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Periodical volume Nr. 59, 12. Oktober 1950, Außerordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

652

59. Sitzung vom 12. Oktober 1950

Schwennlcke
genau so abhängt, wie umgekehrt die Existenz und die
Befreiung Ostdeutschlands von den Kraftquellen Westdeutschlands nicht zu trennen ist.
Meine Damen und Herren! Wenn wir diese Stunde
hier benutzen, um zu dieser Abstimmungskomöcüe
Stellung zu nehmen, so können wir vielleicht noch einmal eines abschließend feststellen. Das, was sich in der
Gegenwart in der sowjetisch besetzten Zone abspielt,
erinnert uns doch sehr lebhaft an die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur kurz vor dem Zusammenbruch.
Auch da überschlugen sich die kleinen und großen
Führer in Terrormaßnahmen und Brutalität. Die Lüge
feierte Orgien. Einer denunzierte den anderen. Eis
herrschten Hilflosigkeit und Kopflosigkeit, und man
bemühte sich, mit brutaler Gewalt noch eine letzte
Zeit zu retten, um damit das eigene Leben vielleicht
noch eine Weile irgendwie gestalten zu können. Es
erinnert uns doch sehr stark an diese Zeit, wenn wir
beobachten, was sich gegenwärtig in der sowjetisch
besetzten Zone abspielt. Auch dort ist eine grundlose
Hilflosigkeit und Kopflosigkeit. Auch dort spürt man,
daß die 18 Millionen Deutsche keine Kommunisten
sind, sondern die schärfsten Antikommunisten, und
daß der innere Widerstandswille aus der Verzweiflung
des Herzens heraus eine Kraft erzeugt,' die wahrscheinlich sehr bald dazu führen wird, daß es nicht gelingen
kann und nicht gelingen wird, diese Menschen noch
längere Zelt ihrer Freiheit und ihrer Lebensrechte zu
berauben.

Meine Damen und Herren! Es kann und muß unsere
Aufgabe für die Zukunft sein, hier in Berlin und von
Berlin aus in Gemeinsamkeit des Wollens den Kampf
fortzuführen, weil wir nun .einmal hier auf diesen
Posten und in diese Verantwortung' gestellt sind, die
letztlich dahin mündet, Kraftfeld zu sein für einen
großen Teil deutscher Menschen. Wir müssen diese
Aufgabe so verantwortungsbewußt und so ernst weiterführen, daß wir mit zum Bannerträger in dem Freiheitskampfe Deutschlands werden, daß wir in Gemeinsamkeit mit den Menschen Westdeutschlands und mit
der Unterstützung derjenigen, die heute in Knechtschaft und Brutalität leben müssen, den Tag herbeiführen, für den das Abstimmungsergebnis des Ostsektors als Meilenstein auf dem Wege zu werten ist,
daß wir den Tag herbeiführen, an dem über einem
einigen, freien Deutschland die Fahne Deutschlands
weht, an dem wir uns wieder sagen können: nun sind
wir frei von Qualen, nun sind wir frei von Drangsalierung, nun können wir uns unser Leben wieder in demokratischer Ordnung so gestalten, das es sich lohnt, in
einem einigen Vaterland zu leben.
(Lebhafter Beifall.)
Vorsteher Suhr: Die Außerordentliche Sitzung der
Stadtverordneten von Berlin ist damit geschlossen.
Die Mitglieder des Hauptausschusses bitte ich, nach
Zimmer 136 zu kommen.
(Schluß der Siteung 12 Uhr 43 Minuten.)

Druck: BBA (Verwaltungsdruckerei), Berlin SO 36, Waldemarstr. 24
        
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