Publication:
1979
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9474249
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin — 8. Wahlperiode
17. Sitzung vom 14. Dezember 1979
Or. Biewald
Aufführungen waren - da wird schludrig gearbeitet, es fallen
die Versatzstücke um, da poltern die Scheinwerfer, man fühlt
sich in die Provinz versetzt. Im Orchester wird nicht mehr
die Qualität gezeigt, die eigentlich bei einer solchen Millio
nenausgabe vorhanden sein müßte. Im Orchester ist es
schon so weit, daß man lächelt, wenn man sich verspielt, als
wäre es ein gutgemeinter Scherz. Wenn Sie einmal in den
Orchestergraben gucken, sehen Sie, was dadurch passiert
ist, daß es jahrelang keinen Generalmusikdirektor gab. Der
Mann, der jetzt kommt, Jesus Lopez Coleus, er konnte zu
nächst Weggehen und ist dann für viel Geld neu eingekauft
worden, stand aber nicht sofort zur Verfügung, Sehen Sie
beispielsweise die Solisten an: Ich möchte es mal in drei
kleinen Teilen vorführen. Erstens: Wenn jemand kommt, be
kommt er falsche Auftritte. Er guckt nach rechts, die Leute
treten von links auf — dies ist nicht politisch gemeint. Die
zweite Möglichkeit: Wenn wirklich ein Solist von großem
Standart herkommt, dann ist er nicht eingespielt, bzw. er
wird überhaupt nicht in der Presse annonciert, weil die
Presseabteilung der Oper nicht funktioniert. Drittens: Sehen
Sie doch mal, Herr Senator, wie viele Solisten — ich habe
mir hier eine Liste von 40 Leuten der Spitzenklasse gemacht
— Berlin meiden. Ich will nur Martina Arojo, Grace Bumbry,
Montserrat Caballö, Christina Deutekom, Renata Scotto,
Mirella Freni nennen und von den Herren Kraus, Placido
Domingo, Piero Capucilli, Raimondi Gaurov, Luicano Pava
rotti — über den ich noch ein Wort sagen muß —, die nor
malerweise nicht nach Berlin kommen, aber in Hamburg,
Köln und München singen.
Nun wird immer gesagt, das liege daran, daß die Deutsche
Oper nicht genügend Geld habe. Ich habe deswegen ver
sucht, die vier Opernhäuser in Deutschland, die im Moment
im Gespräch sind, zu vergleichen: Hamburg bekommt einen
Zuschuß von 48 Millionen DM, München 41 Millionen DM,
Köln 28 Millionen DM, Berlin 50 Millionen DM. Am Geld kann
es also doch wohl nicht liegen, sondern daran, daß eine
Menge Personal mitgeschleppt wird, das nicht mehr singt
oder nicht mehr singen kann. So daß das Glanzlicht Oper,
das sie eigentlich für Berlin sein müßte, immer matter wird.
Das heißt, wir müssen fürchten, daß es versinkt, wenigstens,
wenn man demjenigen, dem ich ein Urteil zutraue, vertraut,
einem unserer großen Opernintendanten, der auf meine
Frage, wo er die Berliner Oper ansiedeln würde, mit einer
verächtlichen Handbewegung sagte: Braunschweig I — So
weit, meine ich, darf es nicht kommen.
Nehmen wir den zweiten großen Brocken, die Privat
theater: Etwa 30 Millionen Zuschuß, aber völlig falsch ver
teilt. Herr Senator, ich weiß, daß nach der Pressekonferenz,
die mein Landesvorsitzender Peter Lorenz im März des vori
gen Jahres gegeben und wo er aufgezeigt hat, wie man es
zunächst anders, aber besser machen könnte, in Ihrem
Hause eine Klausurtagung Ihrer Verwaltung stattgefunden
hat und diese Verwaltung dazu gekommen ist, Dinge in 1980
ändern zu wollen, die sich jetzt natürlich noch nicht abspielen
können. Wir hoffen also, daß Sie Vernunft annehmen und
entsprechend anders subventionieren werden. Wie anders
könnte es dann sein, wenn man nicht - um ein Beispiel
herauszunehmen — für eine Inszenierung der „Birne“ 150 000
DM ausgibt, dafür aber ein ganzes Jahr das Hansa-Theater
mit 59 000 DM subventioniert. Da sehen Sie auch, sehr ver
ehrter Herr Senator, wo es krankt, denn hier ist einfach die
politische Wertung des Senats falsch. Hier sind Mittel nicht
so ausgegeben, daß sie wirklich effektiv etwas einbringen.
Und ich will da auch noch einen anderen Vergleich ziehen.
Nehmen wir mal „Rote Grütze“ und das Berliner Kinder
theater, das nun immerhin schon 500 Aufführungen hatte,
welch eine große Diskrepanz zwischen diesen beiden Thea
tern besteht, was die Subventionierung angeht. Wir haben
immer behauptet — und dies hat zum Teil dazu geführt, Herr
Senator, daß Sie der Meinung waren, wir würden mit zu
starken Worten arbeiten —, mit einer solchen Politik könne
man tatsächlich Kultur kaputtmachen:
< Beifall bei der CDU >
Wenn z. B. eines der Theater seinem Darsteller 50 DM pro
Abend zahlen kann und das andere Theater 200 DM — denn
das ist die Konsequenz aus der praktizierten Kulturpolitik
des Senats —, dann kann das eine Theater natürlich mit bes
seren Aufführungen arbeiten und die Schauspieler zusam
menkaufen, während das andere Theater, ich will mal über
treibend sagen, an den Rand einer Pleite, mindestens was (C)
die Inhalte angeht, getrieben wird.
