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Volume Nr. 51, 24.05.73

Full text : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1973, 6. Wahlperiode, Band III, 43.-65. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  G.  Wahlperiode

51.  Sitzung  vom  24.  Mai  1978

—  Nein,  sie  fahren  leise;  mit  donnern  meine  ich  nur,  daß
sie  fahren;  sie  sind  gezwungen,  zu  ganz  bestimmten  Zeiten
zu  fahren.  Sie  behindern  die  Verteilung;  wir  hatten  eine
gesunde  Verteilung,  die  Boote  fuhren  alle  zu  verschiedenen
Zeiten  nach  Hause.  Jetzt  geht  das  nicht  mehr.  Wir  wissen
ganz  genau,  welche  weiteren  Probleme  auf  uns  zukommen.
Auf  uns  kommen  bei  der  Verordnung  die  Probleme  zu:  Was
ist  ein  Ausnahmefall  ?  Dann  wird  der  Herr  Senator  sicherlich ­
  noch  überlegen,  wie  er  denn  die  Segler  überhaupt  rausläßt ­
  aus  den  Stegen;  das  geht  nicht  ohne  Motor,  Herr
Senator.  All  die  Dinge  sind  wichtig.
(Abg.  Kuchler:  Ich  zeige  Ihnen  mal,  wie
man  das  macht!)
—  Nein,  Herr  Kollege,  das  weiß  ich  selber;  wie  ich  schon
sagte:  Ich  segle  nämlich.  Ich  habe  einen  Motorsegler  nur
deswegen,  weil  ich  in  meinem  Cockpit  mehr  Platz  haben
will;  Sie  werden  bei  mir  kaum  einen  Motor  laufen  hören,
ich  segle,  und  ich  segle  Ihnen  das  sogar  vor  bei  jedem
Wetter;  aber  nicht  alle  können  das  möglicherweise.  Für
viele  ist  es  sehr  schwierig,  mit  einem  Segelboot  bei  viel
Wind  aus  dem  Steg  herauszukommen.
Und  einen  anderen  Punkt  möchte  ich  doch  auch  noch
einmal  kurz  unterstreichen,  über  den  vorhin  auch  schon
einmal  gesprochen  wurde,  nämlich  bei  der  Hochschuldebatte, ­
  bei  der  es  so  heiß  herging.  Da  wurde  gesagt,  man
müsse  doch  auch  die  Angemessenheit  der  Mittel  berücksichtigen. ­
  Ja,  wie  wäre  es  denn,  wenn  Sie  hier  auch  mal  die
Angemessenheit  der  Mittel  berücksichtigen  würden,  hier
bei  dieser  Verordnung.  Denn  alles,  was  zu  erreichen  ist,
können  Sie  mit  viel  einfacheren  Mitteln  und  nicht  mit
einem  strikten  Verbot  durchführen,  und  das  wissen  Sie
genau,  wenn  Sie  unsere  Vorschläge  gelesen  haben.
Unsere  Hoffnung  bleibt  nur  noch,  daß  sich  doch  die  Vernunft ­
  bei  Ihnen  durchsetzt  und  Sie  vor  allen  Dingen  nicht
eines  tun  —  deshalb  appelliere  ich  wirklich  im  vollen  Ernst
und  ohne  jeden  Hintergedanken  jetzt  an  Sie  —:  Klammern
Sie  sich  bitte  nicht  an  dieser  Verbotsvorstellung  fest,  gehen
Sie  bitte  unvoreingenommen  in  die  Ausschußdebatten  hinein, ­
  und  lassen  Sie  sich  auch  einmal  von  uns  überzeugen,
wenn  wir  Vorschläge  machen,  wie  dieses  sehr  strenge
Mittel  des  Verbotes  verhindert  werden  kann.  Denn  ich  muß
leider  dabei  bleiben:  Das  Wochenendfahrverbot  ist  nicht
nur  für  Motorboote,  sondern  für  sehr  viele  Wassersporttreibende ­
  ungerecht  und  unsozial.  Deshalb  lassen  Sie  uns
eine  Debatte  führen,  bei  der  wir  hoffen  können,  daß  Sie
sich  vernünftigen  Gründen  beugen  werden.  —  Ich  danke
Ihnen.
(Beifall  bei  der  CDU)

Stellv.  Präsident  Lorenz:  Das  Wort  hat  der  Abgeordnete
Oxfort.

