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Band Nr. 16 (96), 4. Oktober 1962

Volltext : Stenographischer Bericht (Public Domain) Ausgabe 1962/63, III. Wahlperiode, Band IV, 81.-104. Sitzung (Public Domain)

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96.  Sitzung  vom  4.  Oktober  1963

Skrodzkl
falls  tun.  Wenn  irgend  etwas  die  Stabilität  und  die  Zuversicht ­
  der  Berliner  Wirtschaft  unter  Beweis  stellen
kann,  dann  ist  es  dieser  Vorgang.  Auch  das  letzte  Jahr,
das  auf  die  Errichtung  der  Mauer  folgte,  hat  die  positive ­
  Entwicklung  der  Wirtschaft  trotz  aller  mit  der  Errichtung ­
  der  Mauer  verbundenen  Schwierigkeiten  nicht
erschüttert.  Die  Wirtschaft  ist  nicht  aus  dem  Gleichgewicht ­
  gebracht  worden,  obwohl  ihr  von  einem  Tag
zum  andern  60  000  Arbeitskräfte  fehlten.  Trotz  dieses
Einbruchs  in  das  zur  Verfügung  stehende  Volumen
an  Arbeitskräften  ist  das  Volumen  der  Industrieproduktion ­
  gleich  geblieben.  Es  weist  erfreulicherweise
keinen  Rückgang  auf,  obwohl  man  Befürchtungen  in
dieser  Richtung  durchaus  hätte  haben  können.
Das  ist  eine  Leistung  der  wirtschaftlichen  Unternehmungen, ­
  die  ihrer  Flexibilität,  ihrer  Anpassungsfähigkeit ­
  an  extreme  wirtschaftliche  Situationen  und
ihrem  Rationalisierungswillen  meines  Erachtens  ein
großartiges  Zeugnis  ausstellt.  Ich  zweifele  nicht  daran,
daß  sich  diese  Haltung  und  Fähigkeit  der  Wirtschaft
auch  in  künftigen  wirtschaftlich  schwierigen  Situationen ­
  bewähren  wird.  Der  Wirtschaft  wurde  durch  die
Errichtung  der  Mauer  von  heute  auf  morgen  ein  großer ­
  Teil  ihrer  Arbeitskräfte  genommen.  Die  Industrie,
deren  Produktion  in  diesem  Zusammenhang  mit  dem
erklärten  Ziel  unserer  Wirtschaftspolitik,  die  Lebenskraft ­
  Berlins  zu  steigern,  unser  besonderes  Augenmerk
verdient,  hat  im  letzten  Jahr  mit  einem  um  15  000  bis
20  000  Kräfte  verringerten  Arbeitskraftpotential  die
gleiche  Leistung  wie  im  vergangenen  Jahr  erbracht.  Ich
möchte  das  noch  einmal  hervorheben,  meine  Damen
und  Herren.  Ich  möchte  es  vor  allen  Dingen  deswegen
tun,  um  damit  gleichzeitig  meiner  Enttäuschung  darüber ­
  Ausdruck  zu  geben,  daß  im  Haushaltsplan  1963
wiederum  eine  Vermehrung  des  Personals  der  Stadt
Berlin  um  1130  Stellen  gefordert  wird.  Wenn  der  Vorbericht ­
  sich  auch  darzutun  bemüht,  daß  es  sich  hier
im  wesentlichen  um  Fachpersonal  handelt  und  daß  im
eigentlichen  Verwaltungsdienst  auch  gewisse  Verschiebungen ­
  und  Einsparungen  erfolgt  sind,  so  bleibt  doch
die  Tatsache  bestehen,  daß  der  öffentliche  Haushalt
mit  einem  Volumen  von  102  000  Stellen  sich  nicht  in
der  Lage  gesehen  hat,  seine  Stellenanforderungen  wesentlich ­
  einzuschränken  und  in  einem  Umfang  zu  reduzieren, ­
  wie  es  die  durch  die  Mauer  hervorgerufene
grundlegende  Veränderung  unserer  Arbeitsmarktsituation ­
  dringend  gefordert  hätte.
Gewiß,  es  wird  ein  Unterschied  zwischen  Verwaltungskräften ­
  und  Fachkräften  gemacht,  und  gewiß  ist
es  schwieriger,  Rationalisierungsaufgaben  im  Dienstleistungsbereich ­
  als  im  produzierenden  Bereich  durchzuführen. ­
  Aber  auch  in  der  Wirtschaft  gibt  es  große
Teile,  die  Dienstleistungscharakter  tragen.  Sie  haben
sich  ebenfalls  auf  die  neue  Situation  einstellen  müssen ­
  und  sie  haben  es  auch  getan.
Wenn  die  Wirtschaft  heute  zirka  30  000  offene  Stellen ­
  anmeldet,  dann  bedeütet  das,  daß  die  wirtschaftlichen ­
  Möglichkeiten  Berlins  aus  Arbeitskräftemangel
nicht  voll  ausgenutzt  worden  sind  und  daß  die  Wirtschaftskraft ­
  Berlins  stärker  hätte  ausgeweitet  werden
können,  wenn  nur  die  Arbeitskräfte  zur  Verfügung
gestanden  hätten.  Ich  möchte  das  einmal  betonen,  Herr
Kollege  Theis,  weil  Sie  ja  auf  die  Bestrebungen  hingewiesen ­
  haben,  neue  Unternehmungen  nach  Berlin
zu  ziehen.  Ich  bin  auch  der  Meinung,  daß  wir  alles
tun  müssen,  um  neue  Unternehmungen  nach  Berlin
zu  ziehen.  Aber  man  wird  umgekehrt  auch  Verständnis ­
  dafür  haben  müssen,  daß  dann  auch  die  Arbeitskräftesituation ­
  in  einer  anderen  Form  behandelt  werden ­
  muß,  als  es  zur  Zeit  hier  geschehen  ist.  Denn  es  ist
klar,  meine  Damen  und  Herren,  wenn  zu  viele  Kräfte
von  der  öffentlichen  Verwaltung  absorbiert  werden,
dann  fehlen  sie  der  Wirtschaft,  und  die  Fähigkeit  des
ganzen  Berliner  Wirtschaftskörpers  wird  geschmälert,
aus  eigener  Kraft  seine  Lebensfähigkeit  zu  stärken.
Sie  wird  geschmälert  zu  Lasten  des  Bundes,  der  dadurch ­
  gezwungen  wird,  die  Zuschüsse  nach  Berlin  auf
einer  größeren  Höhe  zu  halten,  als  es  sonst  notwendig
sein  würde.

