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Periodical volume Nr. 59, 12. Oktober 1950, Außerordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

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59. Sitzung vom 12. Oktober 1950

Neumann
In der demokratischen Welt, denkt immer an die freiheitliebenden Menschen hinter dem eisernen Vorhang!
Ich möchte zum Schluß einen Dank an die sagen,
die in der letzten Woche in so tapferer Weise ein Bekenntnis zur Demokratie und zur Freiheit abgelegt
haben. Eure Tat, ihr Männer und Frauen im Ostsektor,
ist eine neue Hoffnung für die 18 Millionen der Zone.
Eure Tat vergessen wir nicht, sondern wir wollen hier
im Westen Berlins auch weiter alles tun, um so schnell
wie nur möglich wieder mit euch vereint zu sein. Aber
all unser Tun, alle unsere Arbeit gilt darüber hinaus
der einen Aufgabe: Baustein auf Baustein zu setzen, um
unser aller Ziel zu erreichen — ein einiges, ein freies,
also ein demokratisches Deutschland!
(Lebhafter Beifall.)
Vorsteher Suhr: Meine Damen und Herren! Bevor ich
dem nächsten Redner das Wort gebe, habe ich die
Ehre, Herrn Bundesvizekanzler Dr. B l ü c h e r zu begrüßen.
(Lebhafter Beifall.)
Herr Bundesvizekanzler, wir freuen uns über Ihre häufigen Besuche in Berlin. Wir sehen darin ein Zeichen
Ihrer Anhänglichkeit an diese Stadt, und wir danken
Ihnen für die Gelegenheit, die Sie uns mit Ihrem heutigen Besuch geben, unsere Verbundenheit mit der
Bundesrepublik zum Ausdruck zu bringen. Ich möchte
Ihnen, Ihrem Ministerium, aber auch dem Kabinett,
noch besonders danken für die Hilfe bei der Durchführung der Industrieausstellung, die ja ihre große Anziehungskraft auf den Osten ausgeübt hat, und ich
glaube im Zusammenhang mit unserem Thema heute
hier sagen zu dürfen: Jeder Besucher der Ausstellung
aus dem Osten hat im Grunde genommen auch seine
Stimme für den Westen abgegeben.
(Lebhafte Zustimmung.)
Ich danke Ihnen.
Das Wort hat der Herr Stadtverordnete Dr. Schreiber.

verständlich —, daß die Menschen, .die so dicht beieinander wohnen, im Ostsektor Berlins und in der
sowjetisch besetzten Zone, beide unter dem gleichen
Terror, beide unter den gleichen Schwierigkeiten, von
einer gleichen Gesinnung erfüllt sind und von einer
gleichen Auffassung von Recht und Freiheit, die sie
ersehnen. Wenn die Machthaber des sowjetisch besetzten Raumes den Mut hätten, dem Volke Gelegenheit zu geben, sich über seine wahre Meinung auszusprechen, so darf die Welt keinen Augenblick im
Zweifel sein, daß diese Meinung einig ist, einhellig
darauf gerichtet ist, wieder in Freiheit und Recht leben
zu können. Das hat unsere Volksabstimmung im Ostsektor bestätigt, und das ist die große Bedeutung, die
ihr zukommt.
Man versucht im sowjetisch besetzten Raum, durch
Täuschung der Wähler sich davor zu schützen, daß ein
wirklich echtes Bekenntnis von den Auffassungen der
Menschen zum Ausdruck kommt. Man scheut sich
nicht, zu behaupten, daß die Abstimmung am 15. Oktober ein Bekenntnis zum Frieden wäre, und daß deswegen jeder anständige Mensch ein solches Bekenntnis
abgeben müßte. Selbstverständlich sind alle anständigen
Menschen an dem Wunsche einig, daß endlich Frieden
wird in der Welt. Aber die Welt weiß auch, daß in der
neueren Geschichte es immer die totalitären Mächte
waren, die den Frieden gebrochen haben: erst der Faschismus Italiens gegenüber Abessinien und Albanien,
später der Nationalsozialismus in Deutschland gegenüber Polen und anderen Ländern, aber genau so der
Kommunismus, der damals vereint mit dem Nationalsozialismus Hitlers den Frieden Polen gegenüber gebrochen hat, der das tapfere finnische Volk überfallen
hat, der Litauen, Lettland und wie die Völker am Rande
Deutschlands alle heißen, überfallen hat, um sie seiner
Macht und Herrschaft zu unterwerfen. So kann man
sagen: Es gehört zum Wesen der Demokratie, friedliebend zu sein, aber es scheint so, daß für den Kommunismus mindestens der Bürgerkrieg eine liebe Gewohnheit ist, von der er sich nicht trennen kann. Das
haben wir jetzt wieder in Korea gesehen.