Oxfort  (F.D.P.):  Herr  Präsident!  Meine  Damen  und
Herren!  Ich  möchte  mich  in  dieser  Debatte  auf  einige  Bemerkungen ­
  beschränken  zu  der  vom  Senator  vorgetragenen
beabsichtigten  Zweiten  Verordnung  zur  Regelung  der
Schiffahrt  auf  den  Berliner  Gewässern,  ohne  das  zu  wiederholen, ­
  was  der  Kollege  Wahl  bereits  vorgetragen  hat.
Eine  Vorbemerkung  möchte  ich  machen,  um  mir  hinterher
nicht  den  Vorwurf  zuzuziehen,  hier  spreche  jemand  ln
eigener  Sache.  Ich  selbst  habe  ein  eigenes  Motorboot,  zu
dessen  Benutzung  ich  allerdings  nur  selten  komme.  Ich
hoffe,  Sie  werden  nichts  dagegen  haben,  daß  ich  das  an  den
Anfang  meiner  Erörterungen  stelle;  vielleicht  wäre  es
wünschenswert,  wenn  das  in  Zukunft  bei  möglichen  eigenen ­
  Interessen  immer  geschähe.
Die  beabsichtigte  Zweite  Verordnung,  von  der  der  Senator ­
  für  Bau-  und  Wohnungswesen  hier  gesprochen  hat,
regelt  —  und  das  ist  besonders  bemerkenswert,  ich  habe
mich  durch  eine  Rückfrage  noch  einmal  davon  überzeugt  —
keineswegs  den  Verkehr  an  den  ersten  und  dritten  Wochenenden ­
  auf  allen  Berliner  Gewässern,  sondern  es  bleibt  nach

