Publication:
1979
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9474249
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin — 8. Wahlperiode
17. Sitzung vom 14. Dezember 1979
708
Lorenz, Peter
(A) es sicher der Staat tun. Aber viel zu oft fragt man auch
dann nach dem Staat, wenn zunächst eigentlich die eigene
Verantwortung gefragt wäre. In weiten Kreisen hat sich die
Überzeugung ausgebreitet, daß es die Regel sei, Kinder
alsbald nach ihrer Geburt der staatlichen und gesellschaft
lichen Obhut zu überlassen. Ich finde, daß die Politik dieses
Senats diese Auffassung gefördert hat, daß sie bisher nicht
die Fähigkeit und den Willen der Familie zur eigenverant
wortlichen Erziehung in geeigneter Weise materiell und
geistig anregt, sondern die Familien eher entmutigt. Und
das, finden wir, muß anders werden in unserer Stadt.
< Beifall bei der CDU >
Es ist kein Wunder, daß unter diesen Umständen die Zahl
der Stellenanzeigen in den Zeitungen immer größer wird, in
denen Fleimerzieher, Sozialarbeiter, Familientherapeuten,
Gemeindepädagogen gesucht werden. Wir haben ja ohnehin
nicht sehr viel Familien mit Kindern in Berlin. Der Kollege
Wohlrabe hat darüber gestern schon etwas gesagt. Im Jahr
1977 lebten in Berlin über 815 000 Familien, Davon hatten
nur 206 000 — also ein Viertel — Kinder unter 18 Jahren.
Ober die Hälfte davon hatte nur ein Kind, Familien mit zwei
oder mehr Kindern stellen in unserer Stadt schon eine Min
derheit dar. Selbst wenn das Begründungen hat, ich finde
diese Zahlen alarmierend, denn wenn es so weitergehen
würde, dann können wir uns ausrechnen, daß Kinder im
Bewußtsein der meisten Menschen in unserer Stadt nicht
mehr zum Alltag gehören; man wird daher ihre Bedürfnisse
und die notwendigen Bedingungen für ihre gedeihliche Ent
wicklung in der Politik und auch in anderen gesellschaft
lichen Bereichen nicht mehr in genügender Weise berück
sichtigen.
Stellv. Präsident Baetge: Herr Abgeordneter, erlauben
Sie eine Zwischenfrage der Abgeordneten Frau Luuk?
Lorenz (CDU): Bitte!
Stellv. Präsident Baetge: Frau Luuk, Sie haben das Wort.
Frau Luuk (SPD): Herr Lorenz, sind Sie nicht in Ver
wirrung geraten zwischen den Bereichen Bevölkerungsent
wicklung und Familienpolitik? Oder gehen Sie davon aus,
daß das ein und dasselbe ist?
< Widerspruch bei der CDU >
Lorenz (CDU): Frau Luuk, ich gehe nicht davon aus, daß
das ein und dasselbe ist, aber ich sehe natürlich, daß hier
ein großer Zusammenhang besteht.
< Beifall bei der CDU >
Es besteht eben für mich kein Zweifel, daß unsere Stadt
auf die Dauer nicht leben kann, wenn wir nicht eine ge
nügende Zahl gesunder Familien und gesunder Kinder in
unserer Stadt haben. Und das ist eine entscheidend wichtige
Frage, auch für die Senatsverwaltung für Familie, Jugend
und Sport.
< Beifall bei der CDU >
Dazu kommt dann noch, daß das durchschnittliche Pro-
Kopf-Einkommen in Familien mit Kindern, besonders bei
einer größeren Zahl von Kindern, immer geringer ist als bei
Paaren ohne Kinder. Im Jahr 1973 betrug das durchschnitt
liche Pro-Kopf-Einkommen in Ehen ohne Kinder 990 DM,
dagegen für jedes Mitglied einer Drei-Kinder-Familie
561 DM. Unter diesen Umständen ist es ja gar kein Wunder,
daß viele Ehepaare glauben, sich Kinder nicht leisten zu
können, und daß beide Partner lieber berufstätig sind.