Stadtv. Dr. Schreiber (CDU): Meine sehr geehrten
Damen und Herren! Diese glückliche Stunde, in der
wir hier vereint sind, kann mich nicht veranlassen,
irgendwelche parteipolitischen Bemerkungen zu machen.
Diese Stunde ist nur dazu da, daß wir den Männern
und Frauen im Ostsektor aufrichtig und herzlich dafür
danken, daß sie unserem Aufruf in echt demokratischer
Weise und in einer politischen Haltung gefolgt sind,
die in der Welt beachtet werden wird. Wenn wir erlebt haben, daß trotz aller Schwierigkeiten die Ostberliner in einem solchen Ausmaß sich zu Freiheit und
Demokratie bekannt haben, dann können wir wohl
einen historischen Spruch in bezug auf unsere Freunde
in Ostberlin abwandeln: Die Demokratie rief, und alle,
alle kamen.
(Beifall bei der CDU.)
Das scheint mir der Sinn und die Bedeutung dieser
Volksabstimmung zu sein, die wir in der letzten
Woche vollzogen haben.
Diese Volksabstimmung hat ihre ganz große Bedeutung für die Abstimmungskomödie, die sich am
15. dieses Monats in der sowjetisch beherrschten Zone
vollziehen wird. Unsere Aufgabe hier in Berlin, der
Dienst, den wir den tapferen Männern und Frauen in
der Zone erweisen können, ist der, dafür zu sorgen,
daß man überall erkennt, daß das, was am 15. Oktober
als sogenannte Wahl, als Volksabstimmung öffentlich
in Erscheinung tritt, nicht den wahren Willen der
Menschen wiedergibt, wie er sich jetzt im Ostsektor
Berlins gezeigt hat, sondern daß die Menschen in dem
sowjetisch besetzten Raum, wenn sie das Glück der
Freiheit genießen würden, genau so gegen Macht und
Terror protestieren würden, wie das unsere Freunde in
Ostberlin getan haben.

Ich glaube, man kann niemand in der Welt darüber
täuschen, wo die Kräfte des Friedens sind und wo diejenigen der Aggression. Mit dieser geheuchelten Friedensliebe werden die Kommunisten keinen Erfolg
haben. Je schärfer die Drohungen und je schlimmer
der Druck ist, der auf der Bevölkerung in der sowjetisch besetzten Zone liegt, um so mehr entlarvt sich
das verächtliche System des Despotismus, das' der
Kommunismus vertritt. Auch hier bewährt sich, wie
ich fest überzeugt bin, das Wort: Das ist ein Teil von
jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute
schafft. Wir sind sicher, daß die erbärmliche Abstimmungskomödie den inneren Widerstand der Bevölkerung der sowjetischen Zone nicht etwa brechen, sondern nur verstärken kann. Die Sklavenhalter in Mitteldeutschland können die Menschen zwar ihres Gutes
und ihrer Freiheit berauben, ihre Herzen aber werden
sie niemals brechen.
Die Geschichte lehrt, meine Damen und Herren, daß
Gewalt und Unrecht schließlich doch immer vergänglich sind und daß sie an ihrer eigenen Schande zugrunde gehen. Stalin hat, als die russischen Heere
Deutschland überfluteten, bekanntlich das Wort gesprochen: Die Hitler kommen und gehen, das deutsche
Volk aber wird ewig bestehen. Das ist ein Reim, zu dem
auch wir uns bekennen können. Hoffentlich aber übersieht der Diktator im Kreml nicht, daß auch seine
Herrschaft in deutschen Landen vergänglich ist. Auch
Männer wie Pieck, Grotewohl und alle die anderen, die
jetzt die Bevölkerung in Mitteldeutschland knechten
und drangsalieren, kommen und gehen, aber die Freiheit und das Recht auch der mitteldeutschen Bevölkerung werden ewig bestehen.

Meine verehrten Anwesenden!
Es besteht kein
Zweifel — ich glaube, darin sind wir wohl hier in
Westberlin alle einig, und auch in Ostberlin selbst-

Meine verehrten Anwesenden! Wir sind felsenfest
überzeugt, daß der Tag kommen wird, und zwar bald
kommen wird, da auch diesem Voik im mitteldeutschen
        
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