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Periodical volume Nr. 54, 4. August 1950, Außerordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

542

54. Sitzung vom 4. August 1950

Tiburtius
der Völker in Liedern" von Herder aus den fremden
Sprachen zuerst einmal den charakteristischen Ausdruck der Volksseele den jungen Kindern nahebringen,
nicht nur Statistik treiben über ihre imperialistische
Wirtschaftspolitik und die Art, wie sie sich in die Rohstoffe der Erde teilen. Das ist später wesentlich und
nötig, nicht wahr, aber zunächst ist wichtig und nötig
das unmittelbare Erleben der Volksseele gerade in der
Lyrik eines fremden Volkes.
Dann aber scheint mir doch der Moment gekommen
zu sein, in dem ich dem Kinde, für das ich leider nur
neun Jahre aufwenden kann, vom 7. bis 9. Schuljahr
zunächst einmal das Wesen einer fremden Sprache
beibringe, ihre grundlegenden Formen des Ausdrucks,
auch das Verstehen der Verflechtungen bei den Fremdworten, um in weiten Volkskreisen eine gewisse
wachsende Sicherheit im Umgehen mit Fremdworten
zu erzeugen, — nicht als ob ich diese Sicherheit für
ein ganz entscheidendes Moment hielte, aber ich
glaube, sie kann viel zur Unbefangenheit des Menschen
unter Menschen beitragen, zur inneren Klarheit, ?um
Herstören sei es völlig falscher Illusionen zu eigenen
Gunsten, sei es falscher Vorurteile zu Lasten anderer
Menschen, die teils falschen Hochmut teils Unterlegenheltsgefühile entstehen lassen, die sich oft irgendwie sozial-schädlich geltend machen können.
Dann aber kommt wieder für das 7. bis 9. Schuljahr die Phase, in der das Kind vor dem praktischen
Berufsleben gewisse Mindestkenntnisse und -beziehungen gewinnen muß, um eine Fremdsprache zu lesen,
ihren einfachen Sprachgebrauch zu verstehen und sich
ihnen selber zu bedienen, also eine Art von Mittel der
Selbstdurchsetzung durch das Lernen von Elementen
der fremden Sprache erlangen soll, während ich, wenn
ich 12 Jahre Zeit habe, im sinnvollen Aufbau der Grammatik mit aller Gründlichkeit, die hier ja möglich ist
und deswegen langfristig geplant werden kann, schon
vom 7. Schuljahre an die Voraussetzungen legen kann,
um die Kinder allmählich bis zum englischen Roman,
zum französischen Essay, also zu den charakteristischen und stärksten Ausdrucksformen der Dichtung fremder Länder vorzubereiten.
Was die alten Sprachen anlangt, so möchte ich —
leider ist Herr Stadtrat May nicht unter uns — das
eine sagen.
(Stadtrat May 'betritt den Saal.)
— Ich freue mich aufrichtig. Es war ein ungeahntes
Stichwort. Herr Stadtrat, ich möchte gerade bei dem
nicht entscheidenden, aber immerhin auch nicht unwesentlichen Thema Fremdsprachen für den wissenschaftlichen Zweig noch das eine sagen. Ich habe mich
neulich dagegen gewandt, daß man für die Kenntnis
fremder Kulturen so ganz schrankenlos das Mittel der
Übersetzung gelten lassen will. Ich weiß, es war auch
nicht so kraß gemeint, wir sind uns doch wahrscheinlich darüber einig, daß es der Sinn wissenschaftlicher
Bildung ist, die jungen Menschen an das Original heranzuführen, ihnen überhaupt den Sinn für das Wesen
eines Originals zu erwecken und zu vertiefen und auch
die geistige Reibung einzuschalten und als fruchtbar
zu erweisen, die nun einmal darin besteht, daß ich
meine eigene Sprache, wie Friedrich Nietzsche das In
einer seiner besseren Arbeiten gesagt hat, in der inneren Berührung und Verflechtung mit fremden
Sprachen bewußt erleben lerne nach vorangegangenen
Phasen geringerer Bewußtheit und daß ich außerdem
auch den dm deutschen Volk wirklich nicht übermäßig
entwickelten ästhetischen Sinn für Versformen etwa
z. B. an griechischen Hexametern entwickle. Das kann
nicht mit den Jenenser Hexametern geschehen wie
„In Jen' und Weimar gibt es Hexameter wie der",
sie sind nicht das letzte Gut dieser Art, obwohl es
natürlich schönere deutsche Hexameter gibt — ich
übertreibe bewußt —, sie bedeuten aber jedenfalls
nicht im höchsten Sinne das Wesen dieser Form der
Dichtung. Griechische Hexameter zeigen dies deutlicher und schöner.

