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Band Nr. 88, 05.12.74

Volltext : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1974/75, 6. Wahlperiode, Band IV, 66.-93. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  6.  Wahlperiode

88.  Sitzung  vom  5.  Dezember  1974

geschöpft,  um  die  Diskriminierung'  unserer  Flughäfen  zu
verhindern  —  alle  Möglichkeiten  ausgeschöpft.  Die  Bundesregierung ­
  hat  nicht  die  Möglichkeiten  ausgeschöpft,  die  das
Abgeordnetenhaus  in  übereinstimmender  Weise  kundgetan
hat.  Sie  hat  hier  einen  Beschluß  des  Abgeordnetenhauses
schlicht  und  einfach  übergangen.
Wir  haben  Worte  gehört  —  das  alles  gehört  ja  doch
offenbar  mit  hinein  in  diese  Diskussion  —  von  dem  Abgeordneten ­
  Dr.  Haus  am  11.11.1973  —  man  beachte  das
Datum,  11.11.1973  —,
(Abg.  Rheinländer:  Sie  waren  auch  schon  witziger,
Herr  Lummer!)
das  Maß  —  so  hatte  Herr  Dr.  Haus  gesagt  —  an  Umgehungsschritten ­
  rund  um  das  Abkommen  zuungunsten
West-Berlins  sei  voll;  es  dürfe  nicht  so  weit  kommen,  daß
die  DDR  weitere  Schritte  tun  könne.  Sie  hat  es  seitdem  getan. ­
  Die  Bundesregierung  war  nicht  in  der  Lage,  es  zu  verhindern, ­
  und  der  Senat  ebensowenig,  und  insofern  stehen
wir  wieder  vor  dem  Punkt,  daß  etwas  gesagt  wurde,  was
nicht  gehalten  werden  konnte.
(Abg.  Voelker:  Haben  Sie  doch  gestern  schon  gesagt!)
Der  Regierende  Bürgermeister  hat  im  Februar  1973  noch
voller  Stolz  gesagt:  „Auch  wir  hatten  unsere  Zweifel  und
unsere  Skepsis,  ob  die  Vereinbarungen  in  der  Praxis  das
halten  würden,  was  die  Texte  versprachen.  Das  ist  heute
längst  überwunden.“  Das  heißt:  Zu  jenem  Zeitpunkt  wollte
er  sagen:  diese  Skepsis,  daß  die  Texte  nicht  halten  werden,
was  sie  versprechen,  sei  vorbei.  —  Wir  haben  etwas  anderes
erfahren.  Die  Wirklichkeit  hat  solche  Worte  bemerkenswert ­
  widerlegt.
Wir  haben  gestern  —  ich  muß  das  wirklich  noch  einmal
sagen,  weil  es  ganz  offenkundig  der  wiederholte  bewußte
Versuch  war,  die  Bevölkerung  dieser  Stadt  zu  täuschen  —
(Abg.  Pawlak:  Sie  täuschen  sich  doch!)
vom  Regierenden  Bürgermeister  Zahlen  gehört  über  die
Wanderungsentwicklung  in  dieser  Stadt,  —
(Abg.  Pawlak:  Bestellt  sich  ein  Mittagessen  und
beschwert  sich  hinterher,  daß  er  nicht  satt  geworden
ist!)
die  so  bewertet  wurden,  als  sei  diese  Entwicklung  grundsätzlich ­
  positiv.  Er  aber  hat  hier  nur  darauf  verwiesen,  daß
die  Zuwanderung  in  einem  bestimmten  Umfang  vorhanden
ist,  ohne  auf  die  Abwanderung  einzugehen.
Dann  haben  wir  große  Worte  gehört  im  Zusammenhang
mit  dem  „Telegraf“.  Wir  haben  gehört,  daß  man  Rückzahlungen ­
  leisten  werde;  in  diesem  Etat  und  im  vorigen  waren
je  1,2  Mio  DM  Einnahmen  eingetragen  worden,  inzwischen
sind  sie  gestrichen  worden,  weil  diese  Gesellschaft  angeblich ­
  nicht  in  der  Lage  ist  zu  zahlen.  Dann  aber  hören
wir  in  diesen  Tagen,  daß  sie  sehr  wohl  in  der  Lage  ist,  sich
an  anderer  Stelle  in  eine  Zeitung  einzukaufen  in  einer
Größenordnung  von  über  4  Mio  DM.  Das  ist  ungefähr  genau
das,  was  an  Zinsgewinn  herauskommt,  wenn  hier  die  Gesellschaft ­
  nicht  rechtzeitig,  nicht  vorzeitig  zurückzahlt.
Gas  heißt:  Hier  hat  man  davon  gesprochen  —  Herr  Dröschet ­
  tat  das  —,  es  sei  „eine  geglückte  und  erfolgreiche
Aktion  gestartet  worden“,  um  die  „Hannoversche  Allgemeine ­
  Zeitung“  zu  kaufen.  Aber  wir  haben  nur  den  Eindruck,
daß  man  hier  den  Bock  zum  Gärtner  gemacht  hat,  nachdem
man  eine  Reihe  von  anderen  Zeitungen  hat  zugrunde  gehen
lassen  und  hier  dem  Bürger  von  Berlin  2,5  Mio  DM  an  Rückzahlungen ­
  schuldet  —  „und  das  sofort!“,  muß  man  in  aller
Deutlichkeit  hinzufügen.
(Beifall  bei  der  CDU  und  der  F.D.P.  —  Zuruf  des
Abg.  Pawlak)
Wer  erinnert  sich  nicht  daran,  daß  der  Regierende  Bürgermeister ­
  vor  einiger  Zeit  ein  ausgesprochen  „großes
Wort“  gesprochen  hat?  Er  hat  gesagt  zum  Problem  des
Kreisels:  „Hier  an  der  Stelle  Berlins,  wo  die  zwei  mächtigen

