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Periodical volume Nr. 39, 9. Februar 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

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38. Sitzung vom 9. Februar 1950

Hausmann
— Weil auch früher nur ein- oder zweimal im Jahre
dort Rennen stattgefunden haben, und weil auch nach
Ansicht von Herrn Neubauer in Zukunft höchstens einmal im Jahre ein Rennen stattfinden würde. Denn Sie
müssen bedenken, daß inzwischen andere Rennbahnen
in Westdeutschland in den Vordergrund getreten sind;
nicht nur der Nürburg-Ring. Mit dem Nürburg-Ring
können wir ja gar nicht konkurrieren; denn es
interessiert für die Rennen heutzutage ja nicht mehr
das möglichst schnelle Jagen auf einer geraden Strecke,
sondern das möglichst schnelle Fahren auf einer Strecke
mit Kurven und Steigungen, wie sie der Nürburg-Ring
hat. — Also die Avus das ganze Jahr hindurch für den
Lastkraftverkehr zu sperren, nur damit einmal
im Jahre oder meinetwegen auch zweimal, Rennen stattfinden, aber es würde nach meiner Ansicht nur einmal
der Fall sein,
(Stadtv. Neumann: Warum nur einmal, Herr Stadtrat, die Strecke ist doch das ganze Jahr frei.)
— Herr Stadtverordneter Neumann, die Sachverständigen haben erklärt, und die beiden Klubs — ich nehme
an, daß diese Erklärung der beiden Klubs heute oder
morgen in den Zeitungen auch Ihnen zu Gesicht kommen
wird — haben ausdrücklich festgestellt, daß es nicht
zu verantworten wäre, die Fahrbahn den Beschädigungen, die durch den Lastkraftwagenverkehr eintreten, auszusetzen.
Meine Damen und Herren! Die Verantwortung für
die Freigabe der Avus als Rennstrecke ist doch so groß,
daß der Magistrat gar nicht anders kann, als zuvor die
Sachverständigen zu hören, die die Frage, wie eine
Rennbahn aussehen muß, und wie die Oberfläche der
Rennstrecke beschaffen sein muß, wirklich beurteilen
können, und auf diese Sachverständigen-Gutachten, die
ich gern auch Ihnen persönlich zur Verfügung stelle,
Herr Stadtverordneter Neumann, müssen wir uns doch
stützen. Man kann sich ja nicht durch die an sich
begreifliche Sportbegeisterung mancher Kreise dazu
verleiten lassen, Rennen zu veranstalten auf einer
Strecke, die sich in einem Zustand befindet, der für das
Leben und die Sicherheit derer, die über diese Strecke
hinfahren, eine Gefahr bildet.
Die Avus ist der einzige Zubringer, der auf planfreier
Straße in das bebaute Stadtgebiet von Berlin hereinführt, und schon bei der heutigen Dichte des Autoverkehrs, erst recht aber bei der zu erwartenden erheblichen Steigerung gerade auch des Lastkraftwagenverkehrs kann auf diesen Zubringer nicht mehr verzichtet
werden. Eine Umleitung über die Reichsstraße 1 ist
ausgeschlossen, da dann in der Schloßstraße unerträgliche Verkehrsverhältnisse entstehen würden.
Und nun noch kurz zu der finanziellen Seite. Die
Wiederherstellung der Avus als Rennstrecke wird nach
den Schätzungen der Sachverständigen 350 000 bis
370 000 DM kosten. Wenn man Herrn Neubauer, dem
Rennleiter von Daimler-Benz folgen wollte, dann müßte
auch noch die Südkurve wiederhergestellt werden, und
die Kosten, die dafür aufgebracht werden müßten,
kämen zu dem Betrag von 370 000 DM noch hinzu. Ich
nehme an, daß sie nicht viel geringer sein würden. Dazu
kämen dann noch die Kosten für die Verbesserung der
Nordschleife. Es hat sich bisher leider noch niemand
bereit gefunden, dieses Geld zur Verfügung zu stellen.
Der Magistrat lehnt es jedenfalls ab, dreiviertel oder
womöglich eine ganze Million dafür aufzuwenden, um
eine Rennstrecke zu schaffen, durch deren Anlage die
Verkehrswirtschaft auf das schwerste geschädigt würde,
nur um einmal im Jahre ein Rennen abhalten zu
können, und zwar ein Rennen, über dessen Sportwert
und über dessen wirtschaftliche Einträglichkeit die Ansichten der Sachverständigen zum mindesten sehr auseinandergehen .
Es ist auch kaum anzunehmen, daß die Bundesrepublik und die westdeutschen Länder, auf deren
finanzielle Hilfe wir angewiesen sind, für eine derartige
Ausgabe auch nur das geringste Verständnis aufbringen
würden.

