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Full text : Erinnerungen an Heinrich Seidel / Seidel, Heinrich Wolfgang (Public Domain)

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natürlich auch nicht aufheitern konnte. Dann erhielt
ich sie von sieben bis zehn Redaktionen, von denen
ich zum Teil dringend um Einsendungen gebeten
war, höflichst wieder zurück, bis endlich Franzos
darauf reinfiel. Was mich besonders erfreut, ist auch,
daß Du an der etwas sinnlichen Färbung keinen An—
stoß nimmst, einer der besten Beweise für mich, daß
ich die richtige Mitte getroffen habe. Was mir
übrigens an der Geschichte am besten gefällt, ist Ein—
leitung und Schluß.“
Über seine Lieblingsautoren hat er sich in seinen
Schriften und vor allem in der Selbstbiographie hin—
reichend ausgesprochen. Bis zuletzt las er mit un—
vermindeter Freude Charles Dickens, für den 1912
plötzlich so viele Leute ihr Herz entdeckt haben; aller—
dings lassen sich mit Dickens gegenwärtig gute Ge—
schäfte machen, auch wenn ihm „leider nur eine allzu
bürgerliche Seele gegeben war“ und er sich weder
an Nietzsche noch an Stephan Zweig bilden konnte.
Mein Vater sah in Dickens das größte schöpferische
Genie, das England seit Shakespeares Tagen hervor—
gebracht hat, und bezeichnete als dessen eigentümlichste
Gabe die Kraft, die den Dichter macht: Menschen zu
erschaffsen, die nicht sterben können. „Dickens war
ein Menschenkenner schon in den Windeln.“
Das Bedürfnis, in literarischen Dingen auf der
Höhe der Zeit zu bleiben, hat er nie besessen. Er
hielt die Höhe der Zeit im allgemeinen für den Ab—
grund der Ahnungslosigkeit. Modebücher las er nur,
wenn er dringend darum gebeten wurde. Von den
            
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