Verkehrsströme  Schloßstraße  und  Westtangente  zusammenfließen, ­
  entsteht  mit  dem  Steglitzer  Kreisel  ein  besonders ­
  auffälliges  Bauwerk.  Dieser  Bau  hat  schon  heute  fast
den  Charakter  eines  Wahrzeichens  für  Berlin.“
(Heiterkeit  bei  der  CDU)
Der  Kreisel  sei  der  Höhepunkt,  und  zwar  der  Höhepunkt
im  wörtlichen  Sinne  für  eine  positive  Entwicklung  Berlins.
Da  kann  man  sich  nur  erinnern  an  Brandt,  der  gesagt  hat:
„Wir  schaffen  das  moderne  Deutschland.“
(Gelächter  bei  der  CDU)
Und  man  kann  sich  nur  erinnern  an  Schütz  selber,  der  gesagt ­
  hat:  „Es  darf  nicht  Vorkommen,  daß  in  der  Stadt  an
der  einen  Stelle  freigiebig  verwirtschaftet  wird,  was  man  an
anderer  Stelle  eingespart  hat.“
Ob  man  weiterredet  vom  Kongreßzentrum  oder  vom  Klinikum, ­
  immer  wird  dieses  deutlich:  Hier  ist  nichts  Vorbildliches ­
  auszuweisen;  ob  man  redet  von  der  Inflation,  es  ist
nicht  zutreffend,  daß  hier  Berlin  an  der  letzten  Stelle  steht
oder  mit  dem  Bund  auch  nur  gleich  ist.  Auch  hier,  Herr
Senator  Striek  —  wenn  er  jetzt  hier  wäre,  würde  ich  es  ihm
sagen  —,  geht  es  um  lebendige  Menschen,  und  gerade  in
einer  Bevölkerung,  die  überaltert  ist.  Inflation  trifft  lebendige ­
  Menschen,  die  Inflation,  die  zum  großen  Teil  zustande
kommt,  weil  die  Ausgaben  der  öffentlichen  Hand  zu  groß
geworden  sind.  Ob  Sie  reden  von  dem  Landesabfallgesetz,
das  man  angeblich  schon  verabschiedet  hat;  von  den  besseren ­
  Männern,  die  man  haben  wollte;  von  einer  Hochschulpolitik, ­
  die  zunächst  verfassungswidrig  war  —  immer
kommt  man  zu  dem  gleichen  Ergebnis;  eine  Politik,  die
deutlich  macht:  Hier  arbeitet  unter  der  Führung  des  Regierenden ­
  Bürgermeisters  eine  verschlissene,  eine  verbrauchte ­
  Partei,  die  hochgradig  verfilzt  ist,
(Gelächter  bei  der  SPD)
die  wortbrüchig  geworden  ist  und  deren  Ablösung  überfällig ­
  ist.
(Beifall  bei  der  CDU  —
(Abg.  Dr.  Haus;  Ach  du  liebe  Güte!  —  Abg.  Pawlak:
Singen  Sie  lieber  auf  Schallplatten!)

Stellv.  Präsident  Lorenz:  Das  Wort  hat  Herr  Abgeordneter ­
  Oxfort.

Oxfort  (F.D.P.):  Herr  Präsident!  Meine  Damen  und  Herren! ­
  Die  Fraktion  der  FD.P.  —  das  wird  Sie  nicht  wundern ­
  —  wird  diesen  Etat  ablehnen.  Ich  hoffe  dennoch,  daß
die  notwendigen  kritischen  Äußerungen,  die  wir  zu  diesem
Einzelplan  zu  machen  haben,  in  einer  nüchterneren  Atmosphäre ­
  als  gestern  abend  vorgetragen  werden  können.  Ich
hoffe  es,  weil  der  Abend  noch  nicht  so  fortgeschritten  ist.
Wir  haben  bereits  gestern  eine  ausführliche  Debatte  über
die  Berlin-  und  Deutschland-Politik  hinter  uns  gebracht.
Es  hat  nicht  sehr  viel  Sinn,  Dinge  zu  wiederholen,  aber  ich
möchte  doch  noch  einmal  anknüpfen  an  das,  was  ich  gestern
gesagt  habe,  nämlich,  daß  es  nicht  geht,  daß  man  sich  aus
der  Verantwortung  stiehlt.  Ich  habe  Ihnen  das  Buch  mitgebracht ­
  „Die  Entkrampfung  Berlins  oder  Eine  Stadt  geht
zur  Tagesordnung  über“  aus  dem  Jahre  1972.  Dort  befindet
sich  ein  Artikel,  ein  Aufsatz  von  Klaus  Schütz  auf
Seite  72  ff.  Da  heißt  es  unter  anderem:
Und  die,  die  Berlin  wieder  aufgebaut  und  vorangebracht
und  lebendig  gemacht  haben,  sehen  ihre  Arbeit  jetzt
—  ein  Vierteljährhundert  nach  dem  Anfang  —  belohnt. ­
  Das  Berlin-Abkommen  sichert  ihnen  und  Berlin,
was  geschaffen  wurde,  und  es  eröffnet  ihnen  und  Berlin
neue  Chancen,  eben  jetzt.
(Abg.  Papenfuß:  Gut!  Gut!)

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