Publication:
1979
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9474249
Path:

Abgeordnetenhaus von Berlin — 8. Wahlperiode
17. Sitzung vom 14. Dezember 1979
703
Sen Sund
;(A) wegen ist es wirklich geboten, bei der Problematik Kranken
stand ganz genau hinzusehen. Krankenstand wurde bisher
zumeist definiert als der Anteil der zu einem bestimmten
Stichtag arbeitsunfähig geschriebenen Erwerbstätigen an
der Gesamtzahl der Beschäftigten. Das ist nun eine sehr
grobe und wenig brauchbare Zahl. Vor allem wenn man
auf die Situation in den Betrieben abhebt, dann lohnt es
sich, einmal zwei Bezugsgrößen genauer anzusehen. Das
sind nämlich die Arbeitsunfähigkeitsfälle je 100 Kranken
kassenmitglieder, und zwar Pflichtmitglieder, und es sind
die Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Krankenkassenmitglie
der. Einmal die Fälle, einmal die Tage. Nun hat sich in
zwischen bundesweit herausgestellt, daß man diese zum In
dikator nimmt, um sichere Anhaltspunkte über das, was wir
etwas unscharf als Krankenstand bezeichnen, zu bekommen.
Hierzu muß ich Ihnen nun einmal folgendes mitteilen — und
ich finde es ganz gut, daß wir das wenigstens einmal zu
Protokoll geben, damit diese verdammte Herumrederei über
den Krankenstand in Berlin einmal aus der Welt kommt —,
< Beifall bei der SPD >
nämlich erstens, daß bei den Arbeitsunfähigkeitsfällen je
100 AOK-Pflichtmitglieder Berlin günstiger liegt als etliche
andere Großstädte, und zwar darunter Hamburg, oder zu
mindest gleichauf. Lassen Sie mich das einmal ganz plastisch
sagen: Berlin liegt günstiger als Hamburg, als Hannover,
als Düsseldorf, als Essen, als Bochum, als Wuppertal, als
Stuttgart.
< Dr. Mahlo (CDU): Ist das alles? >
— Ich werde Ihnen gleich sagen, warum ich so etwas nenne.
Und ich meine, das ist doch keine Sache, wo wir mitein
ander polemisieren müssen. Hier müssen wir uns doch hel
fen, Argumente in die Hand zu bekommen, um damit auch
für die Stadt eintreten zu können.
< Beifall bei der SPD >
Und jetzt kommt der zweite Punkt, das sind die Arbeits
unfähigkeitstage je 100 Mitglieder. Danach wird in Berlin
im Durchschnitt etwas länger arbeitsunfähig geschrieben.
Aber auch hier rangiert allerdings noch eine ganze Reihe
von Städten vor Berlin, während Hamburg und Stuttgart in
diesem Fall fast den gleichen Wert wie Berlin erreichen.
Welche Nutzanwendung können wir ziehen? Wir können
feststellen, daß wir, wenn wir auch noch andere Indikatoren
mit heranziehen — und diese sind im übrigen, wie Sie wis
sen, zur Zeit Gegenstand einer gründlichen Untersuchung
auch über Ursachen von Arbeitsunfähigkeit —, ein Gefälle
haben zwischen den Ballungsgebieten und den ländlichen
Räumen. Und wir haben überall dort, wo wir solche indu
striellen Ballungsgebiete haben, mit all den Problemen, die
daranhängen, durch die Bank eine höhere Arbeitsunfähig
keit. Deswegen habe ich die anderen Städte, die großen
Städte eben genannt. Dagegen müssen wir feststellen, daß
in den ländlichen Räumen offensichtlich andere Lebensbedin
gungen herrschen und sich die Gesamtheit der Lebensbedin
gungen so auswirkt, daß wir nicht zu solchen hohen Zahlen
kommen. Das ist eigentlich das, womit wir uns befassen
müssen. Das ist keine Sondersituation Berlins, sondern eine
Sondersituation in den industriellen Ballungsgebieten.
Ganz interessant ist es in diesem Zusammenhang, einmal
einen Blick in den anderen Teil unseres Vaterlandes zu
werfen. Dort ist es nämlich exakt so, daß ebenfalls in den
Ballungsgebieten ein höherer Krankenstand ausgewiesen
wird als in den Gebieten, in denen die industriell-gewerb
liche Dichte sich nicht so eindrucksvoll darstellt. Also hier
auch eine Entwicklung, die ganz offensichtlich zu tun hat mit
den Lebensbedingungen in solchen Räumen, mit den Ar
beitsbedingungen in solchen Räumen und von da her nichts
berlinspezifisches ist.
Es würde mich natürlich sehr reizen, jetzt noch länger dar
über zu reden, aber ich möchte hier nun nicht vollends wie
ein Oberlehrer oder einer von Richtigstellungszwängen Be
sessener wirken. Nur, ich finde, daß es vielleicht ganz nütz
lich ist und hilft, so ein paar Grundlagen miteinander auf
zunehmen und sie miteinander auszutauschen und zu dis
kutieren, um dann am Ende zu einer förderlichen Gesamt
bewertung zu gelangen.