Meine  Damen  und  Herren,  jeder  von  uns  weiß,  daß
in  der  Arbeitskräftefrage  das  Kardinalproblem  unserer
künftigen  wirtschaftlichen  Entwicklung  im  weitesten
Sinne  liegt.  Der  sorgsamste  Umgang  mit  diesem  kostbaren ­
  Gut  Arbeitskraft  ist  heute  für  Berlin  sozusagen
eine  nationale  Pflicht.  Es  ist  unumgänglich  nötig,  daß
sich  auch  die  öffentliche  Hand  dieser  Forderung  und
diesem  Zwang  unterwirft.
Wir  begrüßen  es  daher  auf  das  lebhafteste,  wenn
der  Herr  Finanzsenator  in  seiner  Etatrede  angekündigt ­
  hat,  daß  die  Senatoren  für  Finanzen  und  für  Inneres ­
  nach  eingehenden  Verhandlungen  beschlossen
haben,  das  gesamte  Personal-  und  Stellenplanwesen
vom  Jahre  1964  an  auf  eine  neue  Grundlage  zu  stellen. ­
  Insbesondere  soll  danach  künftig  für  die  Stellen
jedes  Bereichs  eines  Senatsmitgliedes  oder  einer  Bezirksverwaltung ­
  ein  Gesamtrahmen  geschaffen  werden,
der  sich  aus  dem  letzten  Stellenplan  und  aus  Organisationsgutachten ­
  der  Senatsverwaltung  für  Inneres
ergibt,  und  grundsätzlich  wird  innerhalb  dieses  Gesamtrahmens ­
  nur  noch  eine  Bindung  an  die  Gesamtzahl ­
  der  Stellen  nach  Art  und  Gruppen  bestehen  bleiben. ­
  Auf  der  anderen  Seite  soll  ein  finanzieller  Anreiz
für  Stelleneinsparungen  geboten  werden.
Meine  Damen  und  Herren,  diese  Ankündigung  des
Herrn  Finanzsenators  scheint  mir  eine  der  bedeutsamsten ­
  Mitteilungen  in  seiner  Btatrede  zu  sein.  Ich  darf
schon  heute  für  meine  Fraktion  die  Versicherung  abgeben, ­
  daß  wir  die  beiden  Senatoren  ln  diesen
Bestrebungen  mit  aller  Kraft  unterstützen  werden.
Gewiß  gehört,  wie  der  Finanzsenator  betont,  Mut
dazu,  diesen  Weg  zu  beschreiten,  und  es  mag  auch  ein
gewisses  Risiko  darin  liegen,  aber  man  sollte  ihn  beschreiten, ­
  weil  man  unbedingt  einen  Weg  finden  muß,
um  den  Personalstand  in  der  öffentlichen  Verwaltung
zu  reduzieren.  Ich  habe  die  Zuversicht,  daß  neue  Wege
auch  zum  Erfolg  führen  werden.
Ich  darf  es  vielleicht  noch  einmal  von  einer  anderen
Seite  beleuchten.  Wenn  wir  bis  zum  Jahre  1959  eine
unserer  Hauptaufgaben  darin  gesehen  haben,  die  Arbeitslosigkeit ­
  zu  bekämpfen  und  zur  Vollbeschäftigung
zu  gelangen,  so  hatten  wir  dieses  Ziel  um  die  Wende
des  Jahres  1958/59  erreicht,  also  in  dem  Augenblick,
in  dem  die  Chruschtschow-Note  vom  November  1958
die  Phase  einer  erneuten  politischen  Bedrohung  einleitete. ­

