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Periodical volume Nr. 56, 1. Oktober 1950, Außerordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

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56. Sitzung vom 1. Oktober J 950

Reuter
für die zu leben sich allein lohnt, ist das Entscheidende.
Vorsteher Suhr: Herr Bundespräsident! Darf ich Sie
Wichtiger noch als die Paragraphen dieser Verfassung, bitten, das Wort zu nehmen.
der wir Treue schwören, für die wir einstehen werden,
Bundespräsident Professor Dr. Heuß: Geehrte Festdie wir mit unserem Leben verteidigen werden, ist die
innere Wandlung, die sich unaufhaltsam in uns allen versammlung! Meine Damen und Herren! Wenn der
und in unserem ganzen Volke vollzieht. Diese Wand- Bundespräsident Ihnen die Grüße der Bundesregierung
lung besteht darin, daß das hohe Gut der Freiheit in übermittelt, so darf er auch gleich den Bundestag und
seiner wahren entscheidenden Bedeutung erkannt wird. Bundesrat mit einschließen. Aber er geht weiter und
Diese Wandlung besteht darin, daß der lebendig frei- überbringt Ihnen — das darf ich, glaube ich, ohne
heitliche Geist unserer Bevölkerung immer mehr in allen Volksbefragung sagen — die Grüße und Wünsche des
Einzelheiten an dem Geschick Berlins, aber nicht nur breiten Volkes der Bundesrepublik Deutschland, und er
an dem Geschick Berlins, Anteil nimmt. Der Tag, an ist stolz und dankbar dafür, in diesem Augenblick auch
dem dieses Berlin den Lohn seiner Mühen erhalten wird, als Bürger dieser Stadt zu Ihnen sprechen zu können.
der Tag, an dem die durch die augenblicklichen ZeitAls ich vor elf Monaten hier war, da ist die Beziehung
verhältnisse vorübergehend bedingte Suspendierung der neu geknüpft worden. Wenn wir zurückdenken, so
Abs. 2 und 3 des Artikels 1 unserer Verfassung auf- müssen wir dies mit einem peinlichen Gefühl: daß
gehoben werden wird, dieser Tag wird die Wende unsere Hoffnungen sich nicht erfüllt, daß die formalunserer ganzen Geschichte und auch die Wende der staatsrechtlichen Beziehungen zwischen der Bundeseuropäischen Entwicklung einleiten. Wir sehen ihm mit republik Deutschland und Berlin sich sachlich nicht geder festen Zuversicht entgegen, die uns niemals ver- ändert haben. Aber wir glauben zu spüren, daß die
lassen hat. Wir werden für diesen Tag arbeiten mit der Dynamik der politischen Entwicklung sehr viel stärker
Entschlossenheit von Frauen und Männern, die genau gewesen ist als umgeänderte Paragraphenreihen eines
wissen, daß sie verpflichtet sind, ihren Anteil dazu bei- juristischen Schwebezustandes. Im Rechtssinne ist Berzutragen, daß ein endgültiger und gerechter Friede für lin noch nicht das zwölfte Land; in Wirklichkeit ist es
unsere gequälte Welt kommt. Es wird der Tag sein, an das zwölfte Land.
dem wir mit unseren Brüdern jenseits des Branden(Starker Beifall.)
burger Tores vereint sind, denen heute, wie immer bei
Daß
es
Schwierigkeiten,
Mißverständnisse, Zähigkeiall unserem Handeln, unser Gruß und unser Gedenken
ten im Abwarten und Abhandeln zwischen Berlin und
gilt.
der Bundesrepublik Deutschland in diesem Jahre gege(Bravo!)
ben hat, das ist kein Geheimnis. Das gehört zum politiUnd wenn erst Berlin, wieder vereint, als ein Land der schen Betrieb auch in anderen Zusammenhängen. Aber
Bundesrepublik Deutschland arbeiten kann, dann wird es liegt an uns allen, ob wir dieses „Als ob" des Einsauch der Vorhang zwischen uns und der Sowjetzone seins klar und bewußt in allen unseren Entscheidungen
fallen, dann werden unsere alten großen Städte, dann praktizieren. Wenn das der Fall ist, dann ist meine
werden die Vororte unserer Kultur in einem einheitlichen Anwesenheit in dieser Stunde und in diesem Raum kein
Deutschland vereinigt sein, und auch jenseits einer von freundschaftlicher Besuch von draußen, sondern ist eine
Usurpatoren als endgültig angekündigten Oder-Neiße- selbstverständliche Bestätigung des Von-Innetn-DazuLinie wird der Friede einziehen und werden die Vergehörans.
triebenen in ihre Heimat zurückkehren können.
(Beifall.)
Niemals wollen wir Berliner, auch nicht an diesem
Die Dynamik dieser politischen Entwicklung ist von
für uns so festlichen und bedeutungsvollen Tage, nur zwei Kräften gespeist: von der Wärme des Herzens und
als Berliner denken. In unserer Stadt schlägt das Herz von der Einsicht des Verstandes, daß deutsches Schickunseres Vaterlandes und schlägt ein gutes europäisches sal, daß europäisches Schicksal im Schicksale dieser
Herz. Auf dem langen Wege, den wir zurückzulegen Stadt gestaltet und verwaltet wird. Es mag manche
haben, ist dieser Tag ein bedeutungsvoller Schritt. An
geben — wir haben solche Stimmen gehört —, die
seinem Ende kann nur das Ziel stehen, das wir unvermeinen, die Zonengrenzen, die erfunden wurden, überrückbar anstreben, ein einheitliches Deutschland in
bewerten zu dürfen, die Resignation oder Feigheit als
einem innerlich freigewordenen und wirklich geeinten
„Realismus" ansehen. Die geschichtliche Energie dieser
Europa!
Stadt ist so, daß sie niemals an den Rand des GeIhre Anwesenheit, Herr Bundespräsident, die An- schehens gedrückt werden könnte. Sie ist zumal im
wesenheit der Herren Bundesminister, der Herren Ab- Geistigen —• und wird so begriffen — immer ein Transgeordneten des Bundestages, des Führers der Opposition formator jener Kräfte, denen das einfache Wort der
und die Gegenwart der Herren Berliner Kommandanten
Freiheit noch oder wieder ein Wert ist. Berlin bleibt,
ist ein Beweis dafür, wie hier in Berlin das Zusammenwie immer knapp oder weit die Kilometer zu den künstwirken aller Deutschen und der alliierten Kräfte zur
lich gezogenen Grenzen addiert werden mögen, eine zenTatsache geworden ist und fruchtbar wirkt. Die Hilfe,
trale Figur, eine Mitte der Kraft und des Willens, auch
die wir von der Bundesrepublik und von den Alliierten
wenn man Berlin heute einen „Vorposten" nennt. Ich
in steigendem Maße erhalten haben, hat uns die Kraft
habe das Wort nicht sehr gern; denn Berlin ist immer
gegeben, auszuhalten, und sie wird uns weiter stützen,
Mitte
aus seiner Art heraus.
bis das Ziel erreicht worden ist. An dem Tage wird die
Berlin
hat sich heute eine endgültige Verfassung geneue Verfassung ohne Einschränkung in ganz Berlin
gelten, und an diesem Tage wird die Flagge eines freien schaffen, und diese Weihestunde ist ein würdiger Anund geeinten Deutschlands über dem Brandenburger Tor laß, diesen Einschnitt seiner Geschichte herauszuheben.
Die Rechtsformen des öffentlichen Lebens und der Verwehen!
waltung
sind nun neu gefügt. Sie werden bestehen, sie
(Lebhafter Beifall.)
        
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