Der dritte große Brocken in Ihrem Haushalt: 25 Millio
nen DM für die Staatstheafer. Ich will einen Satz aus dem
„Tagesspiegel“ vom 4. November 1979 zitieren, der sympto
matisch ist: „Im November lag noch nicht der Spielplan der
Premieren für Dezember, geschweige denn für Januar bis
Juni 1980 vor.“ Das heißt also, man konnte — vor allen Din
gen, wo wir uns als Pressestadt, als Messestadt, als Stadt
mit dem ICC gerieren wollen — niemandem ein Angebot
machen, daß derjenige, der aus dem Bundesgebiet oder gar
aus dem Ausland kommt, sagt: Ich freue mich, ich nehme
dies oder jenes kulturell mit! —
Dies führt mich zum Schluß noch zu zwei Punkten, Herr
Senator, ich wollte mich kurz fassen.
< Hitzigrath (SPD): Das ist gut! >
— Selbstverständlich, in der Kürze liegt ja die Würze, wie
Sie wissen, Herr Kollege.
< Hitzigrath (SPD): Der Mann versteht was von Kultur! >
Erstens: Herr Senator, wenn das ICC einen Mann wie Pava
rotti kauft und die Deutsche Oper, weil hier der Senat die
Preise verdirbt, dann genötigt ist, auch 23 000 DM für Pava
rotti zu zahlen, weil im ICC die Preise verdorben wurden, so
ist das eine falsche Senatspolitik. Hier ist man doch tatsäch
lich auf dem Wege, eine Institution von der anderen kaputt
machen zu lassen, wie ich es eben an den Theatern schon
gezeigt habe. Ich könnte Ihnen noch mehr solcher Beispiele
nennen, denken Sie an die Figuren für den Sommergarten
am Funkturm. Es gibt eine Menge solcher Beispiele, bei
denen es einfach falsch gelaufen ist.
Letzte Sache: Die CDU-Fraktion hat häufig gefordert, daß
wir für Berlin einen Jahreskulturfahrplan haben müssen, weil
Kongresse ein bis zwei Jahre im voraus gebucht werden und
die Leute, die herkommen, wissen wollen, was sich in Berlin
kulturell abspielt. Aber was bieten wir, meine Damen und
Herren? Es gibt eine Monatsvorschau, die ein bißchen dar
über hinausgeht — hier heißt sie beispielsweise Herbst/Win
ter 1979/80, „Berlin erlebt“! Dann gibt es eine Vorschau bis
Mai, die sehr unscheinbar hektographiert ausgeliefert wird,
aber was im Dezember 1980 in Berlin passiert, weiß kein
Mensch; dafür kann sich keiner einsetzen, abfragen und sich
entsprechend dafür interessieren. Dies ist eine verfehlte
Senatspolitik, hier werden Mittel ineffektiv ausgegeben, des
wegen müssen wir unter anderem Ihren Haushalt ablehnen.
< Beifall bei der CDU >
Präsident Lorenz: Das Wort hat Frau Abgeordnete Luuk.
Frau Luuk (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und Her
ren! Ich hatte ja eigentlich gedacht, daß im Zuge des New
look der CDU-Fraktion, nachdem Sie ihr Umweltbewußtsein
entdeckt haben und gegen Tausalz sind, seitdem Sie sich
sogar für Wohngemeinschaften einsetzen, Ihr Sprecher vor
treten und verkünden würde, daß nunmehr auch alle Maul
körbe eingesammelt würden und Sie künftig Herrn Chotjewitz
einladen wollen, um bei Ihnen Lesungen zu halten,
< Beifall bei der SPD >
oder daß Sie vielleicht auch eine Plakatausstellung von Herrn
Staeck organisieren wollen. Aber das konnte Herr Biewald
hier nicht bieten.
< Rösler (CDU): Ist doch der Schnee von gestern! —
Beifall bei der SPD >
Ich meine, die späte Stunde gebietet es, daß man zu dem
Haushalt für Kulturelle Angelegenheiten möglichst nur einige
Akzente setzt. Und ich komme dazu nicht etwa, weil es un
serem kulturpolitischen Sprecher, dem Kollegen Papenfuß,
die Sprache verschlagen hat. Aber er ist ein Opfer der Witte
rung, und selbst Bemühungen der CDU-Fraktion, ärztlicher
seits, ihn wieder fit zu machen, haben hier nicht gegriffen.
Und so kann ich Ihnen einiges vortragen. Ich möchte auch
nicht so sehr unterstreichen, daß wir stolz und dankbar sind,
daß die kulturelle Ausstrahlung Berlins nach wie vor Welt
geltung hat.
< Beifall bei der SPD >
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