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Periodical volume Nr. 55, 28. September 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

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55. Sitzung- vom 28. September 1950

Kunze
Wie weit die im reichlichen Maß vorhandenen Entschuldigungsgründe bei den Folgerungen berücksichtigt
werden müssen, ist nach einmütiger Ansicht des Ausschusses Sache der Exekutive. Dem Beirat der Berliner
Wasserwerke wird mit Ihrem Einverständnis das gesamte beim Sonderausschuß vorhandene Unterlagenmaterial für den auf ihn entfallenden Teil der Arbeit
zur Verfügung gestellt werden.
Der Sonderausschuß betrachtet seinen Auftrag mit
der Erstattung dieses Berichtes im wesentlichen als
beendet. Er wird aber versuchen, sich nach Ergänzung
der eingegangenen Gutachten auf Grund von Messungen
und Berechnungen ein Bild darüber zu verschaffen, ob
und inwieweit es möglich ist, daß in Zeiten eines übergroßen Bedarfs auch die letzten hochgelegenen Wohnungen Westberlins in der üblichen ausreichenden
Weise mit Wasser versorgt werden können.
Vorsteher Suhr:
neter Theis.

Das Wort hat Herr Stadtverord-

Stadtv. Theis (SPD): Meine Damen und Herren! Sie
haben eben einen ausführlichen Bericht über die Arbeiten des Sonderausschusses für die Wasserversorgung
in Neukölln erhalten. Das Problem, daß hier vor uns
aufgerollt wird, ist nicht nur ein Problem der Versorgung Berlins mit Wasser, sondern ist zunächst einmal
ein Problem der Verpflichtung der Westberliner Verwaltung, zwei Millionen Westmark an die Ostwasserwerke zahlen zu müssen. Diese Aufforderung war die
Grundlage, überhaupt über die Frage der Wasserversorgung und der Albsperrung in Westberlin zu verhandeln.
Als bei dem Amtsantritt des Herrn Dr. Hausmann, des
Leiters der Abteilung für Verkehr und Betriebe, dieses
Problem akut wurde, setzte er sich sofort mit dien Leitern der Wasserwerke West in Verbindung und stellte
folgende eindeutige Frage: Wenn eines Tages die Trennung zwischen den Wasserwerken Ost und West durchgeführt werden sollte, sind dann alle technischen Voraussetzungen geschaffen, damit wir ohne Schwierigkeiten die Absperrung vornehmen können? — "über
dieses Problem wurde nicht erst bei dem Amtsantritt
des Herrn Dr. Hausmann, sondern bereits seit dem
4. Mai 1949 diskutiert. Es liegen uns Protokolle über
die Verhandlungen vom 21. November 1949 vor, nach
denen die technische Leitung der Berliner Wasserwerke
West eindeutig feststellte, daß sie unter allen Umständen die Voraussetzungen bieten können, um die
Wasserversorgung in Westberlin sicherzustellen. In dem
Protokoll heißt es, die Wasserwerke hätten aber auch
gar kein Interesse an einer Herüberpumpung der Ostberliner Produktion in die Westberliner Wasserleitungen, weil die eigene Kapazität voll ausreiche, um
den Konsumbedarf in den Westsektoren zu decken.
Weiter steht in dem Protokoll:
Wenn die Ostwasserwerke, um die Wastwasserwerke zu schädigen, in Johannisthai Absperrungen
vornehmen sollten, so berühren uns diese nicht,
weil unser Rohrnetz durchaus ausreicht.
Meine Damen und Herren! Ich möchte besonderen
Wert auf die Feststellung legen, daß das Rohrnetz
ausreichen soll.
Wir sind in unseren Untersuchungen aber noch weiter gegangen und haben uns ein Protokoll vorlegen
lassen, das das entscheidende ist, nämlich das Protokoll vom 28. Juni 1950. In diesem Protokoll wird bereits mitgeteilt, daß die Wasserwerke Ost seit drei
Vierteljahren Absperrungen vornehmen und daß der
augenblickliche Zustand der Durchführung weiterer
Absperrungen keine besondere Veranlassung bieten
würde, irgendwie unruhig zu werden. Es heißt hier:
Es handelt »ich hierbei um die Absperrung der Zuleitung von Johannisthai. Diese Anordnungen sind
bereits seit drei Vierteljahren durchgeführt, und
eine Besonderheit ist darin nicht zu sehen.

