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Band Nr. 27, 22. Mai 1980

Volltext: Plenarprotokoll (Public Domain) Issue1980/81, 8. Wahlperiode, Band II, 1980/1981, 19.-53. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus von Berlin - 8. Wahlperiode 
27. Sitzung vom 22. Mai 1980 
1206 
Dr. Kunze 
(A) Aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, die Verantwortlichkei 
ten für die Ausstellung und für Ausstellungsteile zu trennen und kon 
kreten Institutionen und Personen die Verantwortung füreigenständige 
Ausstellungen zu Aspekten Preußens zu übergeben. Ich hätte mir vor 
stellen können, daß man der Stiftung, die wir hier haben, natürlich in 
ihrer Verantwortung die Aufgabe übergibt, einen wesentlichen Teil 
einer solchen Ausstellung zu bestreiten. Dazu gehört dann natürlich 
auch eine Ausstellung etwa aus dem Bereich der Kunstvereine der 
Stadt mit ganz anderer Sichtweite, mit sehr viel anderen Aspekten. 
Dazu gehört auch die Vielfalt der unterschiedlichen Sichtweiten unter 
schiedlicher Institutionen und Personen in der Stadt. Dieses in deren 
Verantwortung in der Stadt zum Vorschein gebracht, hätte - aus 
meiner Sicht - vielleicht besser die Gewähr dafür bieten können, daß 
tatsächlich das gesamte Spektrum des Phänomens „Preußen“ in der 
Ausstellung zum Ausdruck kommt. Jetzt besteht die Gefahr, daß wirein 
Übermaß an Integration durch den Beirat bekommen; eine Integration, 
die womöglich zu Langweiligkeit und Oberflächlichkeit führt. Ich 
möchte an dieser Stelle ausdrücklich die Warnung des Kultursenators 
unterstützen, an dieser Stelle auch noch den Begriff „Ausgewogen 
heit“ allzu leichtfertig und undurchdacht in die Debatte zu bringen. Ich 
habe als Rundfunkpolitiker - so etwas gibt es ja seit einigen Jahren — 
leidvolle Erfahrungen mit diesem Mißbrauch der Forderung nach Aus 
gewogenheit in den letzten Jahren machen müssen. Nach aller Er 
fahrung, die ich aus diesem Bereich habe besteht die Gefahr, daß eine 
solche Forderung nach Ausgewogenheit mißverstanden wird in Rich 
tung auf das Ausblenden von Tatsachen und Vielfalt auf die Verein 
fachung und auf die Oberflächlichkeit hin. Dies wäre ganz falsch. 
Stattdessen sollte man sich gerade zum Prinzip machen, nichts zu 
verschweigen. Die Preußenausstellung, wenn sie einen Sinn haben 
soll, muß die produktive Kontroverse über die preußische Geschichte 
nicht scheuen, sondern sogar bewußt in Kauf nehmen, wenn nicht 
sogar suchen, 
< Beifall bei der F.D.P. und der SPD > 
weil in dieser Stadt und in diesem Land Urteile, Bilder über Preußen 
bestehen, die eine Kontroverse notwendig machen in verschiedenste 
politische Richtungen. Dies gilt gar nicht einseitig. Die Fähigkeit, die 
produktive Kontroverse herauszubringen, ist gerade ein Erfolgsmaß 
stab für dieses Projekt „Preußenausstellung“. Ob das gelingen wird, 
meine Damen und Herren, möchte ich ganz persönlich mit einem 
Fragezeichen versehen. Nicht wegen des guten Willens der Beteilig 
ten, nicht wegen womöglich bestehender ideologischer Schranken 
hier und dort, denn das läßt sich alles überwinden, aber ich habe ganz 
persönlich immer noch den Eindruck, daß bis zum heutigen Zeitpunkt 
die Fähigkeit in allen politischen und wissenschaftlichen Lagern noch 
nicht weit genug entwickelt ist, um wirklich eine souveräne Wertung 
unserer eigenen preußischen Geschichte im Sinne einer kritischen 
Bewältigung tatsächlich zu leisten. Ich bin irritiert darüber, daß allein 
der Titel einer Begleitausstellung „Die Opfer Preußens“ bereits zu 
soviel Unruhe in der Öffentlichkeit geführt hat, die ich bisher nicht als 
produktive Unruhe erkennen kann, weil sie kritisch noch darüber 
handelt, ob so etwas überhaupt sein darf. Wenn Herr Kollege Biewald 
die Frage stellt, ob so etwas in Paris mit dem entsprechenden Titel 
passieren dürfte, dann bin ich erschreckt darüber, daß wir noch nicht in 
dieser Stadt so weit sind, daß es ganz selbstverständlich ist, daß, wenn 
man sich mit Preußen auseinandersetzt, man die Opfer Preußens nicht 
verschweigt, sondern sie zum Gegenstand öffentlicher Auseinander 
setzungen macht. Das ist ein Punkt, an dem meine Besorgnis über die 
Möglichkeit wächst, ob uns eine produktive Auseinandersetzung zu 
dem Thema „Preußen“ wirklich gelingen wird. 
