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Volume Nr. 51, 24.05.73

Full text : Plenarprotokoll (Public Domain) Ausgabe 1973, 6. Wahlperiode, Band III, 43.-65. Sitzung (Public Domain)

Abgeordnetenhaus  von  Berlin  -  6.  Wahlperiode

51.  Sitzung  vom  24.  Mai  1973

1866

Namens  meiner  Fraktion  darf  ich  zu  diesem  Ersten
Nachtragshaushalt  formulieren:  Es  handelt  sich  um  einen
Nachtragshaushalt  besonderer  Art,  abgesehen  von  5  Mio
D-Mark  zweckgebundenen  Mitteln  für  die  U-Bahnlinie
Märkisches  Viertel  enthält  dieser  Erste  Nachtrag  lediglich
Ausgabenkürzungen  aufgrund  der  verminderten  Bundeshilfe. ­
  Die  von  Ihnen,  Kollege  Diepgen,  und  vom  Kollegen
Rasch  kritisch  angemerkte  Nettoverschuldung  erhöht  sich
um  95  Mio  DM.  Wir  sind  allerdings  dem  Senat  dankbar,  daß
er  bei  der  Bundesregierung  erreichen  konnte,  daß  Berlin
von  der  Schuldendeckelverordnung  ausgenommen  bleibt
und  als  einziges  Land  auf  dem  Kapitalmarkt  Kredite  ln  der
beabsichtigten  Höhe  aufnehmen  kann.  Wenn  die  Bundesregierung ­
  dieses  dem  Senat  zugebilligt  hat,  dann  gehe  ich
davon  aus,  daß  diese  Zubilligung  auch  eine  Bescheinigung
dessen  ist,  daß  hier  ein  Haushalt  insgesamt  vorliegt,  der
in  die  konjunkturpolitische  Landschaft  paßt.  Denn  schauen
wir  uns  doch  einmal  die  Steigerungsraten  an:  Mit  der  Kürzung ­
  der  Ausgaben  um  50  Mio  DM  hat  Berlin  gegenüber
1972  eine  Steigerung  des  Haushaltsvolumens  ln  Höhe  von
8,5  %  zu  verzeichnen.  Die  nachfragewirksamen  Ausgaben
steigen  um  9,8  %.  Wenn  wir  diese  Steigerungsraten  vergleichen ­
  mit  denen  der  anderen  Bundesländer,  dann  werden
Sie  mir  hoffentlich  zustimmen,  daß  es  sich  um  sehr  niedrige
Raten  handelt  und  eine  konjunkturgerechte  Haltung  aus
ihnen  spricht.
Im  Rahmen  der  gegenwärtigen  stabilitätspolitischen  Diskussion ­
  bekräftigt  meine  Fraktion  noch  einmal  ihre  Auffassung, ­
  daß  notwendige  konjunkturpolitische  Maßnahmen
nicht  auf  Kosten  der  Erfüllung  unerläßlicher  Gemeinschaftsaufgaben ­
  zugunsten  der  sozial  Schwachen  gehen
dürfen.  Wir  sind  dem  Senat  dankbar,  daß  er  in  diesem
Ersten  Nachtrag  auf  eine  globale  Kürzung  der  Ausgaben
verzichtet  hat  und  sich  darum  bemühte,  auf  der  einen  Seite
der  Prioritätensetzung  Rechnung  zu  tragen  und  auf  der
anderen  Seite  die  notwendigen  Signale  der  Sparsamkeit  in
allen  Bereichen  deutlich  zu  setzen.  Und  ich  glaube,  Herr
Kollege  Diepgen,  wir  unterscheiden  uns,  daß  wir  es  durchaus ­
  für  sinnvoll  halten,  daß  die  Auswirkungen  der  Bundeshilfe ­
  hier  diesem  Hause  in  der  Form  eines  Ersten  Nachtrages ­
  vorgelegt  werden,  damit  wir  uns  insgesamt  darüber
unterhalten  können  und  auch  deutlich  werden  konnte,  wo
Veränderungen  möglich  waren.
Die  SPD-Fraktion  hat  bei  den  Beratungen  im  Hauptausschuß ­
  Streichungen  im  Bereich  der  Senatsverwaltung
für  Arbeit  und  Soziales  für  die  Durchführung  von  Erholungsreisen ­
  rückgängig  gemacht.  Es  wurden  ferner  beabsichtigte ­
  Streichungen  bei  Jugend  und  Sport  in  Höhe  von
100  000  DM  rückgängig  gemacht,  und  schließlich  haben  wir
uns  —  und  das  ja  alles  nicht  kontrovers  —  dafür  ausgesprochen, ­
  die  beabsichtigte  Streichung  in  Höhe  von  346  000
DM  für  vorbeugende  Gesundheitshilfe  bei  den  Bezirksverwaltungen ­
  nicht  zu  akzeptieren.  Diese  überwiegend  den
sozial  schwachen  Bürgern  unserer  Stadt  zukommenden
Mittel  sollten  u.  E.  zur  Verfügung  stehen.
Nicht  folgen  konnten  wir  —  und  da  komme  ich  auch
gleich  zu  dem  Änderungsantrag  der  CDU  —,  weitere  Mittel
für  die  Berlin-Information  zu  streichen  und  Kürzungen  der
Mittel  für  die  Anschaffung  von  Schul-  und  Hausgeräten  ln
Grundschulen  und  Gymnasien  rückgängig  zu  machen.  Ich
darf  verweisen  auf  die  Diskussion  im  Hauptausschuß,  wo
für  die  Schulverwaltung  erklärt  worden  ist,  daß  Insgesamt
die  Schulen  sich  nicht  beklagen  konnten  bei  den  Beratungen
des  Ersten  Nachtrages  und  —  wie  Senatsdirektor  Ristock
formulierte  —  „gut  weggekommen  seien".

