Path:
Periodical volume Nr. 40, 2. März 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

40. Sitzung vom 2. März 1950

99

Neumann
Kollege Tiburtius hat mir erst neulich attestiert, die
Art und Weise, in der ich hier etwas sage, beweise, daß
ich die Verbindung zu diesem Volke auch bis heute
noch nicht verloren habe.
Meine Damen und Herren! Wenn wir die Arbeit des
Magistrats in den vergangenen Jahren rückschauend
überblicken, — waren wir nicht alle Arbeiter, die den
Müll und Schutt beseitigen mußten, den ein verflossenes System uns hinterlassen hatte, um überhaupt
zu den positiven Fragen zu kommen? Haben die
dienstälteren Mitglieder des Magistrats nicht tasächlich mit eigenen Händen angefaßt, um erst Platz zu
schaffen für die Verwaltung?
Schon aus diesem
Grunde ist der Ausdruck „Müllkutscher" nicht glücklich gewählt. Aber gerade Sie, meine Damen und
Herren, die Sie aus den akademischen Kreisen kommen,
überlegen Sie einmal, welche tiefe Kluft Sie damit zu
denen legen, die nun einmal nicht das Glück hatten,
die Vorbildung zu genießen, die Sie haben konnten,
weil Sie sich reichere Eltern ausgesucht haben!
(Unruhe und Zurufe.)
— Sie wissen es sehr klar.
(Erneuter Zuruf von der CDU.)
— Jawohl, Kollegin Maxsein, Sie wissen es. Ich bin
nur ein armer Schlossergeselle. Ich habe nicht das
Glück gehabt, das uns unser heutiges Schulsystem
bietet. Ich konnte nicht die Möglichkeiten ausschöpfen,
die wir im heutigen Schulsystem haben, auch den
Mann und die Frau aus dem Volke durch eine bessere
Schulbildung zu höheren Funktionen kommen zu lassen.
(Beifall bei der SPD.)
Ich habe in harter Schule nach des Tages Arbeit mir
mein Wissen erarbeiten müssen. Das ist etwas, was
Sie nicht vergessen sollten. Man reißt hier einfach
eine Kluft auf, die heute im deutschen Volk überwunden werden soll.
Aus diesem Grunde knüpfe ich nicht nur an das an,
was der Herr Oberbürgermeister zur Freien Universität
und zur Technischen Universität gesagt hat, sondern
ich möchte Ihnen in dieser Erklärung insbesondere
auch die Hochschule für Politik in Ihrer aller Gedächtnis rufen. Diese Hochschule für Politik haben
wir am 18. März 1948 geschaffen, an jenem Tage, als
die Massen im strömenden Eisregen vor dem Reichstag standen. Damals hat ein Kommunist gesagt:
„Wir möchten gern einmal wissen, welchen Charakter
diese Hochschule für Politik haben soll!" Ich habe
meinen Freunden erklärt, ich möchte so gern antworten, nur einen Satz, um den Charakter dieser Hochschule zu umreißen, aber dann käme die Diskussion,
und die Leute müßten weiter draußen stehen.
Meine Damen und Herren! Die Hochschule für Poltiik
muß den Charakter haben, Charaktere zu erziehen, und
diese Charaktere sollen dann eingeschleust werden in
die höheren Stellen der Verwaltung, der Wirtschaft und
der Politik. Wir brauchen in diesen Funktionen nicht
nur Männer und Frauen mit reinem Fachwissen,
(Zuruf von der CDU: sehr richtig!)
sondern wir brauchen Männer und Frauen, die aus
ihrem demokratischen Gefühl heraus ganz anders an
die Erfüllung der ihnen gestellten Aufgaben herangehen
wollen. Darum bitte ich Sie, gerade die Arbeit dieser
Schule immer wieder ganz besonders in den Vordergrund zu stellen. Wir glauben, daß hier entscheidende
Aufgaben für Berlin zu lösen sind.
Der Oberbürgermeister sprach von der Entwicklung
und dem Umfang der Verwaltung. Wir sind durchaus
seiner Meinung, daß die Verwaltung der natürlichen
Entwicklung nicht nachhinken soll, sondern daß sie
schon von sich aus alle Beschlüsse den Notwendigkeiten
voranstellen soll. Ich darf in diesem Zusammenhang an
unsern Antrag vom Vorjahr erinnern, daß alle innerhalb
der Verwaltung überflüssig werdenden Stellen ab sofort
nicht mehr besetzt werden dürfen. Dadurch kommt
es schon zu einem natürlichen Entwicklungsprozeß in
der Verwaltung. Wir wissen zwar, daß wir mit Rück-

