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Volume Nr. 60, 08.11.73

Full text : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1973, 6. Wahlperiode, Band III, 43.-65. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  G.  Wahlperiode

60.  Sitzung  vom  8.  November  1973

den  wir  uns  mit  ebensolcher  Deutlichkeit  auch  dagegen.
Und  hier  ist  die  Formulierung  von  Herrn  Lummer  über
den  „strammen  Maxen“  wirklich  derartig  disqualifizierend
—  gerade  für  den,  der  sie  in  dieser  Situation  anwendet  —,
daß  man  wirklich  nur  sagen  kann:  Einmütigkeitsbeteuerungen ­
  aus  dieser  Richtung  sind  keinen  Pfifferling  wert!
(Beifall  bei  der  SPD  und  der  F.D.P.)
Es  ist  nicht  wahr,  daß  wir  hier  je  die  Diskussion  über  das,
was  kritikwürdig  an  diesen  Vorgängen  ist,  abgewürgt  hätten; ­
  aber  der  Beitrag  der  CDU  in  den  Phasen,  in  denen  um
die  Entspannung  kritisch  gerungen  wurde,  bestand  darin,
Mißtrauensanträge  zu  stellen  und  Nein-Stimmen  abzugeben. ­
  Das  war  die  wirkliche  Haltung  der  CDU.
(Beifall  bei  der  SPD  und  der  F.D.P.  —  Abg.  Lummer:
Stimmt  ja  gar  nicht!  —  Abg.  Dr.  Behrend:  Das  ist
Geschichtsklitterung!)
—  Nein,  das  ist  so,  meine  Damen  und  Herren;  aber  in  einigen ­
  Fällen  erleben  wir  ja  jetzt  hier  den  Versuch,  mal  süß
zu  sein  und  dann  von  hinten  wieder  Säure  nachzukippen.
Ich  sage:  Dieserlei  Einmütigkeitsbeteuerungen  sind  keinen
Pfennig  wert.
(Abg.  Lummer:  Sie  sollten  erst  mal  Protokolle  lesen,  damit
Sie  wissen,  worüber  Sie  reden,  verstehen  Sie!  Sie
quatschen  hier  rum  und  haben  die  Protokolle  gar
nicht  gelesen!)
Die  Liste  der  offensiven  Schritte  der  DDR  gegen  diese
schlichte  Vertragsausfüllung  ist  seit  der  Krim-Konferenz
im  vergangenen  Sommer  lang  geworden,  das  wissen  wir;
und  so  muß  sich  jenes  neue  UN-Mitglied  DDR  vor  aller
Welt  den  Vorwurf  der  Entspannungsfeindlichkeit  und  —  in
diesem  ganz  konkreten  Fall  —  auch  den  der  Inhumanität
gefallen  lassen.  Gerade  unter  diesem  Gesichtspunkt  sollte
man  in  der  DDR  und  an  deren  Spitze  erneut  überdenken,
wohin  man  mit  dem  Auffüllen  des  Topfes,  der  das  Minus