dem  Katalog,  der  in  dem  Entwurf  der  Verordnung  enthalten ­
  ist,  Raum  frei  auch  für  den  Betrieb  von  Motorbooten. ­
  So  können  Sie  zum  Beispiel  ln  Zukunft  ohne  jede
Schwierigkeit  auf  der  Spree  fahren.
Zweitens  —  und  darauf  hat  Herr  Kollege  Gomann  eben
zu  Recht  aufmerksam  gemacht  —  bleibt  das  Problem  der
Segelboote.  Nicht  nur,  daß  die  Segler  Schwierigkeiten
haben  werden,  den  Steg  zu  verlassen,  sondern  es  wird  unzählige ­
  Segler  geben  —  vor  allem  auch  von  großen  Booten ­
  —,  die  nur  sehr  schwer  wieder  zurückkommen.  Und
dann  versuche  ich,  mir  vorzustellen,  was  geschieht,  wenn
während  des  Betriebes  der  Segelboote  eine  Flaute  eintritt
und  die  Segler  sich  mit  Hilfe  ihrer  Segel  nicht  fortbewegen
können;
(Abg.  Tromp:  Paddeln!)
dies  würde  vermutlich  zur  Folge  haben,  daß  in  ganz  enormem ­
  Maße  für  die  Zukunft  Hilfsdienste  zu  leisten  sein
werden,  es  sei  denn,  man  bringt  das  Problem  auf  den
Nenner,  daß  man,  um  das  Problem  endgültig  zu  lösen,  ln
diesem  Falle  den  Bootseignern  empfiehlt,  die  Boote  einfach
umzukippen.
Ein  anderer  Punkt  aber  scheint  mir  noch  nicht  hinreichend ­
  genug  angesprochen  zu  sein:  Der  Senat  von
Berlin  hat  in  seiner  Berlin-Werbung  nicht  nur  sehr  nachdrücklich ­
  auf  den  Freizeitwert  dieser  Stadt  hingewiesen,
sondern  er  hat  öffentliche  Veranstaltungen,  die  auch  mit
dem  Betrieb  von  Motorbooten  Zusammenhängen,  gefördert,
und  er  hat  darüber  hinaus  ja  nicht  unerheblich  dazu  beigetragen, ­
  daß  die  entsprechende  Messe,  auf  der  in  Berlin
solche  Boote  vorgestellt,  angepriesen  und  verkauft  worden
sind,  auch  tatsächlich  ihren  Absatz  bei  ihren  Kunden
erzielt  hat;  und  ich  weiß  aus  eigener  Erfahrung,  daß  es
viele  Berliner  gibt,  die  sich  zwar  keinen  Urlaub  leisten,
aber  ihr  ganzes  Geld  in  solche  Boote  hineingesteckt  haben.
Ich  meine,  hier  wird  eine  ganz  moralische  Frage  aufgeworfen, ­
  die  Frage  nämlich,  welchen  Vertrauensschutz  der
Bürger  von  einer  Regierung  erwarten  kann,  die  bis  zu
einem  bestimmten  Zeitpunkt  ihn  sozusagen  noch  dazu
ermuntert,  sein  Geld  in  solche  Vorhaben  zu  stecken,  und
der  dann  plötzlich  von  einem  Tag  zum  anderen  Tag  hinnehmen ­
  muß,  daß  ein  Verbot  eintritt.  Wenn  solche  Maßnahmen ­
  wirklich  beabsichtigt  worden  wären,  und  wenn  sie
wirklich  das  angemessene  Mittel  wären,  dann  hätte  man
zumindest  erwarten  müssen,  daß  solche  Regelungen  langfristig ­
  in  Kraft  treten,  damit  der  einzelne  Bürger  die  Möglichkeit ­
  hat,  sich  darauf  vorzubereiten.  Das,  was  im  Augenblick ­
  auf  diesem  Gebiete  geschieht,  verletzt  den  Grundsatz
des  Vertrauensschutzes  und  ist  damit  moralisch  einfach
beanstandens  wert.
Was  mich  aber  eben  doch  an  diesem  ganzen  Vorgang
besonders  bestürzt  hat,  ist  die  Tatsache  —  wir  alle  lesen
ja  Zeitungsberichte  auch  über  diesen  Vorgang,  und  nirgendwo ­
  habe  ich  insoweit  ein  Dementi  gefunden  —,  daß
offensichtlich  der  Senator  für  Bau-  und  Wohnungswesen
selbst  erhebliche  Rechtsbedenken  gegen  die  Meinung,  die
von  der  überwiegenden  Mehrheit  seiner  Fraktion  getragen
worden  ist,  vorgebracht  hat.  Diese  Rechtsbedenken  sind  ja
nun  nicht  ohne  weiteres  ausgeräumt  mit  dem,  was  hier  als
neue  Verordnung  angekündigt  wird.  Für  bestürzend  halte
ich  es,  daß  eine  Landesregierung  oder  ein  einzelner  Minister
sich  auf  den  Druck  einer  Fraktion  hin  entschließt,  eine
solche  Maßnahme  zu  treffen  und  Verordnungen  aufgrund
gesetzlicher  Ermächtigungen  zu  erlassen,  ohne  daß  vorher
auch  nur  hinreichend  Gelegenheit  bestand,  das  ganze  Parlament ­
  mit  diesem  Problem  vertraut  zu  machen.  Ich  halte
es  für  unerträglich  für  die  Entwicklung  in  unserem  demokratischen ­
  Staat,  wenn  ein  Minister  gegen  den  eigenen
Sachverstand,  aufgrund  politischen  Druckes  seiner  Fraktion, ­
  sich  zu  solchen  Maßnahmen  entschließt.
(Abg.  Dr.  Haus:  Das  ist  doch  nicht  richtig!—
Beifall  bei  der  CDU  und  der  F.D.P.)

Stellv.  Präsident  Lorenz:  Das  Wort  hat  der  Abgeordnete ­
  Königstein.

1889
            
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