sicht auf die besonderen politischen Schwierigkeiten
Berlins sehr sorgfältig vorgehen müssen, aber wir
unterstützen den Magistrat in dieser Anschauung absolut und in jeder Beziehung.
Meine Damen und Herren! Die andere Seite jenseits
des Brandenburger Tores ist nun drauf und dran, mit
einem ganzen Berg von -Propagandalügen und Propagandamethoden hier in Berlin wieder einmal Unruhe zu
erzeugen. Ich sagte Ihnen schon, daß sie dieses Ziel
nicht erreicht. Wenn es drüben auch viele GoebbelsSchüler gibt ,— diese Goebbels-Methoden mit dem
Bangemachen machen auf uns keinen Eindruck.
Gerade an diesem Tage, am 2. März 1950, gestatten
Sie mir einen Rückblick in die eigenen Parteigeschichte!
Gestern waren vier Jahre verflossen, seitdem Berlin
durch die gewaltige Kundgebung im Admiralspalast ein
erstes sichtbares Zeichen des Freiheitskampfes der
Sozialdemokratie sah, seitdem die Meinung freiheitlicher
Männer und Frauen in die Welt hinausströmte. Seit
diesem 1. März 1946 haben wir in Berlin, in der Stadt,
die von vier Besetzungsmächten verwaltet wurde, die
Voraussetzung geschaffen, uns in diesem Kampfe auch
zu behaupten. Der Weg von der kleinen, von den Kommunisten verlachten Partei in fünf Monaten bis zu der,
die 48,5% der Stimmen auf sich vereinigen konnte, war
kurz, und Sie wissen genau, daß auch damals die
Gegner das Gegenteil von dem sagten, was sie selbst
glaubten. Berlin ist immer immun gegen den Kommunismus gewesen. Ich stehe gar nicht an, zu erklären,
daß wir nicht allein standen, sondern daß wir mit den
beiden andern Parteien hier in Berlin durchaus zusammengestanden haben. Gestern erst habe ich von der
Zeit vor mehr als vier Jahren gesprochen, in der neben
meinen Parteifreunden im antifaschistischen Block von
den beiden anderen Parteien der Kollege Landsberg und
der leider viel zu früh verstorbene Kollege Fehlau immer
mit dabei waren, als es galt, die Grundlagen für die
Erhaltung unserer Freiheit zu schaffen. Heute sind wirnicht mehr die kleine verlachte Gruppe. Heute bilden
wir eine Macht, und wir sind gewillt, diese Macht mit
aller Kraft, mit aller unbeugsamen Festigkeit für die
Erhaltung und für den Ausbau der Freiheit in ganz
Berlin einzusetzen.
Herr Kollege Tiburtius und Herr Kollege Bach, gestatten Sie mir, daß ich auch einmal Goethe zitiere!
(Heiterkeit.)
Auch heute gilt immer noch der Satz, den Goethe vor
so langer Zeit schrieb:
Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch
schwankend gesinnt ist,
Der vermehret das übel und breitet es weiter und
weiter.
Doch wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet
die Welt sich.
Gerade heute bei dieser Erklärung des Magistrats
bildet dieses Wort die Grundlage unserer Arbeit. Genau
wie vor vier Jahren gilt für uns heute: Festigkeit und
unbeugsamer Wille zur Erreichung unserer Ziele trotz
aller Erschwernisse, die uns bei unserer Arbeit gemacht
werden können!
Meine Damen und Herren! Welcher Stadtverordnete,
welches Magistratsmitglied wollte sich ausschließen bei
diesem Kampf um unser Berlin, um das Berlin, das
nach unserem Willen die Hauptstadt eines einigen demokratischen Deutschlands in einer befriedeten Welt
werden soll!
(Lebhafter Beifall bei der SPD.)
Vorsteher Suhr: Meine Damen und Herren! Es ist
zwar kein formeller Antrag auf Aufhebung der Redezeitbeschränkung gestellt worden, aber das Büro war
sich einig, bei einer so großen politischen Aussprache
von einer Beschränkung der Redezelt Abstand zu
nehmen. Deshalb habe ich Herrn Neumann über die
halbe Stunde hinaus reden lassen, und ich bitte um
Ihr Einverständnis, daß die Redezeit freigegeben ist.
Das Wort hat der Herr Stadtverordnete Dr. Schreiber.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.