Neulich las ich noch ein anderes Beispiel, was ich sehr
interessant finde. Zwei berufstätige Ehepartner verdienten
zusammen 2 600 DM netto. Würde die Frau nach der Geburt
des Kindes ihren Beruf aufgeben, dann hätte das Paar mit
dem Kind trotz Kindergeld und Steuererleichterung künftig
nur knapp 1 500 DM statt 2 600 DM. Erst seit diesem Jahr
steht die Familie etwas besser durch das neue Mutter
schaftsgeld, aber eben auch nur für ein halbes Jahr. An der
Gesamtsituation ändert das nicht viel. Unter diesen Um
ständen werden viele Mütter, die ihre Kinder lieber selbst (C)
erziehen und dafür vorübergehend auf eine Berufstätigkeit
verzichten würden, veranlaßt, in ihrem Beruf weiterzuarbei
ten und ihre Kinder in Krippen oder Laufkrippen und Kin
dertagesstätten zu geben. Und hier muß nach unserer Über
zeugung etwas getan werden, um Mütter, die das wollen,
anzuregen, wenigstens in den ersten Jahren unter Verzicht
auf Berufstätigkeit ihre Kinder selbst zu betreuen.
< Beifall bei der CDU >
Eine Erhebung des Bundesministers für Jugend, Familie und
Gesundheit hat ergeben, daß 63 % der befragten berufs
tätigen Mütter bereit wären, auf die Ausübung ihres Berufs
zu verzichten und zu Hause zu bleiben, wenn sie nur einen
angemessenen Ausgleich für den entgangenen Lohn oder
das Gehalt bekommen würden.
Und, meine Damen und Herren, es ist doch inzwischen
auch eine wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis, daß die
Entwicklung der Kinder ganz entscheidend in den ersten
Lebensjahren bestimmt wird und daß dabei die Zuwendung
der Mutter zu ihrem Kind eine ganz wesentliche Rolle spielt.
Deshalb sollten wir Müttern, die sich ihren Kindern zuwen
den wollen, das durch staatliche Maßnahmen erleichtern.
Nun hat man hier in Berlin durch Einführung des Null
tarifs in der Kindertagesstätte die Eltern, die sich der Be
treuung ihrer Kinder in den ersten Lebensjahren selbst wid- I
men wollen, noch benachteiligt, denn sie müssen nicht "
nur auf die Einnahmen aus der Berufstätigkeit eines Eltern
teils verzichten, sondern auch noch das Geld für den Unter
halt der Kinder zusätzlich aufwenden, ohne daß der Staat
dazu etwas tut. Das halten wir nicht nur für ungerecht, son
dern das widerspricht nach unserer Auffassung auch dem
Verfassungsgebot, die Familien mit Kindern nach Kräften
zu fördern.
< Beifall bei der CDU >
Zudem wollen wir doch den Frauen eine echte Entschei
dungsmöglichkeit geben, ob sie ihren Beruf weiter ausüben
oder sich der Kindererziehung widmen wollen. (Dj
< Beifall bei der CDU >
Und in der gegenwärtigen Situation werden die Frauen im
Interesse einer Vermeidung erheblicher finanzieller Nach
teile geradezu
< Zuruf; Und die Männer?! >
— Ja, es können auch Männer sein, also diejenigen, die die
Sorge für ein Kind oder mehrere Kinder haben. Die werden
vom Staat geradezu darauf verwiesen, nach Möglichkeit
weiter berufstätig zu bleiben und ihre Kinder einer Krippe
anzuvertrauen. Und das wollen wir ändern.
< Beifall bei der CDU >
Wir beantragen daher, den Senat zu beauftragen, dem
Abgeordnetenhaus von Berlin bis zum 30. September 1980
einen Entwurf für die Gewährung eines Erziehungsgeldes
vorzulegen.
< Hitzigrath (SPD):
Gehört doch gar nicht zum Haushalt! >
Nach diesem Gesetzentwurf soll allen Eltern und allein-
stehendert Elternteilen, denen das Sorgerecht übertragen
worden ist, ein-Erziehungsgeld für jedes Kind im Alter bis
zu 3 Jahren gewährt werden. Das ist die Zeit, in der Kinder
in Krippen und Laufkrippen sonst untergebracht wären.
Der Forderung nach Zahlung eines Erziehungsgeldes wird
oft entgegengehalten, das sei zur Zeit nicht finanzierbar.
Demgegenüber möchte ich zunächst einmal feststellen: Die
professionelle außerfamiliäre Betreuung und Erziehung von
Kindern ist natürlich viel teurer als die Familienerziehung.
Die Folgekosten verschlingen große Summen. Außerdem
müssen ja jedes Jahr große Beträge aufgebracht werden,
um die seelischen, sozialen und körperlichen Schäden, die
wesentlich auch darauf zurückgehen, daß sich Mütter ihren
kleinen Kindern nicht widmen können oder nicht widmen
wollen, zu verwalten, zu betreuen und zu behandeln. Gibt
man nur einen angemessenen Teil dieses Geldes den Müt
tern, die sich ihrer Kinder annehmen wollen und widmen
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