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Periodical volume Nr. 55, 28. September 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

576

55. Sitzung vom 28. September 1950

Stadtv. Dr. Tiburtius (CDU): Der Herr Vorsteher
hat versucht, eine Art Debattelenkung sinnvoll geltend
zu machen, und mir das Reden ein wenig ausreden
wollen. Aber ich möchte doch ein paar Dinge sagen.
(Zuruf von der SPD.)
— Sie werden das nachher noch einmal beurteilen.
Meine Damen und Herren! Wir stehen alle sicherlich
mit größter innerlicher Beteiligung vor diesem Gesetzentwurf und denken daran, daß die Frage der Ausbildung junger Menschen sowohl in der besonderen
Form des Lehrlings als auch des sogenannten Anlernlings — der Gesetzentwurf spricht von Ausbildungsnehmer, ein neuer Begriff — sehr mannigfache Wandlungen durchgemacht hat. Wir müssen zunächst eines
feststellen. Es bestand in dieser Frage bei den Vorbereitungen vor 1933 eine starke Dominante der wirtschaftlichen Gesichtspunkte. Der sehr vortreffliche
Gesetzentwurf von dem damaligen Vortragenden Rat im
Handelsministerium Geheimrat Kühne ist sicherlich
vielen Kollegen noch bekannt. Er ist leider nicht
Wirklichkeit geworden infolge von sich durchkreuzenden
Zuständigkeiten. Wir haben ein wenig den Eindruck,
daß der jetzige Entwurf allzu wenig durch Gesichtspunkte der Volksbildung beherrscht und gestaltet wird.
Bei aller Würdigung der Tatsache, daß die Frage der
Ausbildung des Nachwuchses junger Menschen in verschiedenartigen Formen eine sehr starke sozialpolitische
Bedeutung hat, daß es ganz gewiß ein dringendes und
unverkennbares Anliegen auch der Gewerkschaften Ist,
über die Bedingungen mitzubestimmen, unter denen
der Nachwuchs, also auch vielleicht die Konkurrenten
von übermorgen, in den Beruf hineinwachsen, möchten
wir hier doch dem pädagogischen Gedanken der Erziehung etwas stärker Ausdruck verliehen sehen auch
in der Anerkennung der Abteilung Volksbildung und
ihrer Organe als Mitbestimmungsberechtigte bei Ausführung des Gesetzes. Das ist hier ganz beiseite gelassen; der Akzent und der Betätigungsspielraum liegen
rein bei der Abteilung Arbeit. Das scheint uns in dieser
Einseitigkeit unrichtig zu sein. Ganz gewiß Zusammenarbeit, aber nicht in der Einseitigkeit, wie das Gesetz
der Abteilung Arbeit hier das Schwergewicht gibt!
Zweitens sind wir nicht der Meinung, daß es glücklich
ist, in diesem Gesetz neben den Fragen der Lehrlingsbildung und des Anlernens für sogenannte Anlernberufe auch noch das große Gesamtproblem der Jugendarbeitsverhältnisse gleichzeitig zu ordnen. Diese Verhältnisse verlangen ihre besondere gesetzgeberische
Berücksichtigung hinsichtlich Arbeitszeit, Pausenregelung, Urlaubsregelung, Sicherstellung der Anforderungen in bezug auf sittliche Berücksichtigung des Wesens
junger Menschen ganz gewiß in der Gewerbeordnung
und in Spezialgesetzen. Aber ich glaube, es ist eine Verunklarung des ganzen Aufgabengebietes, wenn man in
dieses Gesez zu den berufspädagogischen Zielen nun
auch noch dieses große Gebiet mit hineinbringt.
Drittens scheint es mir in der Konsequenz dieser
unserer Grundgedanken zu liegen, daß die besondere
Form der Ausbildung, die nun einmal das geordnete
Lehrverhältnis darstellt, mit dem Ziel einer, technischhandwerklich gesprochen, Gesellenprüfung, kaufmännisch: Gehilfenprüfung, als Voraussetzung für spätere
Meisterprüfung, vielleicht auch einmal für ein Prüfungswesen des Fachkaufmanns, das in der Ferne sich entwickeln könnte, mit ihren Besonderheiten in dem Gesetzentwurf doch nicht mit der nötigen Klarheit distanziert wird von all den anderen Ausbildungsverhältnissen
des Anlernlings, des Umlernlings usf. Daß das nicht
genügend unterschieden wird, kommt nach unserer Auffassung schon in den Anforderungen zum Ausdruck, die
hier an den — ja, verzeihen Sie die reaktionäre Sprachweise — Lehrherrn gestellt werden. Das Gesetz spricht
— aber ich finde nicht vorbildlich — vom Ausbildungsgeber. Man muß seine Zunge schon ziemlich anstrengen,
um mit diesem Sprachgebrauch immer den richtigen
Schritt zu halten. Das Gesetz soll ja auch den Sprachgebrauch der Allgemeinheit gut beeinflussen und nicht

