Publication:
1961
URN:
https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:109-1-9711944
Path:

69. Sitzung vom 21. September 1961
265
Druck: Verwaltungsdruckerei Berlin, Berlin SO 36, Kohlfurter Straße 41-43
Brandt
modernen Massengesellschaft zu einem Massenartikel
geworden, die Menschheit habe den Umgang mit dem
Tode verlernt. Diese Aufzeichnungen, lange vor dem
ersten Weltkrieg geschrieben, sind heute, nach den Er
fahrungen des gewaltsamen Todes von Millionen Mit
menschen in den Katastrophen dieser Welt, nur noch
gültiger geworden.
Heute aber gedenken wir eines Mannes, der seinen
eigenen Tod starb, unverwechselbar, nur von ihm
selber bis zum bitteren Ende ausgehalten vor unser aller
Augen hier in diesem Raume auf seinem Amtsstuhl.
Manchmal scheint es mir, als ob diese unsere geliebte
Stadt Berlin einer der letzten Orte auf dieser Welt ist,
in dem sich in einem fast biblischen Sinne die Wirklich
keit menschlichen Daseins spiegelt. Wirklicher Jubel,
wirkliche Begeisterung - wie haben wir sie vor wenigen
Wochen auf den Straßen dieser Stadt und vor diesem
Rathaus erlebt! Finstere Empörung und kalter Haß -
wo auf der Welt gibt es eine Mauer wie die, die unsere
Stadt trennt! Und dann mitten in diesem allen, was wir
gemeinsam zu tragen und durchzukämpfen haben, solche
Augenblicke wie der des letzten Sonntags! Diese Stadt
prägt ihre Menschen: Sie leben anders, sie sterben
anders, sie tun in anderer und deutlicherer Weise ihre
Pflicht.
Damit bin ich bei dem ersten hervorstechenden Merk
mal des Lebens von Willy Henneberg, das auf eine so
besondere Weise geendet hat: Wie er uns diese Pflicht
vorlebte, gar nicht sehr bequem für manche von uns mit
seiner minuziösen Pünktlichkeit, mit der Genauigkeit,
mit der alles erledigt wurde, was auf seinen Schreibtisch
geriet, mit dem Drängen zur Eile. Wie muß es diesen
Mann belastet haben, monatelang untätig zu sein! Dann
brach er aus der erzwungenen Ruhe und starb in eben
dieser Pflicht. Am 13. August, jenem schrecklichen Tag
mit dem tiefen Einschnitt im Leben dieser Stadt und
unseres Volkes, rief mich der Präsident nachmittags an
und ließ sich nur schwer davon überzeugen, daß er lieber
noch nicht an der für jenen Abend angesetzten Sonder
sitzung des Abgeordnetenhauses teilnehmen sollte. Genau
fünf Wochen später, am 17. September, war ich unmittel
bar vor der Sitzung in seinem Amtszimmer, und ich
werde nie die letzten Worte vergessen, die er mir sagte.
Es waren herzliche Wünsche für den Jüngeren, es waren
gute Gedanken über die Zukunft unserer Stadt, und es
war der inhaltschwere Satz: „Heute muß ich noch ein
mal stark sein.“
Das zweite, was wir dem Präsidenten zu verdanken
haben, darf ich vielleicht gerade als Sprecher des Senats
und damit der Regierung dieses Landes - mit dem Re
spekt, den ich diesem Hohen Hause schuldig bin - zum
Ausdruck bringen: Er hat in besonderem Maße die
Grenzen zwischen den Verantwortungen geachtet. Es
war eine besondere Versuchung unserer hektischen und
überbeanspruchten Zeit, daß jeder von uns alles tun
möchte. Er wußte um den besonderen Auftrag eines
Parlaments als gesetzgebende und die Verwaltung kon
trollierende Körperschaft. Er wußte aber auch von der
unvertretbaren Verantwortung einer Regierung, die ihr
kein Parlament abnehmen kann. Er hat sich bemüht,
Grenzen der Verantwortungen nicht ineinanderfließen
zu lassen, sondern sauber zu trennen, was den beiden
Gewalten zukommt, und ich meine, er hat gerade damit
der Würde des Parlaments gedient.
Und das dritte: Wir alle, die wir mit ihm zusammen
sein, mit ihm zusammen leben, zusammen arbeiten durf
ten, haben wohl immer wieder und vor allem in Ge
sprächen der letzten Monate, als er schon ein vom Tode
gezeichneter Mann war, tief empfunden, wie lauter und
rein in seinen Überzeugungen und seinen Zuneigungen
das Herz war, das am Sonntag zu schlagen aufgehört
hat. Er hat von diesen Überzeugungen nie ein Aufheben
gemacht. Er stand mit großer Selbstverständlichkeit
zu dem, was er für richtig hielt; er tat es beharrlich,
unbeeinflußt von den Irrtümern und schrecklichen Ver
suchungen, durch die unsere Stadt und unser Volk in be
sonderer Weise gegangen sind.
Der Name dieses Präsidenten gehört nun zu den
Namen der anderen großen Toten, die die Pflichterfül
lung in dieser Stadt dem Leben abforderte. Welch ein
Opfer der Besten im Raume der Pflicht und der Auf
gaben, die uns die Hauptstadt Deutschlands weithin
stellt! Welch eine Bindung für uns alle, es unseren toten
Präsidenten und Bürgermeistern nachzutun! Welch ein
Geschenk, so sterben zu dürfen, wie es dem Präsidenten
Willy Henneberg gegeben war: mitten im Satz an der
entscheidenden Stelle, was gesagt, verhindert und getan
werden muß. Ich wiederhole diese letzten Worte:
„. . . . einem Teil unseres Volkes die elementarsten
Grundlagen für eine friedliche Entwicklung vorent
halten“. Darum weiterzukämpfen, daß Frieden und Frei
heit für unser ganzes Volk Wirklichkeit werde, ruft uns
der Mann zu, den wir heute betrauern und von dem wir
alle mit tiefer Dankbarkeit Abschied nehmen.
Die Trauerkundgebung endet mit dem Air aus der Suite in D-Dur von Johann Sebastian Bach.
(Schluß der Trauerkundgebung 11.35 Uhr.)
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