Path:
Periodical volume Nr. 60, 19. Oktober 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

60. Sitzung vom 19. Oktober 1950

Stadtrat Theuner: Herr Stadtverordneter Schellin
führte aus, die Bewerber für die Notstandsaktion würden von der Personalverwaltung' unwürdig behandelt,
aber Material darüber läge ihm nicht vor. Herr Schellin, in einer großen Verwaltung kann es durchaus vorkommen, daß dieser oder jener Besucher nicht mit dem
notwendigen Takt, mit der notwendigen Höflichkeit behandelt wird. Geschieht das, dann bitten wir uns solche
Fälle sofort mitzuteilen, wir werden für Abstellung
sorgen.
Ich habe mich persönich wiederholt darüber informiert, ob die Einstellungsaktion in der gehörigen Form
durchgeführt wird. Gelegentlich bildeten sich kleine
Schlangen. Ich habe mich mit den Bewerbern unterhalten, aber niemals wurde mir gesagt, daß sie von
den Angestellten im Hauptpersonalamt unwürdig oder
unhöflich behandelt worden seien. Wir konnten aber
nicht alle Hoffnungen erfüllen. Die Angestellten haben
in der Presse davon gelesen, daß 1500 eingestellt würden, und Sie können sich vorstellen, wieviel Bewerber
auftraten. Eis ist nicht immer leicht möglich, bei Ablehnungen die Überzeugung zu geben: in deinem Falle
ist die Einstellung nicht möglich.
(Zuruf des Stadtverordneten Peschke.)
— Herr Stadtverordneter Peschke, die Einstellung
wird vorgenommen nach Grundsätzen, die vereinbart
sind zwischen der Personalverwaltung, Herrn Dr. Hertz
und den Gewerkschaften. Dabei ist die Mitwirkung
der einzelnen Dienststellen auch eingeschlossen. Das
Zusammenspiel zwischen Personalverwaltung und den
Sach-Dienststellen ist gegeben.
Vorsteher Suhr: Das Wort hat Herr Stadtverordneter
Schellin.
Stadtv. Schellin (CDU): Meine Damen und Herren!
Die Parteien sind das Sprachrohr der Wünsche und
Beschwerden der Bevölkerung, und die Tribüne des Parlaments ist die Stätte, auf der diese Beschwerden, wenn
man sie als berechtigt ansieht, vorgetragen werden
sollen und können. Aus diesen Gründen heraus hat
die Christlich-Demokratische Union ihre Anfrage an
den Magistrat gerichtet. An unsere Partei sind zahlreiche Beschwerden aus Angestelltenkreisen über die
Handhabung des Verfahrens bei der Einstellung oder
Nichteinstellung der Notstandsarbeiter gelangt. Die
erste Notiz über die Notstandsarbeiten erschien am
28. September. Sie lautete: Wie aus Magistratskreisen
verlautet, werden 1500 Neueinstellungen für den Prüfungsdienst beim Magistrat erfolgen.
Bewerbungen
sind an das Hauptpersonalamt zu richten. Und diese
Mitteilung war es, die bei den Erwerbslosen die Hoffnung aufkeimen ließ, zu einem guten Teil jetzt endlich
einmal Beschäftigung zu finden. Als dann später bekannt wurde, daß bei den Facharbeitsämtern nur 300
Arbeitskräfte aus den Stellenlosen angefordert worden
waren, und daß 1200 angeblich vom Hauptpersonalamt
eingestellt worden seien, da flammte die Entrüstung
auf und machte sich Luft in Eingaben an unsere Partei.
Wenn die anderen Parteien solche Eingaben nicht bekommen haben, so entzieht sich die Ursache dafür
meiner Kenntnis. Jedenfalls scheinen wir in den
Kreisen der Angestellten doch recht viel Anhänger zu
haben, sonst würden sie die Beschwerden nicht an uns
herangebracht haben.
(Lachen bei der SPD.)
.Es ist ein Unfug, in einem solchen Zusammenhang
von einem Fang nach Wahlstimmen zu sprechen.
(Lachen und Rufe von der SPD: Nein! Nein!)
In der Beziehung könnten wir umgekehrt Ihnen sehr
starke Vorhaltungen machen und Beweise dafür bringen. Wir sind auch in der Lage, das Beweismaterial
dafür beizubringen, daß im Hauptamt für Personal
eine unwürdige Behandlung stattgefunden hat.
Ich
habe nicht behauptet, Herr Stadtrat Theuner, daß uns
darüber kein Material vorläge. Ich habe nur betont:

