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Volume Nr. 59, 26. Mai 1977

Full text : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1977, 7. Wahlperiode, Band III, 46.-74. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  7.  Wahlperiode

59.  Sitzung  vom  26.  Mai  1977

1.  Seit  welchem  Zeitpunkt  hat  sich  der  Senat  mit  Problemen ­
  befaßt,  die  durch  die  Einführung  des  Praktischen
Jahres  für  die  finanzielle  und  soziale  Lage  der  Medizinstudenten ­
  entstehen?  Wie  hat  er  auf  die  Initiative  der
Universität  reagiert  ?
2.  Welche  Lösungsmöglichkeiten  —  Praktikantenstatus,
Unterhaltszuschuß,  Darlehen  usw.  —  sind  bisher  im  Gespräch ­
  mit  anderen  Ländern  und  mit  dem  Bund  erörtert
worden  ?
3.  Welche  Verbesserungen  in  seiner  Öffentlichkeitsarbeit
beabsichtigt  der  Senat,  um  dem  Eindruck  entgegenzuwirken, ­
  der  Boykott  von  Lehrveranstaltungen  sei  ein  geeignetes ­
  und  notwendiges  Mittel,  auf  die  Probleme  der  Hochschulausbildung ­
  aufmerksam  zu  machen  ?

Präsident  Lorenz:  Das  Wort  zur  Beantwortung  hat  Herr
Senator  Dr.  Glotz.

Dr.  Glotz,  Senator  für  Wissenschaft  und  Forschung:
Herr  Präsident!  Herr  Kollege  Dittberner!  Zu  Ihrer  Frage  1
darf  ich  bemerken:  Im  Frühjahr  1974  ist  der  Präsident  der
Freien  Universität  Berlin  an  den  Senator  für  Wissenschaft
und  Kunst  herangetreten  und  hat  die  Frage  gestellt,  wie
man  die  soziale  Lage  der  Studierenden  verbessern  könne.
Der  Senator  hat  daraufhin  im  Gespräch  mit  der  Bundesregierung ­
  und  mit  anderen  Bundesländern  die  Probleme
erörtert.  Die  allgemeine  Auffassung  ging  zur  damaligen
Zeit  dahin,  daß  das  Praktische  Jahr  gemäß  der  Approbationsordnung ­
  aus  dem  Jahre  1970  noch  nicht  erprobt  sei
und  demgemäß  eine  Änderung  der  Bundesärzteordnung
und  der  Approbationsordnung  außer  Betracht  bleiben  sollte.
Der  Senat  hat  in  Berlin  die  Voraussetzungen  zur  Durchführung ­
  des  Praktischen  Jahres  geschaffen.  Es  wird  allgemein ­
  anerkannt,  daß  Schwierigkeiten,  die  mit  dem  Praktischen ­
  Jahr  an  vielen  Universitäten  auftreten,  in  Berlin
vermieden  werden  konnten.
Zu  Ihrer  zweiten  Frage:  Der  Hochschulausschuß  der
Kultusministerkonferenz  hat  sich  1976  noch  einmal  mit  der
Frage  der  Notwendigkeit  und  auch  mit  eventuellen  Realisierungsmöglichkeiten, ­
  der  Erhöhung  der  Forderungsbeträge ­
  nach  dem  Bundesausbildungsförderungsgesetz  für
Studenten  im  Praktischen  Jahr,  beschäftigt  und  hat  damals
festgestellt,  daß  es  für  ihn  keine  Gründe  gebe,  eine  differenzierte ­
  Förderung  für  Medizinstudenten  im  Verhältnis  zu
allen  übrigen  Studierenden  zu  empfehlen.  Er  stellte  fest,
daß  Medizinstudenten  gegenüber  Studierenden  anderer
Fachrichtungen  Möglichkeiten  zur  Verbesserung  ihrer  finanziellen ­
  Lage  zur  Verfügung  stehen,  die  es  bei  anderen
Studienrichtungen  in  derselben  Weise  nicht  gibt,  wie  beispielsweise ­
  Klinikarbeiten,  Nachtwachen  und  andere  Tätigkeiten ­
  dieser  Art.
Der  Hochschulausschuß  hat  allerdings  beschlossen,  die
weitere  Entwicklung  sorgfältig  zu  beobachten  und  evtl,
eine  erneute  Erörterung  der  Angelegenheit  vorzusehen.  Ich
halte  den  Zeitpunkt  mm  in  der  Tat  für  gegeben  und  werde,
nachdem  ich  Gespräche  mit  den  Bundesministern  für  Bildung ­
  und  Wissenschaft  und  Jugend,  Familie  und  Gesundheit ­
  geführt  habe,  an  meine  Kollegen  in  den  anderen  Ländern ­
  wegen  solcher  Gespräche  herantreten.  Ich  habe  gestern
auch  angeregt,  daß  das  Thema  auf  der  Kultusministerkonferenz ­
  besprochen  wird.
Und  zu  Ihrer  dritten  Frage,  Herr  Kollege  Dittberner:
Der  Senat  hat  schon  immer  keinerlei  Zweifel  daran  gelassen, ­
  daß  der  Boykott  von  Lehrveranstaltungen  kein  geeignetes ­
  Mittel  ist,  gegen  vermeintliche  oder  auch  echte
Mißstände  anzugehen.  In  den  Auseinandersetzungen  der
vergangenen  Tage  ist  dies  im  übrigen  auch  von  mir  klipp
und  klar  gesagt  worden.  Daß  auch  eine  derartige  klare
Position  nicht  von  allen  Studierenden  beachtet  wird,  dürfte
Ihnen  aus  der  Studentenbewegung  und  aus  den  Erfahrungen ­
  mit  der  Studentenbewegung  in  den  letzten  zehn  Jahren
hinreichend  bekannt  sein.  Auch  die  konsequenteste,  Herr
Kollege  Dittberner,  und  im  übrigen  immer  wünschenswerte
Verbesserung  der  Öffentlichkeitsarbeit  des  Senats  wird

diese  Tatsache,  fürchte  ich,  nicht  aus  der  Welt  schaffen
können.
(Anhaltende  Unruhe)

