiel kommt
U: ie Ungleichstellung schon im Artikel I § 15 Abs. 2 vor, wonach die
Schuljahre zählen und Zurückstellungen möglich sind. Nun sind
Zurückstellungen bei deutschen Kindern auch möglich, sie zählen
re; ann aber nicht als Schuljahre. Bei den ausländischen Kindern zäh-
i bn aber diese Zurückstellungen als Schuljahre, so daß diesen Kin-
;ir Sern später die Möglichkeit versperrt wird, Abschlüsse an den
de ichulen zu erlangen, weil nämlich die Möglichkeit, noch zur Schule
bs u gehen, höchstens um ein Jahr verlängert werden kann. Das ist
J Ile erste Benachteiligung.
letzt kommt die zweite Benachteiligung: Ich will jetzt gar nicht auf
leh |ie allgemeine Quotenregelung eingehen, die vorher 20% be
ug, jetzt 30% betragen soll. Ich verstehe aber überhaupt nicht,
E wum es eine Quotelung von 50% bei ausländischen Schülern
fi eben soll, die der deutschen Sprache fähig sind. Das kann ich
sl icht begreifen. Das ist doch nicht Integration, sondern Aussonde-
ffei mg. Jemand, der dem deutschen Unterricht folgen kann, ganz
äiä; leich, welcher Nationalität; das hat doch mit einer Quotelung über-
e® aupt nichts mehr zu tun.
[Feilcke (CDU): Auch dann gibt es noch
große Unterschiede!]
Es steht hier, daß sie dem Unterricht folgen können.
Das gleiche gilt für das bussing. Hier wird davon gesprochen,
aß im Falle eines hohen Ausländeranteils Gedanken darüber an-
—estellt werden müssen, daß man diese Schüler in andere Bezirke
ihrt, hin- und herfährt, wie eine Ware hin- und herfährt, dorthin
Shrt, wo noch Platz ist.
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[Feilcke (CDU): Hier steht nichts von bussing drin!]
Es sollte ein Ausgleich geschaffen werden, indem man bei
kutschen oder ausländischen Eltern nachfragt. Wir haben zum
leispiel Verbindung mit Eltern eines griechischen Elternvereins,
ie |ie sind der Ansicht, daß ihre Kinder als Minderheiten womöglich
b; p kurz kommen in vorwiegend deutschen Klassen. Sie haben den
si )/unsch geäußert, ihre Kinder gemeinsam unterrichten zu lassen,
jntn las bedeutet doch aber nicht, daß man nun alle griechischen Kin-
br in griechischen Klassen zusammenfaßt, sondern dies muß man
fern Wunsch der einzelnen Eltern überlassen, ob in manchen Klas-
>nzi bn ein höherer Anteil von griechischen Kindern möglich ist.
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nsor Stellv. Präsident Longolius: Frau Schaar, Sie gestatten eine
Ziels kvischenfrage?
Schicks (CDU): Frau Kollegin Schaar! Können Sie mir bestäti-
pn, daß wir versucht haben, Sie bereits in der letzten Sitzung des
u At kusländerausschusses darauf hinzuweisen, daß es hier zwar die
Quotelung von 30 % und 50 % gibt, daß aber dahinter ein Semikolon
|eht und es weiter heißt: „Das für das Schulwesen zuständige Mit
lied des Senats kann in Einzelfällen Ausnahmen zulassen“.? Ist es
jcht so, daß Sie hier Fälle bringen, die nachher in der Praxis durch-
s zu lösen sind?
[Feilcke (CDU): Sagen Sie doch einfach ja!]
d un I Frau Schaar (AL); Es kommt nir jetzt nicht darauf an, die mög-.
dies then Ausnahmen zu bestätigen. Die Ausnahmen bestätigen doch
ür die Regel. Warum führt man denn diese Regelung überhaupt
erst ein? Diese Aussonderung? - Das kann ich einfach nicht be- (C)
greifen.
[Buwitt (CDU): Sie haben es eben nicht verstanden!]
