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Periodical volume Nr. 66, 30. November 1950, Ordentliche Sitzung, S 877+878 fehlen im Buch

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

66. Sitzung vom 30. November 1950

Vorsteher Suhr: Meine Damen und Herren! Es ist
der Antrag- gestellt worden, zur Tagesordnung überzugehen. Der Herr Stadtverordnete Schwennicke hat
sich zur Geschäftsordnung gemeldet. Selbstverständlich
kann einer dafür und einer dagegen sprechen. Herr
Stadtverordneter Schwennicke!
Stadtv. Schwennicke (FDP) (z. GO.): Meine Damen
und Herren! Wir stimmen mit der Auffassung des
Kollegen Bach insofern durchaus überein, als wir nicht
die Absicht haben, hier noch eine längere Schuldebatte
am heutigen Tage zu führen. Ich hatte mich im Anschluß an die Ausführungen von Herrn Stadtrat May
zum Wort gemeldet und wollte meine Ausführungen
damit beginnen, daß aus der Tatsache, daß in einer
Schulfrage ein Mann spricht, der mit der Schule nichts
zu tun hat, ja -wohl zu ersehen ist — wenn das auch
nicht ganz freiwillig auf meiner Seite liegt —, daß
wir nicht die Absicht haben, das zu tun. Ich möchte
aber doch bitten, daß dem Antrag der sozialdemokratischen Fraktion nicht stattgegeben wird und uns die
Möglichkeit gegeben wird, wenigstens eine kurze
Stellungnahme zu den Ausführungen von Herrn Stadtrat May zu geben.
(Beifall auf der rechten Seite.)
Vorsteher Suhr: Meine Damen und Herren! Nachdem
ein Redner für und ein Redner gegen den Antrag auf
Übergang zur Tagesordnung gesprochen hat, kommen
wir zur Abstimmung. Wer dem Antrag der sozialdemokratischen Fraktion stattgeben will, den ibitte ich, das
Handzeichen zu geben. — Das war die Mehrheit; der
Übergang zur Tagesordnung ist beschlossen.
(Große Unruhe auf der rechten Seite. — Rufe:
Abwürgen! — Weitere erregte Rufe und
Gegenrufe. — Glocke des Vorstehers.)
— Meine Damen und Herren! Wir sind nur nach der
Geschäftsordnung verfahren.
(Anhaltende große Unruhe und weitere erregte
Rufe und Gegenrufe. — Mitglieder der rechten '
Seite schicken sich an, den Saal zu verlassen.
— Rufe von der SPD: Geht doch! — Andauerndes Glockenzeichen.)
— .Meine Damen und Herren! Ich bitte doch, Ruhe zu
bewahren.
Ich rufe auf Punkt
(Die große Unruhe im Saal hält an.)
— Unbeschadet aller Meinungsverschiedenheiten bitte
ich doch, Ruhe zu bewahren. —
Ich rufe auf Punkt 7 und Punkt 8 der Tagesordnung,
Drucksachen 1269 und 1270:
Beschluß des Ausschusses für Volksbildung und
des Hauptausschusses zur Vorlage — zur Beschlußfassung — über Beitritt Berlins zum Staatsabkommen der Länder der Bundesrepublik Deutschland über die Finanzierung wissenschaftlicher Forschungseinrichtungen — Drucksache Nr. 1232,
Beschluß des Ausschusses für Volksbildung und
des Hauptausschusses zur Vorlage — zur Beschlußfassung — über Auflösung der Forschungsgruppe
Berlin-Dahlem — Drucksache Nr. 1234.
Das Wort hat der Herr Berichterstatter, Stadtverordneter Dr. Tiburtius.
(Erneute erregte Zurufe.)
Stadtv. Dr. Tiburtius, Berichterstatter: Ich habe hier
meiner Pflicht als Berichterstatter zu genügen,
Vorsteher Suhr: Ich bitte um Ruhe für Herrn Dr.
Tiburtius.
Stadtv. Dr. Tiburtius, Berichterstatter: Ich bitte um
Ihre Aufmerksamkeit für einen Punkt, der die Zukunft
wissenschaftlicher Arbeit in Berlin und im Bundesgebiet auf das allerernsteste angeht. — Meine Damen
und Herren! Es ist Ihnen sicher aus früheren Debatten
in diesem Hause und, wie ich hoffe, auch aus der