< Beifall > 
Präsident Lorenz: Das Wort hat der Abgeordnete Kollat. 
Kollat (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Nach 
dieser schon längeren Debatte werde ich versuchen, nicht in Wieder 
holungen einzusteigen, nicht preußische Geschichte zu dozieren, 
sondern einfach das, was die Vorredner gesagt haben, dort, wo ich es 
für notwendig halte, zu reflektieren. 
Zuerst, meine Damen und Herren, habe ich den Eindruck, daß alle 
Redner in einem - und zwar in dem wichtigsten - Punkt einig sind, 
nämlich, daß der Regierende Bürgermeister mit seinem Impuls für 
diese Preußenausstellung zweifelsohne etwas äußerst Wichtiges und 
Anerkennenswertes getan hat, 
< Beifall > 
Er hat damit das getan, was endlich einmal notwendig war; nämlich 
den Anfang einer Diskussion, die sich um die Bewältigung der Ver 
gangenheit Preußens dreht. Es war höchste Zeit. Wir müssen auch den 
Rednern zustimmen, die hier gesagt haben, daß selbstverständlich 
diese Ausstellung darauf nicht die letzteund endgültige Antwortfinden 
kann, sondern sie sei ein Anstoß, und ich hoffe sogar, daß sie nicht nur 
Bilanz sein wird - wie hier schon gesagt wurde -, sondern auch 
Provokation. Provokation zur Diskussion der Geschichtswissenschaft 
und darüber hinaus unserer Gesellschaft. 
< Beifall > 
Es wird oft die Staufer-Ausstellung zitiert. Ich habe den Eindruck, 
daß der Regierende Bürgermeister, als er anfangs auch von der 
Staufer-Ausstellung sprach, falsch verstanden worden ist. Die Staufer- 
Ausstellung kann uns in diesem Zusammenhang doch nur interes 
sieren, wenn wir die Forderung an den Senat stellen, die Qualität der 
Staufer-Ausstellung anzustreben und nicht die historische Aussage; 
denn das sind zwei Welten. Darüber sollten wir alle in diesem Haus 
wachen, daß die Qualität der Staufer-Ausstellung oder die der Kaiser- 
Karl-Ausstellung in Nürnberg sowie in Prag erreicht wird und daß 
diese als Vorbild für Qualität genommen werden. 