Präsident  Lorenz;  Zusatzfragen?  —  liegen  nicht  vor.
Das  Wort  hat  der  Abgeordnete  Lemmer  zu  einer  Mündlichen ­
  Anfrage  über  Verzicht  auf  „Chemische  Keule“.

Lemmer  (CDU):  Herr  Präsident!  Meine  Damen  und
Herren!  Ich  frage  den  Senat:  Welches  waren  die  tatsächlichen ­
  Gründe,  die  den  Senat  zu  dem  Entschluß  veranlaßt
haben,  auf  die  weitere  Erprobung  des  Reizstoff-Sprühgeräts
  —  Chemische  Keule  —  bei  der  Berliner  Polizei  vorerst ­
  zu  verzichten  ?

Präsident  Lorenz:  Meine  Damen  und  Herren,  ich  darf  erneut ­
  um  Ruhe  bitten.
Das  Wort  zur  Beantwortung  hat  Herr  Senator  Ulrich.

Ulrich,  Senator  für  Inneres:  Herr  Präsident!  Meine  Damen ­
  und  Herren!  Herr  Abgeordneter  Lemmer!  Ich  beantworte ­
  Ihre  Frage  wie  folgt:  Am  20.  Mai  1977  wurde  mir
durch  Presseveröffentlichungen  bekannt,  daß  ein  Polizeibeamter, ­
  der  sich  im  Oktober  des  letzten  Jahres  als  Freiwilliger ­
  für  die  Erprobung  des  Reizstoffsprühgeräts  zur
Verfügung  gestellt  hatte,  sich  wegen  einer  Hautallergie
in  ärztlicher  Behandlung  befindet.  Ich  habe  daraufhin  angeordnet, ­
  daß  die  Entscheidung  über  die  Fortsetzung  der
Erprobung  von  Chemical  mace  so  lange  ausgesetzt  wird,
bis  ärztlich  geklärt  ist,  ob  und  inwieweit  ein  Kausalzusammenhang ­
  zwischen  der  Anwendung  dieses  polizeilichen
Einsatzmittels  und  der  Hautallergie  dieses  Polizeibeamten
besteht.  Dieser  Sachverhalt  ist  in  der  Presse  zutreffend
wiedergegeben  worden,  und,  Herr  Abgeordneter  Lemmer,
das  ist  der  tatsächliche  Grund,  und  ich  bin  überzeugt, ­
  daß  er  auch  für  Sie  überzeugend  ist.

Präsident  Lorenz:  Zu  einer  Zusatzfrage  hat  das  Wort
Herr  Abgeordneter  Lemmer.

Lemmer  (CDU):  Herr  Senator,  habe  ich  Sie  richtig  verstanden, ­
  daß  Sie  Ihren  Entschluß  ohne  jeden  ärztlichen
Rat  gefaßt  haben,  daß  Sie  es  insbesondere  versäumt  haben,
mit  dem  betroffenen  Beamten  selbst  Rücksprache  zu  nehmen ­
  und  unter  Umständen  auch  mit  dem  behandelnden
Arzt  zu  sprechen  —  selbstverständlich  mit  Einverständnis
des  Betroffenen?

Präsident  Lorenz:  Herr  Senator  Ulrich!

Ulrich,  Senator  für  Inneres;  Der  Polizeibeamte  ist  wenige ­
  Tage  vorher  wegen  seines  Einsatzes  routinemäßig
untersucht  worden.  Dabei  sind  krankhafte  Veränderungen
im  Augenbereich,  der  hauptsächlich  untersucht  wird,  nicht
festgestellt  worden.  Ein  Hinweis  des  Beamten  auf  mögliche
andere  Beschwerden  ist  nicht  erfolgt.  Da  aber  in  den
Pressemeldungen  der  Einsatz  von  Chemical  mace  als  ausschlaggebend ­
  für  die  Allergie  angesehen  worden  ist,  habe
ich  es  für  richtig  gehalten,  daß  offiziell  beim  Klinikum
angefragt  wird,  um  einen  ärztlichen  Bericht  über  den  Vorfall ­
  zu  bekommen.  Erst  die  Antwort  auf  diese  offizielle
Anfrage  ermöglicht  mir  die  Entscheidung,  ob  die  Erprobung ­
  fortgesetzt  werden  kann.

Präsident  Lorenz:  Herr  Abgeordneter  Lemmer!

Lemmer  (CDU);  Herr  Senator,  halten  Sie  es  nicht  für
etwas  leichtfertig,  trotz  der  vorhandenen  ärztlichen  Unter-2419


            
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