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Lektüre der Vorlage Nr. 1234 bekannt, daß es sich hier
darum handelt, die Folge zu ziehen aus einer sehr langfristigen Entwicklung, in deren Verlauf eine ganze Anzahl von Forschungsinstituten der alten Kaiser-WilhelmGesellschaft aus Berlin verlagert wurden. Man hat
dann den Namen sinnvollerweise in Max-Planck-Gesellschaft gewandelt, und es sind diejenigen Institute,
die in Berlin geblieben sind, teils der Demontierung
verfallen, teils ist auf Beschluß der amerikanischen
Militärregierung hier eine neue Sammelorganisation
wissenschaftlichen Charakters mit dem Namen einer
Forschungshochschule errichtet worden, zu der sich
dann die zur amerikanischen Zone gehörigen Länder,
dazu Bremen und Westberlin zusammengeschlossen
haben. Nunmehr ist es eine Aufgabe der Ordnung,
hier durch uns dafür zu sorgen, daß diese Not- und
Übergangslösung in einen vernünftigen Dauerzustand
übergeleitet wird, bei dem für die Institute, um die es
sich handelt, eine ihrem wissenschaftlichen Forschungscharakter angemessene neue Eingliederung ermöglicht wird.
Die Vorlage, die uns gemacht worden ist, ist einmal
leider in einem sehr späten Zeitpunkt uns zugegangen.
Sie hat zweitens durch die nicht sehr glückliche und
den eigentlichen Sinn auch nicht ganz deckende Überschrift, aus der entnommen werden kann, man wolle
die Forschungsgruppe BerlinnDahlem als die bisherige
Not- und Sammelorganisation auflösen, bei den unmittelbar Beteiligten und auch darüber hinaus in Kreisen
der öffentlichkeit sehr viel Sorge und Unruhe erweckt.
Man muß den Menschen, die so empfanden, immerhin
zugestehen, daß der Text der Vorlage nicht gerade mit
vorbildlicher Deutlichkeit das sagt, was eigentlich zu
erwarten ist. Es ist davon die Rede: man wolle auflösen, man wolle aber —, man habe die Absicht zu
überführen, es sei in Aussicht genommen, einige Institute der jetzigen Max-Planck-Gesellschaft an andere
Institute der Forschungshochschule zu überführen.
Auch von anderen Absichten wird hier in einer sehr
vorsichtigen, aber doch in der Wirkung sicher ungesuchten, ein bißchen vagen Form gesprochen.
Wir haben nun nach sorgfältiger Beratung im Volksbildungsausschuß mit der Verwaltung uns zu folgendem
Standpunkt entschlossen. Wir möchten aus diesen, wie
gesagt, zunächst etwas in der Andeutung bleibenden
Absichten der Vorlage dadurch eine feste Form machen,
daß wir dem Magistrat aufgeben, für einige Institute —
ich will sie Ihnen gleich noch nennen — eine Überleitung an die Deutsche Forschungshochschule BerlinDahlem, die dem Magistrat unterstehende Berliner Einrichtung, vorzunehmen. Das ist das Institut für Kolloidchemie, die Abteilung für Mikromorphologie und für
angewandte Anthropologie, alle drei Abteilungen durch
hervorragende Forschernamen wie Dr. Müller mit seiner
Atomforschung, Professor Ruska und insbesondere den
bekannten Professor Muckermann als Anthropologen
bestens qualifizierte und gekennzeichnete Einrichtungen,
Einrichtungen, meine Damen und Herren, bei denen im
übrigen über ihren Forschungscharakter hinaus für die
gesamte Aufgabe, der wir hier dienen, zu sagen ist:
es geht um Arbeiten, die auch unmittelbar einwirken
auf die Industrie, auf die Beschäftigung danach und
auf Überwindung von Arbeitslosigkeit und Erzielung
von Erträgen und Einkommen.
Zum zweiten wünschen wir für die Abteilung Silikatforschung eine Überführung in die Max-Planck-Gesellschaft, die ja, wie ich erinnern darf, ihren Sitz in
Göttingen hat, deren Institute aber in Deutschland, im
westdeutschen Bundesgebiet mannigfach verteilt sind,
und auch diese Silikatforschungsabteilung würde mit
aller an ihr hängenden Bedeutung weiter hier in Berlin
arbeiten können. Es ist dann die Abteilung Psychologie
dieser bisherigen Forschungsgruppe immerhin ein besonderes Gebilde. Hier muß man in aller Offenheit
sagen, daß hier ja die Persönlichkeit des wissenschaftlichen Leiters nicht unseren Anforderungen und nicht
denen der Verwaltung entspricht. Hier ist ein Wechsel
unbedingt nötig — und ist auch schon vorgesehen —
durch die eigene Haltung dieses Mannes. Hier ist Über-
        
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