Dann möchte ich etwas zur Sprachstandsmessung sagen, die
hier unter Punkt 5 angeführt ist: Im zweiten Schulhalbjahr der Klas
senstufe 4 sind besondere Sprachstandsmessungen vorgesehen.
Hier warnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft - ich
weiß nicht, ob Ihnen das bekannt ist -
[Feilcke (CDU); Wir können doch auch Zeitung lesen!]
vor nicht abgesicherten Sprachstandsmessungen. Die GEW for
dert, daß für diese Sprachstandsmessungen der Schulpsycholo
gische Dienst, das Max-Planck-Institut, die FU, das Pädagogische
Zentrum und verschiedene Lehrerverbände einzuschalten sind,
damit eine optimale Lösung erfolgt und sich nicht irgend jemand ein
Maximum oder Minimum an deutschem Sprachschatz für diese
ausländischen Kinder ausdenkt, und dies dann zum Allgemeingut
erklärt wird, an dem die Fähigkeit dieser Schüler gemessen werden
soll.
Eine weitere Benachteiligung; Ausländische Eltern, die wollen,
daß die Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet werden, müssen
praktisch erklären, daß sie in einem Jahr bereit sein werden, auszu
wandern. Hier wird über die Kinder die Forderung an die Eltern ge
stellt - noch schlimmer gesagt: die Eltern könnten erpreßt wer
den -, sich jetzt schon zu äußern, was sie in einem Jahr tun wollen.
Sie wissen doch aber selbst, wie die politische und wirtschaftliche
Lage der Heimatländer ist, aus denen diese Emigranten kommen.
[Schicks (CDU); Sie stellen das wirklich
auf den Kopf!]
Es wird doch so getan, als täte man diesen Kindern etwas Gutes an;
in Wirklichkeit aber zwingt man Eltern zu einer ganz konkreten Aus
sage, die sie dann wahrscheinlich in einem Jahr auch in die Tat um-
setzen sollen.
[Feilcke (CDU): Das sehen Sie falsch!]
Dann soll es noch die Möglichkeit geben, darauf zu verzichten,
eine Fremdsprache zu erlernen. Auch dies sehe ich als eine Be
nachteiligung dieser Kinder an, denn sie haben dann nicht mehr die
Möglichkeit, einen Realschulabschluß oder einen Gymnasialab
schluß zu machen, zumindest nicht im ersten Bildungsweg. Das ist
die nächste Form der Benachteiligung, die zurückgewiesen werden
muß.
Zurückweisen muß man dieses Modell vor allem, weil es sich da
bei nur darum handelt - bis auf die Kinder, die zur Segregation vor
gesehen sind -, einfach die deutsche Sprache zur Norm zu
machen. Man macht sich überhaupt keine Gedanken darüber, was
zum Beispiel mit der Muttersprache dieser Kinder wird, wie man
diesen Kindern ihre Muttersprache vermitteln könnte. Dabei wissen
Sie doch, daß wir bisher Analphabeten in zwei Sprachen herange
zogen haben. Ich habe neulich schon im Ausländerausschuß dar
auf hingewiesen, daß man sich Gedanken darüber machen muß,
die Alphabetisierung in der Muttersprache erfolgen zu lassen, weil
sonst möglicherweise - wie es jetzt wissenschaftliche Unter
suchungen ergeben haben - sogar die Persönlichkeit gebrochen
wird und eigentlich dann keine Möglichkeit mehr besteht, daß sich
die Kinder nachher noch weiter entwickeln und irgendwelche Ab
schlüsse an unseren Schulen machen, woran Ihnen doch offen
sichtlich gelegen ist
Ich sehe also dieses Modell, um es einmal hart zu sagen, als Ger-
manisierungsmodell. Für mich ist das nicht etwas, was ich unter
Integration verstehe. Integration soll doch Chancen bieten und nicht
Chancen verbauen!
[Beifall bei der AL - Feilcke (CDU):
Zum Glück haben Sie nicht die Mehrheit!]
Stellv. Präsident Longolius: Nächster Redner ist der Abgeord
nete Fabig.
Fabig (F.D.P.): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die an
tragstellende Fraktion und die SPD haben schon den großen Vorrat
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