Vorsteher Suhr: Meine Damen und Herren! Es ist der
Antrag gestellt worden, die Aussprache über die Erklärung des Magistrats zu eröffnen. Das Wort hat der
Herr Stadtverordnete Peschke.
Stadtv. Peschke (FDP): Meine Damen und Herren!
Bevor ich auf den Inhalt unserer Dringlichkeitsanfrage
und auf die Äußerungen von Herrn Stadtrat Dr. Hausmann eingehe, möchte ich richtigstellen, daß die Freie
Demokratische Partei diese Dringlichkeitsanfrage vorher sämtlichen Fraktionen zur Kenntnis gegeben hat.
Wir bedauern deshalb, vorhin gehört zu haben, daß das
nicht geschehen sei.
Die Ausführungen von Herrn Stadtrat Dr. Hausmann
haben eigentlich das Gegenteil dessen bewirkt, was die
Dringlichkeitsanfrage herbeiführen sollte, nämlich eine
Klärung der in der öffentlichkeit und in den Zeitungen
diskutierten Probleme. Es wird immer gesprochen
von Fachexperten, von Fachkreisen, von Fachvereinigungen. Es ist aber nicht gesagt worden, wie
diese Fachexperten in ihrer Struktur
aussehen,
ob es nun eine Einzelperson als Fachexperte aus dem
ADAC, dem AVD und dergleichen gewesen ist, oder
ob nun tatsächlich die Gesamtvereinigung oder die Gesamtzahl der Fachexperten das Gleiche sagen. Denn
soweit mir bekannt ist, und soweit aus den Mitteilungen
der Klubs ersichtlich ist, vertritt der ADAC München
in dieser Frage eine andere Auffassung als der ADAC
Berlin, so daß es durchaus berechtigt ist, was auch aus
den Ausführungen von Herrn Dr. Hausmann herausklang, zu sagen, daß hier gar nicht so sehr das Problem
Avus oder nicht Avus im Vordergrund steht, sondern
die Vermeidung der Möglichkeit einer Rennstrecke in
Berlin zugunsten der Erstellung anderer Strecken in
Westdeutschland, also gewissermaßen die Ausschaltung
einer möglichen Konkurrenz. Dies ist natürlich unter
allen Umständen schädlich.
Ich weiß nun nicht — auch das ist nicht klar zum
Ausdruck gebracht worden —, wieso eigentlich die Avus
bei Nichtbenutzung als Rennstrecke für sämtlichen
anderen Verkehr gesperrt werden muß. Fachexperten,
die ich gehört habe, erklärten, daß es durchaus angängig sei, die Rennstrecke nur zu den Zeiten und für
die Stunden zu sperren, wo die Vorbereitungen für ein
Rennen getroffen werden, oder für die Stunden, wo
wirklich das Rennen gefahren wird, im übrigen könnte
die gesamte Strecke ruhig dem allgemeinen Verkehr
zur Verfügung stehen.
Wenn nun hier schon der Autohof als solcher strittig
ist, so ist nicht einzusehen, weshalb man ein ungelöstes
Problem durch dieses Projekt lösen will. Denn es kam
nicht zum Ausdruck, daß die Avus, auch wenn sie bei
dem augenblicklichen Nichtvorhandensein von Geldmitteln nicht als Rennstrecke gebraucht werden kann,
nun nicht vielleicht in Zukunft als solche gebraucht
werden könnte. Ich erinnere an 1946 oder 47, wo selbst
in Zehlendorf-Wannsee die normale Verkehrsstrecke dazu benutzt wurde, um Motorradrennen abzuhalten. Es
ist klar, daß wir überschwere Wagen nicht auf der
Avus sehen werden. Aber der heutige Motorsport, auch
auf dem Nürburg-Ring und auf anderen nationalen und
internationalen Strecken, hat ja allgemein seine Bedeutung für Gebrauchswagen, kleinere Wagen, Motorräder und was sonst noch an entsprechenden Fahrzeugen der Automobilindustrie in Frage kommt, um in
Rennwettkämpfen zu beweisen, daß diese Fahrzeuge
den höchsten Anforderungen gewachsen sind.
Weiterhin ist auch nicht klar gesagt worden, woran
es liegt, daß die bereits bestehenden Autohöfe nachweisbar nur zu 30%, allerhöchstens zu 50% ausgelastet
sind. Das soll nach Aussage von Sachverständigen
daran liegen, daß am Kontrollpunkt Dreilinden z. B.
keine Hinweisschilder vorhanden sind. Hier läge also
die Erklärung dafür, daß die bestehenden Autohöfe
noch nicht recht zum Zuge kommen. Auch die beabsichtigte Frachtbörse kann letzten Endes nicht die
Frage, ob Autohof oder Rennstrecke, beantworten.
Meine Auffassung ist jedenfalls die, daß die Gründe,
        
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