665

das Material ist uns noch heute morgen von einer Deputation übergeben worden. Wir waren bis jetzt nicht
in der Lage, die Stichhaltigkeit des Materials nachzuprüfen.
(Rufe von der SPD: Aha!)
Ja, verehrte Freunde, gibt es ein besseres und ehrlicheres
Arbeiten als ein solches Erkennen und Zugeben? Ich
darf Ihnen aus dem Schreiben, das mir vorliegt, vorlesen. Es heißt dort:
Die Dame behandelte mich derartig schnoddrig und
arrogant und erklärte, daß die Aktion um 12 Uhr
abgeschlossen sei, eine Bewerbung auch gar keinen
Zweck mehr hätte, da schon Tausende von Bewerbungen vorliegen würden.
Das ist ein Zitat aus einem Schreiben, wie es hier vorliegt von einem der Betroffenen.
Meine Damen und Herren! Damit ist der Beweis
erbracht, daß uns durchaus das Recht zustand, die
Dinge hier zur Sprache zu bringen.
(Zurufe von der SPD: Ist das nicht eine Verallgemeinerung? — Der will seinem Deutschnationalen
Handlungsgehilfenverband wieder auf die Beine
helfen!)
Jede Beschwerde hat in sich das Recht, als richtig
anerkannt zu werden.
(Zuruf von der SPD: Nachdem sie geprüft ist.)
— Ja, die Prüfung kann ja noch nachträglich erfolgen, wenn Sie darauf Wert legen, Herr Kollege.
(Weitere Zurufe. — Glocke des Vorstehers.)
Solche Zwischenbemerkungen verfangen nicht, meine
Herren. Sie versagen sich außerordentlich viel, wenn
Sie erklären, daß den Stellenlosen damit geholfen sei,
wenn sie derartig behandelt werden. Das Echo wird
das Gegenteil von dem sein, was Sie erwarten. Ich
bin überzeugt, meine Herren, daß so nützlich diese
Anfrage war, und so dankbar Sie der CDU dafür sein
müßten, daß die Anfrage gestellt worden ist, weil
daraufhin Herr Stadtdirektor Hertz immerhin eine
sachlich wertvolle Aufklärung gegeben hat, dennoch
ein Stachel zurückbleibt, wenn heute hier nicht erklärt
wird, daß man zwar die Lage der Stellungslosen bedauere, aber die Bewerbungen im Augenblick keine
Berücksichtigung finden könnten wegen der Beschränkung der Möglichkeit der Einstellung von Kräften
überhaupt.
(Bravo! bei der CDU.)
Vorsteher Suhr: Das Wort hat Herr Stadtverordneter
Swolinzky.
Stadtv. Swolinzky (SPD): Meine Damen und Herren!
Ich will dem Herrn Schellin in Rücksicht auf seine
vielen Erfahrungen in der Agitation keine Vorhaltungen machen. Aber eines, Herr Schellin: wenn Sie •
hier sagen, es kämen zu Ihnen so v i e l e Leute, so
sage ich: die wissen, zu wem sie gehen, wenn sie solche
Dinge vorbringen, wie Sie es heute hier taten, ohne
sie zu prüfen, bloß weil irgendein verärgerter, vielleicht
krankhafter Mann Ihnen geschrieben hat: ich bin von
einer Dame schlecht behandelt worden. Wenn Sie
nicht besser fundierte Dinge haben, dann tut es mir leid,
daß Sie als alter Gewerkschaftssekretär des DHV sich
zu solchen Sachen hergeben. Ihre große Routine auf
diesem Gebiet müßte Sie von solchen Fehlern fernhalten.
Und wenn iSie, Herr Schellin, beliebten, hier zu
sagen, es kämen zu uns keine Leute, so erwidere ich
Ihnen: wir sind ehrlich genug, diesen Menschen zu
sagen: wenn von 150 000 Menschen, die eine Stellung
suchen, nur 1500 eingestellt werden können, dann mußt
du nicht in jedem Fall zürnen, wenn du nun nicht gerade dabei bist; denn wir bringen unseren Menschen
von Anfang an bei, daß das Schicksal des einzelnen
von der Situation der Gesamtheit abhängt, und daß
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.