< Hucklenbroich (F.D.P.): Die hohe Frauenbeschäftigung
kommt in Berlin noch hinzu! >
— Die hohe Frauenbeschäftigung, Sie wissen, daß in Berlin
die Erwerbsquote der Frauen um etwa 10 Punkte über dem
Bundesdurchschnitt liegt, spielt natürlich eine Rolle. Der
Herr Regierende Bürgermeister hat ja gestern in seiner Ein
lassung dazu noch ein paar andere, ganz entscheidende
Indikatoren genannt. Mir kam es nur zu, meinte ich, bei
dieser Gelegenheit noch ein paar fachlich-methodische An
merkungen zu der Problematik zur machen.
Zu den Auszubildenden: Die Verringerung der Zahl ju
gendlicher Arbeitsloser geht mit Sicherheit auch auf das
vermehrte Ausbildungsplatzangebot zurück. Berlin konnte
seine Spitzenposition im Bundesländervergleich festigen.
Gegenwärtig verfügen wir über mehr als 30 000 Ausbildungs
verhältnisse nach dem Berufsbildungsgesetz. Rechnerisch
hielten sich — Herr Hitzigrath hat darauf hingewiesen —
Angebot und Nachfrage in diesem Jahr in etwa die Waage.
Zu diesem Erfolg haben die öffentlichen und privaten Ar
beitgeber, vor allem aber das Berliner Handwerk, gleicher
maßen beigetragen.
< Beifall bei der SPD >
Und ich muß ehrlich sagen, ich finde das gar nicht schändlich,
wenn sich jeder hier auch rühmt, seinen Anteil dazu beige
tragen zu haben, weil die Idealkonkurrenz, die dabei ent
steht, uns allen nur helfen kann.
< Beifall bei der SPD >
Es geht nämlich darum, daß wir dabei auch eine Situation
hersteilen, die uns in den nächsten Jahren, wenn wir noch
zusätzliche Ausbildungsplätze brauchen, und zwar in be
achtlicher Zahl, wiederum in den Stand setzen, die Pro
bleme gemeinsam zu meistern. Wir dürfen in unserer Bereit
schaft nicht erlahmen, wenn es darum geht, zusätzliche
Ausbildungsplätze zu mobilisieren. Wir können dieses Ziel
erreichen, wir haben dafür ein gutes Fundament gelegt. Der
Ausbau der außerbetrieblichen Ausbildungsstätten des Be
rufsamtes wird 1980 — ich beziehe mich ausdrücklich auf
den Haushalt mit der Schaffung von insgesamt 1 000 Plät
zen — wie geplant abgeschlossen werden. Die Mittel für zu
sätzliche Plätze im öffentlichen Dienst stehen bereit. Wir
haben in den letzten fünf Jahren die Zahl der Auszubilden
den im öffentlichen Dienst verfünffacht. Seit 1975 haben wir
von 750 im Bereich des öffentlichen Dienstes aufgrund der
Anstrengung der öffentlichen Hand die Zahl auf 3 500 ge
steigert, und zwar ohne die Bundesbehörden dabei mit ein
zurechnen.
Es liegen Richtlinien vor, die besondere Ausbildungslei
stungen der Berliner Betriebe honorieren. Berlin ist auch
hier in der Gesamtbewertung seiner Anstrengungen im Bun
desmaßstab führend. Die Berliner Wirtschaft sollte alle Mög
lichkeiten nutzen, die im Förderungskatalog der Richtlinien
stecken. In diesem Jahr sind die entsprechenden Landes
mittel zu einem großen Teil nicht abgeflossen. Das muß sich
1980 ändern. Hier ist ja im Hauptausschuß auch signalisiert
worden, daß wir bei dem Bemühen, die Mittel, die zur Ver
fügung gestellt werden, voll auszuschöpfen, auf die volle
Unterstützung der Opposition rechnen sollen. Die Tränke
ist gebaut, jetzt kommt es darauf an, daß die Pferde auch
saufen.
< Beifall bei der SPD >
Was die von den Richtlinien erfaßte überbetriebjiche Aus
bildung angeht, so möchte ich darauf hinweisen, daß eine
Konzeption für eine überbetriebliche Ausbildungsstätte im
Hotel- und Gaststättenbereich vorliegt, und zwar für ein
Projekt, das es in dieser Form in Berlin bisher noch nicht
gibt. Und auch die Finanzierung des Vorhabens ist bereits
gesichert. Weitere überbetriebliche Projekte sind beantragt
oder in Aussicht genommen. Ich bin darüber sehr froh, weil
es gelungen zu sein scheint, Vorbehalte gegen überbetrieb
liche Ausbildungsstätten, die ich als sachlich begründet nie
habe begreifen können, abzubauen, und ich hoffe, daß sol-
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