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Periodical volume Nr. 63, 9. November 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

63. Sitzung vom 9. November 1950
Peschke
Einnahmen der Anstalt aus Erträgen von Betrieben
nicht im Rahmen der Möglichkeiten dieses Gesetzes sein
können. Wir stellen deshalb den Antrag, im § 10 Absatz 1 Punkt 2 die Worte „und Betrieben" zu streichen.
Die Begründungen im einzelnen können gegebenenfalls noch bei der Besprechung der einzelnen Paragraphen gegeben werden. Wir wollten nur die grundsätzlichen Überlegungen zeigen, aus denen heraus unsere Anträge entstanden sind.
Stellv. Vorsteher Frau Dr. Maxsein: Ich stelle fest,
daß der Redner doch im wesentlichen schon die Einzeldebatte vorweggenommen hat.
Ich erteile noch im Rahmen der Generalaussprache
das Wort dem Herrn Stadtverordneten Luster.
Stadtv. Luster (CDU): Meine sehr verehrten Damen
und Herren! Die Gesamtmeinung der CDU zu diesem
Jugendaufbauwerk vorweg: wir stimmen vorbehaltlos
zu. Wenn wir etwas bedauern — das dürfen Sie uns
nicht übel nehmen —, dann die Tatsache, daß wir erst
so spät dazu kommen, über diese Dinge zu beschließen.
Aber es ist ja Gott sei Dank nicht zu spät. Wie wir
bisher alle Dinge, die uns geeignet schienen, der Jugend
zu helfen, unterstützt haben, so werden wir auch dieses
Jugendaufbauwerk unterstützen. Wir haben, obwohl es
vielleicht manchem aus parteipolitischen Gründen nicht
richtig erscheinen könnte, auch solche Initiativen
unterstützt, die von den Herren Kreßmann und Scharnowski ausgegangen sind, und wir werden diese Dinge
weiter unterstützen.
Wir müssen in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß die Vorschläge zu diesem Jugendwerk ja
nicht neu sind, und daß seitens der CDU bereits im
vergangenen Jahr insbesondere von Herrn Bürgermeister Friedensburg in dieser Richtung gehende Vorschläge gemacht worden sind. Wir begrüßen es, wenn
dieses Gesetz, das uns hier vorliegt, eigentlich nur ein
Rahmengesetz ist, ein Rahmengesetz, in dem die Verwaltung erkennen läßt, daß sie der privaten Initiative
die Aufgabe zugedacht hat, das Bild für diesen Rahmen
zu malen, wie es aus der offiziellen Begründung des
Gesetzes hervorgeht.
VWr haben nur zu dem Paragraphen, der sieh mit
den eigenen Einrichtungen der Verwaltung beschäftigt,
unsere Bitte auszusprechen, daß diese „eigenen Einrichtungen" wirklich nur der Ausnahmefall sind, und daß
in erster Linie die Jugend- und andere jugendpflegerische Organisationen weithin zur privaten Initiative
aufgerufen und in dieser Initiative unterstützt werden.
Wenn sich der Altersaufbau im wesentlichen auf die
Jugendlichen zwischen 18 und 21 Jahren beschränkt, so
halten wir dies, soweit die männliche Jugend davon
betroffen ist, für richtig, weil hinsichtlich der männlichen Jugend im Alter von 14 bis 18 Jahren die Jugendnot relativ geringer ist. Das trifft aber leider Gottes
nicht im gleichen Umfange für die weibliche Jugend zu.
Für die weibliche Jugend werden wir daher, wie es uns
scheint, weitgehend die Ausnahme des letzten Satzes
des dritten Absatzes des § 2 in Anspruch nehmen
müssen, daß sieh nämlich auch die Jugend von 14 bis
18 Jahren bei diesem Jugendaufbauwerk beteiligen
kann. Wir möchten vorschlagen, daß die Arbeit dieser
weiblichen Jugend auch in der Richtung der Haußhaltsausbildung gehen sollte. Die Haushaltsausbildung hat ja
so etwas Anrüchiges. Wenn wir aber der Auffassung
sind, daß die Familien die Keimzellen des Volkes sind,
dann müssen wir auch dafür Sorge tragen, daß die
jungen Mädchen weitgehend mit den Dingen des Haushalts vertraut gemacht werden. Es ist schon etwas
Wichtiges, daß ein junges Mädchen nicht eben nur zur
Not kochen, nähen, flicken und waschen kann, sondern
daß es vielleicht auch etwas theoretische Ahnung hat,
die sie nachher in die Praxis umsetzen kann, von der
Ausgestaltung eines wirklichen Heims, von Heimgestaltung.
Bei der Arbeit, die hier gefordert und angeregt wird,
meine Damen und Herren, erscheint es uns wichtig, zu