künstlich machen. Also sagen wir einmal ganz eindeutig: Lehrherr. An ihn wird hier die Anforderung
gestellt, daß er fachtechnische Kenntnisse haben
m ü s s e . Berufspädagogische Anforderungen dagegen
— ich bitte die verehrten Kollegen aus dem Lehrerberuf, gerade hierauf achtgeben zu wollen — s o l l er
erfüllen, also in der abgeschwächten Form der Sollbestimmung. Ich finde, das wird nicht der Tatsache
gerecht, da das Lehrverhältnis — das eben immer ein
Lehrverhältnis ist — seinen vollen Erfolg doch nur von
einer richtigen pädagogischen Behandlung des Menschen her gewinnen kann). Dabei ist die Fachtechnik in
allen Ehren eine, sagen wir einmal, stoffliche Voraussetzung. Aber es kommt doch auf das Formen und Beeinflussen junger Menschen an. Dazu Ist der Pädagoge
auf der Welt, und wer das tun will, der muß auch
pädagogische Fähigkeiten haben. Das darf man nicht
so in einer Solllbestimmung abblassen lassen.
Wir glauben auch, daß es angebracht ist, die für den
Erfolg so wichtige Frage der Lehrzeit nicht in der hier
vorgesehenen Form zu regeln, daß es allgemein heißt:
sie soll nicht über drei Jahre hinausgehen. Es sind die
Meinungen und die Bedürfnisse unendlich verschieden.
Es gibt, wie viele Kollegen hier wissen, einzelne Beschäftigungen, in denen drei Jahre nicht ausreichen.
Ich erwähne als Beispiel den Eisenwarenhandel.
(Zuruf von der SPD: Schornsteinfeger!)
— Sehen Sie, das sind sehr verantwortliche und kitzlige
Dinge. Solche Berufe verlangen nun einmal vier Jahre.
Da sind sich Gewerkschaften und Unternehmerverbände
durchaus einig, daß das richtig ist. Ich höre auch von
neuen Tendenzen im Bäckerberuf, eine erweiterte Fachausbildung in Richtung auf den Konditorenberuf stattfinden zu lassen, die auch nicht mit drei Jahren zu Ihrem
Ziele kommt. Wir glauben daher, daß in der Lehrzeit
eine stärkere Elastizität nötig ist. Man sollte doch die
nun einmal vorhandenen wirtschaftlichen Vereinigungen
beider Teile hierüber befinden lassen. Warum denn
nicht? Das Gesetz gibt in einigen Punkten doch der
Selbstverwaltung Raum. Das Ist sehr erfreulich und
richtig. Warum nicht in einem so wichtigen Punkte
wie der Erstreckung der Lehrzeit? Das ist eine typische
klassische Aufgabe für die Verständigung zwischen
Selbstverwaltungskörperschaften. Es mag dann der
Magistrat darüber nachher das letze Wort sprechen,
aber Ich glaube, nicht allein die Abteilung Arbeit. Hier
sind doch die Wirtschaft und die Volksbildung mindestens gleichmäßig verantwortlich beteiligt und
engagiert.
Wir glauben auch, daß so schwerwiegende Dinge wie
die Errichtung öffentlicher Lehrwerkstätten einer sehr
ernsten Prüfung bedürfen, erstens: ob Lehrwerkstätte,
zweitens: welcher Typus. Was sollen die eigentlich
machen ? Was haben sie für Aufgaben ? Was haben sie
für Chancen? Was bedeuten sie an Konkurrenz für
vorhandene private Unternehmungen?
(Zuruf von der SPD: Das ist doch untersucht^
das wissen Sie doch!)
— Schön. Aber auch diese Aufgabe sollte man im einzelnen Falle, glauben wir, der Selbstverwaltung mindestens zur Vorprüfung überlassen und nicht nur aus
behördlichem Ermessen, noch dazu nur in der Abteilung
Arbeit, regeln. Das scheint mir die Zuständigkeiten
völlig durcheinander zu wirbeln und zu verkennen.
Also hier muß eine ernste Prüfung im Ausschuß
doch noch Platz greifen. Wir glauben, daß dasselbe
nötig ist bei einer Reihe anderer Fragen, für die wir
volle Sympathie haben, wie z.B. Freizeiten für junge
Menschen — ganz gewiß — zur Beteiligung am religiösen Leben, am Leben der Organisationen, der Gewerkschaften — alles ausgezeichnet, aber auch hierzu sollte
man die Selbstverwaltungskörperschaften hören.
Nun ist ja darauf aufmerksam zu machen, meine
Damen und Herren, daß auf diesem so komplexen, von
so vielen verschiedenartigen Interessen belasteten Gebiet ein Gesetz der Bundesrepublik in Vorbereitung ist.
Haben wir nun den Beruf unserer Zeit zur Gesetzgebung,
wie einmal einer sagte, darin zu empfinden, daß wir
        
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