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Volume Nr. 59, 26. Mai 1977

Full text : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1977, 7. Wahlperiode, Band III, 46.-74. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  7.  Wahlperiode

59.  Sitzung  vom  26.  Mai  1977

Eine  Behandlung  gegen  den  Willen  des  Betroffenen  befindet ­
  sich  in  einer  sehr  ungünstigen  Ausgangslage,  da  eine
langfristige  Rehabilitation  bis  zur  gesellschaftlichen  Wiedereingliederung ­
  gegen  den  Willen  des  Betroffenen  und
ohne  Mitarbeit  des  Patienten  unmöglich  ist.  Daher  sind
Zwangsmaßnahmen  nur  für  den  initialen  körperlichen  Entzug ­
  und  nur  für  die  Zeit  der  immittelbaren  Gefährdung
möglich  und  vertretbar.
Sollten  die  Sachverständigen  eine  vermehrte  Inanspruchnahme ­
  des  Unterbringungsgesetzes  Vorschlägen,  so  müssen
in  der  Kommissionsarbeit  gerade  auch  die  rechtlichen  und
organisatorischen  Folgerungen  bedacht  werden,  die  Sie,
Herr  Abgeordneter  Krüger,  in  Ihrer  Anfrage  angesprochen
haben.  Zu  den  rechtsstaatlichen  Sicherungen  kann  ich  mitteilen,
  daß  Behandlungen  in  psychiatrischen  Krankenhäusern, ­
  die  mit  Freiheitsentziehung  verbunden  sind,  nur  auf
richterliche  Anordnung  geschehen  dürfen.  Im  Unterbringungsgesetz ­
  ist  ausdrücklich  vorgesehen,  daß  sich  der  erkennende ­
  Richter  selbst  ein  Bild  darüber  verschaffen  muß,
ob  die  gesetzlich  fixierten  Voraussetzungen  für  die  Anwendung ­
  dieses  Gesetzes  auch  vorliegen.  Selbstverständlich
ist  die  Unterbringung  stets  zeitlich  begrenzt  und  kann  nur
durch  richterliche  Entscheidung  verlängert  werden.

Präsident  Lorenz:  Zu  einer  Zusatzfrage  hat  das  Wort  der
Abgeordnete  Krüger.

Krüger  {F.D.P.):  Herr  Senator  Pätzold,  da  Sie  hier  mit
Recht  vom  Unterbringungsgesetz  gesprochen  haben,  frage
ich  Sie:  Ist  bekannt,  in  welchem  Umfang  dieses  Gesetz
bisher  hier  in  Berlin  angewendet  worden  ist?

Präsident  Lorenz:  Herr  Senator  Pätzold!

Pätzold,  Senator  für  Gesundheit  und  Umweltschutz;
Herr  Abgeordneter  Krüger,  bisher  legen  die  zuständigen
Behörden  und  auch  die  Gerichte  die  Voraussetzungen  nach
meinem  Kenntnisstand  sehr  eng  aus,  so  daß  es  nur  relativ
wenig  Fälle  gibt.  Wir  möchten  insbesondere  in  Gesprächen
mit  allen  Beteiligten  noch  einmal  diese  ganze  Problematik
durchsprechen  und  erreichen,  daß  die  verschiedenen  zuständigen ­
  Stellen  —  Behörden,  Gerichte,  Krankenhäuser  —
sich  vergegenwärtigen,  welchen  möglichen  zusätzlichen
Spielraum  man  hier  hat,  damit  im  Interesse  der  Drogenabhängigen ­
  wie  auch  der  Sicherheit  der  Bevölkerung  vernünftig ­
  gehandelt  werden  kann.

Präsident  Lorenz:  Herr  Abgeordneter  Hiersemann!

Hiersemann  (SPD):  Herr  Senator,  darf  ich  Sie  in  diesem
Zusammenhang  fragen,  wann  mit  der  Inbetriebnahme  der
Drogenklinik  in  Frohnau  zu  rechnen  ist?

Präsident  Lorenz:  Herr  Senator  Pätzold!

Pätzold,  Senator  für  Gesundheit  und  Umweltschutz:
Die  Drogenklinik  in  Frohnau  ist  im  Bau;  wenn  ich  mich
nicht  ganz  täusche,  soll  sie  im  nächsten  Jahr  eröffnet
werden.

Präsident  Lorenz:  Herr  Abgeordneter  Roloff!

Boloff  (F.D.P.):  Herr  Senator,  für  den  Fall,  daß  die
Überlegungen  der  Kommission  zur  Zwangseinweisung  führen ­
  werden,  frage  ich  Sie,  ob  die  Finanzierung  der  freien
Rehabilitationsgruppen  nach  wie  vor  in  dem  jetzigen  Umfang ­
  erfolgen  wird  oder  ob  da  aufgrund  der  dann  vermehrt
in  Anspruch  genommenen  Finanzen  eventuell  ein  Finanzierungsstopp ­
  oder  ein  Finanzierungseinschnitt  vorgenommen ­
  wird?