< Beifall > 
Heute wurde von allen die Befürchtung ausgesprochen, es könnte 
an der Objektivität mangeln. Ich habe den Eindruck, daß nach den 
Aussagen, die hier vom zuständigen Senator gemacht worden sind, 
und die uns auch von den Wissenschaftlern bekannt sind, daß diese 
gewahrt werden wird. Objektivität verlangt gleichzeitig Ganzheits- 
bezogenheit der geschichtlichen Betrachtung, und die ist gewahrt, 
wenn wir hören, daß hier die wirtschaftlichen, die militärischen, die 
philosophischen und andere Aspekte berücksichtigt sind. Selbstver 
ständlich haben Sie recht, Herr Dr. Kunze, daß wir hier nicht von Aus 
gewogenheit reden sollten; denn dieser Begriff gehört vielleicht in eine 
politische Diskussion, aber nicht in den Bereich von Geschichtswis 
senschaft, sondern hier können wir nur Ausgewogenheit betreiben, 
wenn diese vorhanden ist. Die preußische Geschichte ist alles andere 
als eine Ausgewogenheit, sondern sie ist, meine Damen und Herren, 
und dies ist meine Auffassung, eine Coincidentia oppositorum. 
< Beifall > 
— Wenn Sie meine Erläuterung dafür haben wollen, dann sage ich 
Ihnen ganz einfach: Sie ist eine Coincidentia oppositorum im folgen 
den Sinne: Sie ist eine höchst eigenartige Mischung von zwanghafter 
Staatsraison und gesellschaftlichen Normen, die äußerst progressiv 
sein können. Ich glaube, diese Art preußische Geschichte I 
anzunehmen, sollten wir bei der weiteren Diskussion, die bestimmt 
weit über die Ausstellung hinaus dauern wird, beherzigen. Beim 
Kollegen Oxfort war die Rede davon, daß die Gefahr bestünde, daß 
man Preußen nur als eine Kette von Scheußlichkeiten bringt. Ich 
glaube, das darf und wird auch nicht der Fall sein; denn dann, meine 
Damen und Herren, wären wir hier in unserer Geschichtsbetrachtung 
- ich würde sagen - in dem finsteren Mittelalter, das es eigentlich 
niemals gegeben hat. Jetzt zitiere ich die hier schon von Dr. Biewald 
genannte Historikerin der DDR. Die hat einmal, ich glaube im vorigen 
Sommer, ein höchst anerkennenswertes Wort im Zusammenhang mit 
Geschichte und insbesondere im Zusammenhang mit preußischer 
Geschichte gesagt, welches einen enormen Wandel in der 
Geschichtsbetrachtung der DDR, den man begrüßen sollte, zeigt. Sie 
hat gesagt: 
Kein Volk hat nur Sternstunden in seiner Geschichte. 
Meine Damen und Herren, auch die preußische Geschichte kennt 
eben nicht nur Sternstunden. Und deswegen, wenn hier die Rede 
immer wieder auf Naziverbrechen kommt und einer meiner Vorredner 
zu Recht feststellte - ich teile diese Auffassung -, die Naziverbrechen 
wären im alten Preußen niemals möglich gewesen, dann muß ich auch 
gleichzeitig hinzufügen, man muß aufhören mit dieser blödsinnigen 
Parallele, die nach 1945 uns Deutschen oktroyiert wurde, nämlich eine 
Linie zu ziehen von Friedrich dem Großen über Bismarckzu Hitler. Das 
ist Geschichtsfälschung, die wir nicht weiter betreiben wollen. 
< Allgemeiner Beifall > 
Außerdem, meine Damen und Herren, wenn von Adolf Hitler die Rede 
ist, wenn ich mich nicht irre, dann kommen er und die große Zahl seiner 
Kumpane nicht aus Preußen und besaßen auch nicht ein Fünkchen 
preußischen Geistes. 
< Beifall bei der SPD - Vereinzelter Beifall bei der CDU > 
Nein, meine Damen und Herren, der Kollege Oxfort hat hier - und 
das dürfen wir ihm ohne weiteres nachsehen - in seinen 
Ausführungen einen besonderen Raum Preußen und der Rechtsge 
schichte Preußens gewidmet. Ich halte das ebenfalls für notwendig; 
auch der Senator Sauberzweig ist darauf noch einmal eingegangen 
und hat auf diese Mühlengeschichte hingewiesen. Vielleicht darf ich 
einmal aus einer neuen Veröffentlichung des Rechtsanwaltes Dr.
	        
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