Herr Stadtrat Hausmann hat sich auf diese Zusicherung der technischen Leitung gestützt und hat danach
seine Entscheidung getroffen, der Absperrung die Zustimmung zu geben, damit die Frage der finanziellen
Verpflichtung unter allen Umständen einmal geklärt
werden kann.
Nach diesem Protokoll vom 28. Juni hat die Leitung
der Ostwasserwerke außerdem noch einmal einen Brief
an den Herrn Magistratsdirektor Kraft gesandt, in
welchem sie eine Warnung ausspricht, daß nach ihren
Erfahrungen in Westberlin durch die Abschaltung
große Schwierigkeiten in der Wasserversorgung Neuköllns eintreten würden. Dieser Brief ist wohl den
technischen Herren der Wasserwerke West übergeben
worden, aber offenbar unibeachtet geblieben.
Herr Dr. Hausmann hat nun, nachdem die Katastrophe in Neukölln eingetreten war und wir unsererseits hier im Plenum zum ersten Male zu diesem
Problem Stellung genommen hatten, sofort einen Gutachter, und zwar den Leiter der Hamburger Wasserwerke Herrn Dr. Ing. Drobek, nach Berlin gebeten und
hat ihn hier eine Untersuchung vornehmen lassen. Dieses technische Gutachten, das hier vorliegt, kommt zu
folgendem Urteil:
Herr Steppler, der technische Direktor der Wasserwerke West, sowohl als auch Herr Kremnitz, der
Leiter des Rohrnetzes für Westberlin, haben sich
offenbar von der Tatsache täuschen lassen, daß
bereits einmal die Gebiete Frohnau, Hermsdorf
und Neukölln usw. nach Ausfallen der entsprechenden Versorgungswerke versorgt worden sind.
Diese Behauptung, daß man in Neukölln ohne weiteres
abschalten könne, denn man hätte Erfahrungen aus
dem Jahre 1943, war mit eine der wichtigsten Grundlagen, die die Herren von den Wasserwerken West immer wieder vorführten. Dazu sagt nun der Sachverständige:
Es ist wahrscheinlich nicht berücksichtigt worden,
daß bei der Umstellung der Versorgung seinerzeit
andere Voraussetzungen gegeben waren, vor allen
Dingen die Jahreszeit, die hier maßgeblich war.
Meine Herren, wir stellen fest, daß die Umstellung auf
Grund der Forderung von West-Berlin am 3. Juli
durchgeführt wurde, also in der ungünstigsten Jahreszeit, die man sich dentken kann, denn es sind zu dieser
Zeit Spitzenleistungen in der Abnahme zu verzeichnen,
zu denen man wohl Stellung nehmen kann, die man aber
von Fachleuten berücksichtigt sehen müßte.
Beim Eintritt der Katastrophe ist nun auf Grund der
Forderungen der Bezirksverwaltung Neukölln sofort
eine Notleitung gelegt worden, weil man offenbar einsehen mußte, daß das Leitungsnetz bei weitem nicht
genügte, um die Versorgung iSicherzustellen. Der Sachverständige der Technischen Universität, Herr Dr. Rachmann, der von der Leitung der Wasserwerke nun um
ein Gutachten gebeten worden ist, sagt zu der Notleitung folgendes:
Als Beispiel einer Verbindungsleitung habe ich die
Leistungsfähigkeit der neuverlegten sogenannten
Notleitung von Südstern zur Allerstraße in Neukölln berechnet. Ich komme zu dem Ergebnis, daß
drei derartige Verbindungsieltungen gelegt werden
müßten, um den Bedarf Neuköllns zu decken.
Alle diese Gutachten und Probleme, die wir sehr
eindeutig diskutiert haben, haben nun dazu geführt, daß
wir auch noch einmal Herrn Direktor Steppler und
Herrn Direktor Kremnitz zu einer sehr ausführlichen
Aussprache gebeten haben. Dabei haben wir mit Bedauern feststellen müssen, daß alle die Zusicherungen,
die die Herren der technischen Leitung vor der Katastrophe Herrn Stadtrat Hausmann als Grundlage seiner
Handlungen gegeben haben, in einem Protokoll des
Herrn Kremnitz einfach, auf gut deutsch gesagt, über
den Häufen geworfen wurden. Denn in dem Protokoll
sagt nun — nach wahrscheinlich sehr sachgemäßer
        
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