Die  dann  folgende  zweite  Phase,  für  die  eine  starke
wirtschaftliche  Expansion  mit  steigendem  Arbeitseinsatz ­
  trotz  der  politischen  Bedrohung  kennzeichnend
war,  wurde  beendet  durch  die  Errichtung  der  Mauer.
Die  dritte  Phase,  die  damit  einsetzte,  ist  durch  die
Aufgabe  gekennzeichnet,  die  weitere  wirtschaftliche
Expansion  mit  dem  Ziel  einer  größeren  Lebensfähigkeit
Berlins  aus  eigener  Kraft  herbeizuführen,  mit  einem
voraussichtlich  nur  gleichbleibenden  Arbeitskräftebestand. ­
  Wir  werden  viel  erreicht  haben,  meine  Damen
und  Herren,  wenn  wir  das  sich  aus  unserer  ungünstigen ­
  Altersstruktur  ergebende  Bevölkerungsdefizit  in
dem  Bereich  der  arbeitsfähigen  Bevölkerungsschichten
zwischen  15  und  65  Jahren,  das  15  000  bis  20  000  Kräfte
pro  Jahr  beträgt,  durch  den  Zuzug  aus  dem  Westen
ausgleichen  können.  In  diesem  Jahr  haben  wir  dieses
Ziel  erreicht.  Bis  heute  sind  zirka  14  000  Arbeitskräfte
aus  Westdeutschland  nach  Berlin  vermittelt  worden.
Wir  müssen  uns  aber  darüber  klar  sein,  meine  Damen
und  Herren,  daß  der  Wille  zur  weiteren  wirtschaftlichen
Expansion  bei  den  wirtschaftlichen  -Unternehmungen
eine  Hemmung  erfahren  muß,  wenn  die  Versorgung  mit
Arbeitskräften  eine  Barriere  darstellt,  die  sie  nicht
überspringen  können,  und  wenn  diese  Barriere  durch
steigende  Anforderungen  von  Arbeitskräften  im  öffentlichen ­
  Bereich  noch  erhöht  wird  und  wenn  wir  diese
Barriere  nicht  durch  eine  Verminderung  der  in  diesem
Teil  des  Berliner  Wirtschaftskörpers  tätigen  Menschen ­
  abzubauen  versuchen.
            
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