Präsident  Sickert:  Gestatten  Sie  eine  Zwischenfrage,
Herr  Abgeordneter  ?
Brinckmeier  (SPD):  Ja.

Präsident  Sickert:  Bitte,  Herr  Abgeordneter  Diepgen!
Diepgen  (CDU):  Herr  Kollege  Brinckmeier,  würden  Sie
mir  zustimmen,  daß  die  Senatsverwaltung  für  Schulwesen
erst  im  zweiten  Anlauf  der  Beantwortung  von  Fragen  in
die  Phalanx  der  Loyalität  zurückgefallen  war  ?

(Abg.  Ehrke:  Aber  sie  hat!)
Brinckmeier  (SPD):  Die  Schulverwaltung  hat  diese
Äußerung,  die  ich  hier  gemacht  habe,  getan,  und  vielleicht
lag  diese  zweite  Form  der  Phalanx,  wie  Sie  hier  formulierten, ­
  auch  an  dem  etwas  persönlichen  Ausführungsstil  des
Herrn  Senatsdirektors  Ristock.
(Heiterkeit)
Ihre  Forderung  auf  die  Rücknahme  der  Streichungen  Im
Bereich  Schul-  und  Hausgerät  konnte  unserer  Ansicht  nach
nicht  sehr  sachlich  begründet  werden,  denn  wir  haben  im
Hauptausschuß  darauf  hingewiesen,  daß  es  ja  hier  nicht
darum  geht,  daß,  wenn  dieses  Schul-  und  Hausgerät  nicht
in  diesem  Jahr,  sondern  vielleicht  erst  im  nächsten  Jahr  angeschafft ­
  wird,  nicht  etwa  die  Bildungspolitik  in  diesem
Lande  zusammenbricht,  sondern  daß  es  sich  im  Extremfall
darum  handeln  kann,  ob  für  einen  Schreibtisch  die  Rechnung ­
  im  Dezember  73  oder  Im  Januar  74  bezahlt  wird.  Und
wenn  Sie  sich  die  Summen  anschauen,  um  die  es  dabei  in
den  einzelnen  Bezirken  geht  —  zwischen  2  000  und  7  000
D-Mark  —,  ist  dieser  Vorwurf,  der  von  Ihnen  hier  so  allgemein ­
  begründet  wurde,  wohl  nicht  gerechtfertigt.  Deswegen ­
  hieraus  abzuleiten,  daß  wir  die  bildungspolitischen
Prioritäten  durch  andere  Prioritäten  ersetzen  würden,  ist
schlicht  und  einfach  falsch.  Und  diese  Unterstellung  —
wenn  Sie  mir  dieses  Wort  gestatten  —  wird  allein  schon
durch  die  Tatsache  widerlegt,  daß  wir  durch  einen  Antrag
zur  Abänderung  des  Ersten  Nachtragshaushaltsgesetzes
dem  Senat  die  gesetzliche  Grundlage  geben  wollen,  mehrere
hundert  Lehrer  neu  einzustellen  und  somit  gerade  im
Grundschulbereich  das  pädagogische  Angebot  der  Berliner
Schulen  zu  verbessern.  Sicherlich  ln  dieser  Form  ein  ungewöhnliches ­
  Verfahren,  aber  wir  waren  uns  einig,  ein  aus
der  Sache  gebotenes.
Die  zusätzlichen  Ausgabenstreichungsanträge  im  Bereich
der  Freien  Universität  sowie  für  die  Verbesserung  der  Wirtschaftsstruktur ­
  bedeuten  nicht  —  das  hat  der  Berichterstatter ­
  schon  ausgeführt  —,  daß  wir  in  Zukunft  in  diesen
beiden  Bereichen  restriktive  Ausgabenpolitik  betreiben
wollen.  Wir  gingen  davon  aus.  daß  hier  eine  Anpassung
der  Haushaltsansätze  an  die  nachgewiesenen  Ist-Ausgaben
vorgenommen  wurde.
Namens  meiner  Fraktion  darf  ich  um  Ihre  Zustimmung
zum  Ersten  Nachtragshaushalt  mit  den  empfohlenen  Änderungen ­
  des  Hauptausschusses  und  um  Ablehnung  des
Änderungsantrages  der  CDU-Fraktlon  bitten.  —  Ich  danke
Ihnen.
(Beifall  bei  der  SPD)

Präsident  Sickert:  Meine  Damen  und  Herren!  Wortmeldungen ­
  liegen  mir  nicht  mehr  vor.  Ich  schließe  die  Einzelberatung ­
  und  lasse  zuerst  über  den  Abänderungsantrag
abstimmen.
Darf  ich  fragen,  wer  dem  Abänderungsantrag  seine  Zustimmung ­
  zu  geben  wünscht?  —  Darf  ich  um  die  Gegenprobe ­
  bitten?  —  Der  Abänderungsantrag  Ist  mit  Mehrheit
abgelehnt.
(Unruhe)
Meine  Damen  und  Herren!  Die  Abstimmung  wird  angezweifelt.
  Es  bliebe  mir  jetzt  nichts  anderes  übrig,  als  die
Abstimmung  zu  wiederholen,  die  bei  der  Abstimmung  noch
im  Laufgang  Befindlichen  sind  inzwischen  eingetroffen.
(Heiterkeit)

Wird  gewünscht,  daß  die  Abstimmung  wiederholt  wird?
(Zuruf  von  der  CDU:  Jetzt  nicht  mehr!)
Das  ist  nicht  der  Fall.  Ich  darf  zu  Ihrer  Beruhigung  sagen:
Auf  der  rechten  Seite  liefen  noch  genauso  viele  im  Gang
wie  auf  der  linken  Seite.
            
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