Präsident  Lorenz:  Herr  Senator  Pätzold!

Pätzold,  Senator  für  Gesundheit  und  Umweltschutz:
Herr  Abgeordneter  Roloff!  Wenn  wir  in  der  Senatskommission ­
  darüber  nachdenken,  wie  die  Arbeit  insgesamt
intensiviert  werden  kann,  dann  ist  eine  der  denkbaren
Überlegungen  die  Behandlung  ohne  oder  gegen  den  Willen
des  Betroffenen.  Aber  dies  ist,  wie  ich  sagte,  nur  der  erste
Einstieg,  und  wir  werden  dafür,  wie  es  der  Abgeordnete
Krüger  in  seiner  Frage  auch  formuliert  hat,  zusätzliche
Aufnahmestationen  in  den  vorhandenen  Krankenhäusern
bereitstellen  müssen.  Ganz  gewiß  muß  sich  aber  an  diese
Phase  dann  die  bisherige  intensive  Arbeit  der  verschiedenen ­
  in  dieser  Szene  tätigen  Gruppen  anschließen.  Der  Senat ­
  hat  schon  bei  früherer  Gelegenheit  vor  einigen  Monaten
keinen  Zweifel  daran  gelassen,  daß  er  hier,  auch  was  die
finanzielle  Seite  angeht,  alles  mögliche  tun  wird.  Ich  glaube
deshalb  nicht,  daß  hier  über  Einschnitte  nachgedacht  werden ­
  kann,  sondern  eher  darüber  nachgedacht  werden  muß,
wie  das  nachfolgende  Programm  noch  verbreitert  werden
müßte.

Präsident  Lorenz:  Herr  Abgeordneter  Momper!

Momper  (SPD):  Herr  Senator,  habe  ich  Sie  richtig  verstanden, ­
  daß  Sie  es  nach  wie  vor  prinzipiell  für  besser
halten,  Drogenabhängige  zu  motivieren,  freiwülig  von  der
Spritze  wegzukommen?

Präsident  Lorenz:  Herr  Senator  Pätzold!

Pätzold,  Senator  für  Gesundheit  und  Umweltschutz:
Als  ein  überzeugter  Liberaler  —  nicht  im  parteipolitischen
Sinne  —  gehe  ich  immer  davon  aus,  daß  dies  so  besser  ist,
wie  Sie  es  dargestellt  haben.  Aber  wenn  ich  mir  einmal
vergegenwärtige,  welche  große  Not  hier  herrscht,  wie
sehr  etwa  Kinder  im  Verhältnis  zu  ihren  Eltern  vielleicht
noch  in  eine  Behandlung  zu  bringen  sind,  aber  diese  Behandlung ­
  nicht  durchhalten,  dann  glaube  ich,  daß  wir  die
andere  Überlegung,  notfalls  auch  gegen  den  Willen  oder
ohne  Willen  des  Betroffenen  die  Behandlung  zu  beginnen
und  dann  auch  fortzusetzen,  auf  jeden  Fall  mit  verfolgen
müssen.

Präsident  Lorenz:  Herr  Abgeordneter  Dolata!

Dolata  (CDU):  Ist  dem  Senat  bekannt,  daß  es  mindestens ­
  eine  Drogenklinik  gibt,  die  personell  und  finanziell
voll  ausgestattet  ist  und  nicht  erst  seit  heute,  sondern  seit
langer  Zeit  über  freie  Betten  verfügt;  und  was  gedenkt  der
Senat  zu  tun,  diese  vorgehaltene  Kapazität  auch  zu
nutzen  ?

Präsident  Lorenz;  Herr  Senator  Pätzold!

Pätzold,  Senator  für  Gesundheit  und  Umweltschutz:  Herr
Abgeordneter  Dolata,  Sie  meinen  sicher  die  Einrichtung  in
der  Herwarthstraße,  nicht  wahr?  Ich  muß  Sie  dann  aber
darauf  hinweisen,  daß  dies  eine  Einrichtung  ist,  die  nicht
für  harte,  sondern  für  weiche  Drogen  vorgesehen  war.  Zu
der  Behandlung,  die  bei  harten  Drogen  notwendig  ist,  gehören ­
  andere  räumliche  und  äußere  Verhältnisse,  so  daß
man  nicht  einfach  Kapazitäten,  die  für  einen  anderen
Zweck  gedacht  waren,  in  Anspruch  nehmen  kann.  Auch  in
dem  anderen  Bereich  muß  ja  zusätzlich  einiges  geschehen.
Aber  im  Rahmen  der  Gesamtüberlegungen  wird  auch  geprüft ­
  werden,  inwieweit  man  die  Betten  nach  einer  eventuellen ­
  Umgestaltung  der  Einrichtung  auch  für  Heroinabhängige ­
  in  Anspruch  nehmen  könnte.

Präsident  Lorenz:  Herr  Abgeordneter  Krüger!

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