der  Entspannungspolitik  enthält,  gerät.  Zu  jeder  Vertragserfüllung ­
  gehört  ein  Mindestmaß  an  Goodwill,  an  dem
fehlt  es  hier.  Es  ist  ein  eindeutiger  Beleg  für  den  fehlenden
guten  Willen,  wenn  das  „Neue  Deutschland“  —  wie  gestern
geschehen  —  uns  West-Berliner  zu  Staatenlosen  erklärt
und  dabei  fast  in  das  Vokabular  des  Chruschtschow-Ultimatums ­
  von  1958  verfällt,  von  dem  man  ja  in  Moskau  mit
Recht  nichts  mehr  wissen  will.  Es  ist  ferner  alles  andere  als
ein  Zeichen  des  guten  Willens,  wenn  das  SED-Zentralorgan
sich  Urteile  darüber  anmaßt,  ob  die  Position  des  Regierenden ­
  Bürgermeisters  hier  wohl  richtig  besetzt  sei.  Meine
Damen  und  Herren,  wer  bei  uns  Regierender  Bürgermeister
ist,  darüber  entscheidet  ein  freigewähltes,  und  zwar  dieses
Parlament,  das  sich  nicht  von  entspannungsfeindlichen
Leitartiklern  da  hineinreden  läßt!
(Beifall  bei  der  SPD  und  der  F.D.P.)
Dieser  ganze  Angriff  der  SED  von  gestern  macht  vielmehr
besonders  deutlich  —  und  das  ist  ja  heute  auch  hier  schon
gesagt  worden  —,  daß  sich  Klaus  Schütz  für  die  Interessen
unserer  Stadt  in  besonderem  Maße  und  erfolgreich  einsetzt.
Dafür  gilt  ihm  der  Dank  der  Sozialdemokraten  hier  im
Hause,  draußen  und  der  Menschen  dieser  Stadt.
(Beifall  bei  der  SPD)
Wenn  Herr  Honnecker  den  Regierenden  Bürgermeister  —
und  zwar  diesen  Regierenden  Bürgermeister  —  der  Entspannungsfeindlichkeit ­
  bezichtigt,  so  weiß  jeder  —  und
zwar  auch  jeder  in  der  DDR  —,  daß  der  Erste  Sekretär  an
dieser  Stelle  lügt.  Niemand  in  der  Welt  verkennt,  daß  hier
nach  dem  uralten  Trick  verfahren  wird,  den  Gegner  durch
den  Ruf  „Haltet  den  Dieb!“  mit  dem  belasten  zu  wollen,
was  man  selber  auf  dem  Kerbholz  hat.
Und  schließlich  jenes  Honnecker-Interview  mit  der  Formulierung ­
  über  den  Abbau;  das  ist  nun  wirklich  auch  einer
der  letzten  Tropfen  in  dem  Gefäß  gewesen,  das  bereits  mit
Antipolitik  gegen  die  Vertragsausfüllung  seitens  Ostberlins
aufgefüllt  worden  ist.
(Abg.  Lummer:  War  eine  doppelte  Negation,  da
müssen  Sie  vorsichtig  sein!)