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sagen, daß wir bei dem Jugendaufbauwerk eine Verbindung von Arbeit und Ausbildung schaffen müssen,
daß diese beiden Dinge in gleicher Weise zu berücksichtigen sind, wobei wir darauf hinweisen, daß Ausbildung auch etwas mit Bildung zu tun hat, daß also
nicht nur die berufliche Ausbildung von uns gewünscht
werden sollte, sondern auch die Bildung, die den ganzen
Menschen betrifft. Denn die heute 18- bis 25jährigen,
die in erster Linie von diesem Gesetz betroffen sein
sollen, sind diejenigen, die vor fünf Jahren gerade
13jährig waren, d. h. die während der Hitlerzeit eine
besonders schlechte Schulbildung genossen haben. Wir
möchten für die Arbeit den Gedanken der Aufforstung
anregen. Dabei wissen wir einmal, daß unser Grunewald
aufzuforsten ist. Wir wissen aber auch, daß sich im
Bundesgebiet weite Kahlschläge befinden. Ich habe mich
erst kürzlich davon überzeugt, wie trostlos es dort aussieht. Wenn es gelänge, Patenschaften des Westens für
Berlin in der Weise zu bekommen, daß sich dort Berliner Jugendliche auf bestimmte Zeit aufhalten und
aufforstend betätigen könnten, dann wäre das ein allgemeiner Nutzen und Segen. Die Jugend wird vielleicht
auch für Aufräumungsarbeiten herangezogen werden.
Wenn aber, dann nur in Verbindung mit dem Aufbau,
in der Weise, daß derselbe Jugendliche, der einen Platz
aufräumt, auch an derselben Stelle vielleicht bei einem
Kinderspielplatz oder in Form eines Lehrbauhofes an
der Errichtung eines Bauwerkes beteiligt wird.
Trümmer demoralisieren, und es ist so, meine Damen
und Herren, daß kürzlich ein Kind, das in diesem Sommer in die Schweiz verschickt war und zurückkam und
von der Mutter gefragt wurde, wie es denn dort gewesen
sei, sagte: „Ach weißt du, die sind ja altertümlich, die
haben ja nicht mal Trümmer." Meine Damen und
Herren, das könnte ein Witz sein, ist aber die traurige
Mahnung für uns, der Jugend die Trümmerstätten wegzunehmen, und ich glaube, daß es auch eine Aufgabe
dieses Jugendaufbauwerkes sein könnte, dabei mitzuwirken.
Ich habe gesagt, daß der weiblichen Jugend weitgehend die Hausarbeit vorbehalten bleiben könnte, und
daß hier bestimmte Maßnahmen getroffen werden könnten, die einmal sichern, daß diese jungen Menschen, die
im Haushalt beschäftigt werden, dort nicht ausgenutzt
werden, indem man eine festbegrenzte Arbeitszeit festlegt, die dann auch kontrolliert wird. Ich würde wünschen, daß das, was bisher getan worden ist, von der
Abteilung Arbeit, der Abteilung Jugend und dem Hauptschulamt koordiniert wird hinsichtlich der Organisation
und hinsichtlich der Mittelverteilung. Die kommunalen
Lehrwerkstätten sollten bedenken, daß eine betriebsnahe Ausbildung der Jugend notwendig ist, und daher
sollte der Magistrat vielleicht mehr die privaten Lehrwerkstätten unterstützen und dann auch beaufsichtigen
und prüfen. Was vom Jugendnoteinsatz getan worden
ist, ist insofern weithin Stückwerk, als keine genügende
Beaufsichtigung der Jugendlichen gewährleistet erscheint. — Ich muß mich sehr kurz fassen, damit ich
mit der Redezeit auskomme. — Die Vollbeschulung des
Hauptschulamtes hat im übrigen einen Haken, denn sie
gibt leider manchem Jugendlichen den Anlaß, billig zu
Geld zu kommen. Denn die Jugendlichen, die in der Vollbeschulung tätig sind, bekommen zur Zeit noch mehr
Geld als die im Lehrlingsberuf stehenden Jugendlichen.
Ich möchte meinen, daß die Bildung kleiner Gemeinschaften für die Arbeit und Ausbildung der Jugendlichen richtig und notwendig ist. Ich denke an eine
Gesamtpersonenzahl von 20 Jugendlichen in einer
solchen Gemeinschaft, die auch in Form von Zusammenarbeit und Zusammenwohnen vor sich gehen
könnte. Ich weiß, daß ich mich hier von einigen Damen
und Herren des Hauses mit meiner Meinung unterscheide. Ich weiß auch, daß gesagt wird, daß der heutige
Jugendliche die Familiensituation zu wenig und die
Gruppensituation zu viel kennt. Aber bedenken Sie
bitte, meine Damen und Herren, daß es viele Jugendliche gibt, die heimatvertrieben oder aus der Ostzone
hierher geflüchtet sind und hier ohne Anhang wohnen.
Diesen ein Heim mit sauberer Wohn- und Schlafmöglichkeit zu schaffen, wäre eine Wohltat. Wir sollten
        
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