Die  Häufung  dieser  Schritte  hat  einen  Punkt  erreicht  —
ich  glaube,  wir  sind  darin  einig  —,  an  dem  die  Quantität
solcher  DDR-Schritte  nahe  an  das  Umschlagen  in  eine  neue
Qualität  politischer  Schritte  herankommt;  man  wird,  wenn
sich  in  den  nächsten  Wochen  keine  Änderung  dieser  Linie
ergibt,  deutlich  sagen  müssen,  daß  die  Ostberliner  Verantwortlichen ­
  eine  neue  Situation  herbeiführen  wollen.
Dann  allerdings  —  und  das  sage  ich  mit  großem  Nachdruck ­
  —  stellt  sich  für  die  Signatarmächte  des  Abkommens, ­
  die,  wie  heute  mit  Recht  in  einer  Zeitung  wieder
geschrieben  wird,  sich  hier  nicht  recht  engagieren  wollen, ­
  die  ernste  und  ebenso  dringliche  Frage,  ob  sie  sich  nicht
angesichts  dieser  Serie  von  DDR-Maßnahmen  selbst  unmittelbar ­
  der  Sache  annnehmen  müssen;  denn  dann  ist
durch  die  DDR  die  Vertragsausfüllung  in  Gefahr  —  ernstlich ­
  in  Gefahr  —,  und  dafür  gibt  es  ein  formelles  Konsultationsverfahren ­
  der  Vier  Mächte.
Lassen  Sie  mich  präzis  feststellen;
1.  Die  neue  Verordnung  der  DDR  über  den  künftigen
Zwangsumtausch  ist  ein  direkter  Angriff  auf  die  Praxis
dger  Besuchsregelung.  Wenn  die  DDR  etwa  der  Hälfte  der
in  Frage  kommenden  Besucher  —  das  heißt  eben  den
Rentnern  —-  den  Besuch  der  DDR  durch  zu  hohe  Zwangsausgaben ­
  so  gut  wie  unmöglich  macht,  dann  verletzt  sie  in
der  Tat  die  Geschäftsgrundlage  der  ganzen  Regelung.  Die
Verbindlichkeit  jener  einseitigen  Erklärung  über  die  Eesuchsregelung
  war  mit  die  Voraussetzung  dafür,  daß  das
übrige  unterzeichnet  wurde.
2.  Die  DDR-Führung  gesteht  mit  diesem  bewußt  unsozialen ­
  Schritt  ein,  daß  sie  mit  ihrer  Abgrenzungspolitik
und  ihrer  Propaganda  bei  den  eigenen  Bürgern  keinen
Erfolg  gehabt  hat  und  die  Besucherzahl  drosseln  will  oder
muß.
3.  Die  Bundesregierung  und  der  Senat,  aber  auch  die
Signatarmächte  des  Vierer-Abkommens,  sind  in  die  Pflicht
gerufen,  den  Versuchen  energisch  entgegenzutreten,  dieses
Abkommen  und  seine  Ausführungsvorschriften  zu  unterlaufen; ­
  das  heißt,  strikte  Einhaltung  und  volle  Anwendung
des  Abkommens  durch  die  DDR  muß  bewirkt  werden.
Mit  einer  ganz  konkreten  Forderung  lassen  Sie  mich
schließen,  auch  wenn  viele  jetzt  sagen  werden:  Das  hilft
nun  nichts  mehr!  —  Ich  sage:  Es  ist  unverantwortlich,
wenn  wir  nicht  in  diesen  Tagen  bis  zum  Inkrafttreten  dieser ­
  fatalen  Regelung  bei  der  Forderung  nachdrücklicher
denn  je  —  und  damit  werden  wir  auch  in  der  Welt  verstanden ­
  —  bleiben.  Wir  verlangen,  daß  die  DDR  ihre  entspannungsfeindlichen ­
  Abgrenzungsmaßnahmen  nicht  auch
noch  speziell  auf  die  sozial  Schwächsten  ablädt.  Wir  fordern, ­
  daß  die  vorgesehene  Verdoppelung  des  Zwangsumtausches ­
  zurückgenommen  wird.
(Beifall  bei  der  SPD  und  der  F.D.P.  —  Zurufe
von  der  CDU:  Für  alle!)
Die  DDR  ist  dabei,  sich  in  ihrer  Entspannungsfeindlichkeit
zu  vergaloppieren.  Die  Menschen  in  Ost  und  West  verlangen ­
  ein  Abgehen  der  DDR-Führung  von  ihrer  angekündigten ­
  Verordnung  und  von  der  Politik  der  Umgehung  der
Abkommen.  Und  dies  ist  mein  letzter  Satz;  Die  sozialdemokratische ­
  Fraktion  begrüßt  ebenso  wie  andere  Fraktionen
in  diesem  Hause  mit  großem  Nachdruck  die  heutige  Erklärung ­
  des  Regierenden  Bürgermeisters  vor  diesem  Hause.
—  Vielen  Dank!
(Beifall  bei  der  SPD)

Präsident  Sickert:  Das  Wort  hat  Herr  Abgeordneter
Lummer.  Sie  hatten  sich  gemeldet?  —  Das  ist  nicht  der
Fall?  —  Schönen  Dank!
(Abg.  Lummer:  Ist  denn  sonst  niemand  da?  —
Heiterkeit)
Weitere  Wortmeldungen  liegen  mir  nicht  vor.  Ich  stelle
fest,  daß  die  Besprechung  über  die  Erklärung  des  Regierenden ­
  Bürgermeisters  damit  beendet  ist  und  die  Große
Anfrage  der  Fraktion  der  CDU  ihre  Erledigung  gefunden
hat.
(Abg.  Lummer;  Moment!)

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