Ich glaube, meine Damen und Herren, das sind genügend Beispiele aus Deutsch, Fremdsprache und Geschichte dafür, daß wir vom 7. Schuljahre an die
Schüler sinnvoll gliedern müssen, nicht als sich befehdende, sich hochmütig durch äußere Abzeichen bis
zur Schülermütze — zum Nutzen der Mützenfabrikanten — voneinander abhebenwollende Heerhaufen
sondern als Menschen verschiedenartiger, aber gleicher
Wertigikedt, deren Ergänzungsmöglichkeit man wohl
nirgends besser darstellen kann als im Vergleich der
bisher erwähnten Fächer mit Rechnen und Naturwissenschaften einschließlich Geographie.
Sehen Sie, meine Damen und Herren, man soll niemals das entwerten, was man selbst nicht besitzt. Ich
gedenke das auf diesem Gebiet nicht zu tun. Ich habe
leider in meinem Humanistischen Gymnasium gerade
nicht sehr gut Rechnen, ich habe ganz bestimmt nicht
gut Naturwissenschaften gelernt und weiß, was es damit auf sich hat. Ich fühle mich ohne häßliche Neidgefühle gegenüber den glücklichen Besitzern, die diese
Kenntnisse auf anderen Bildungswegen gewonnen
haben. Also neidisch bin ich hierin nicht. Wir müssen
auch von folgendem Kenntnis nehmen. Das Kind, das
nach neun Jahren ins Berufsleben hinein soll, soll nicht
nur zu einem Berufsmenschen in der Schule vorerzogen werden, es soll ja die Ansätze zur Persönlichkeit in sich pflegen, es soll ja genau so erlebens- und
genußfähig werden wie das Kind, das in 12 Jahren
diesen Gang mit anderer Vorbereitung vielleicht zur
Hochschule geht. Darum soll in allen Punkten eine
Erweiterung des Wissens auch unabhängig von späteren Berufszielen gelegt werden.
Aber die harte Notwendigkeit zwingt doch nun einmal dazu, daß mindestens im 8. und 9. Schuljahr auf
diesen Gebieten der exakten Fächer der Naturwissenschaften und ihrer Rand- und Grenzgebiete eine gewisse Vorbereitung dessen gelegt werden sollte, was
dann in der Fortbildungsschule in der Spezialisierung
Verengt und verstärkt wird. Wenn man den Kampf
Kerschensteiner contra Wilhelm von Humboldt einmal
in sich aufnimmt, so ist dies vielleicht für viele
Menschen unter uns schon durch die Namen eine genügende Symbolisierunig, also auf der einen Seite bei
Kerschensteiner der Gedanke: das Wesen der Bildung
wurzelt in der Berufszugehörigkeit und muß von hier
seinen Ausgang nehmen, und auf der andern Seite bei
Humboldt der Gedanke: das Wesen der Bildung ist
Persönlichkeitsform ohne Rücksicht auf berufliche
Sphären, aus denen die Betreffenden stammen und in
die sie hineinwollen. Wir sehen doch zwischen
diesen beiden Richtungen heute die Notwendigkeit,
daß wir vom 7. bis zum 9. Schuljahr im praktischen
Zweig der Schule ein Maß der Vorbereitung für spätere exakte Berufsanforderungen im Rechnen, auch
vielleicht in der Anwendung des Rechnens zum Zeichnen und in der Geographie geben als Vorbereitung für
spätere technologische und
naturwissenschaftliche
Ausbildung in der Berufsfortbildungsschule. Im wissenschaftlichen Zweig dagegen sehen wir doch deutlich
vor uns, daß wir jetzt in fast allen wissenschaftlichen
Disziplinen die Mathematik stärker brauchen als vor
etwa 40 Jahren. Die Volkswirtschaftslehre z. B. ist
weithin mathematisch geworden. Wir sehen dasselbe
natürlich vermehrt in allen Naturwissenschaften. Auch
die Philosophie ist zwar nicht mathematisch geworden,
aber auch sie hat starke Auseinandersetzungen mit
der Physik zu führen, wie sie sie vor 40 Jahren noch
nicht hatte.
Ich habe für den wissenschaftlichen Zweig besonders
zwei Wünsche, die ich im Bildunigsaufbau Berlins gern
verwirklicht sehen möchte. Einmal daß man auch bei
den Schülern des wissenschaftlichen Zweiges, die den
humanistischen Weg wählen, ein wirklich vollständiges
Naturbild im Sinne der heutigen Naturwissenschaften vorbereitet. Wir waren als humanistische Abiturienten früher darin mit starken weißen Feldern und
Lücken ohne die nötigen Kenntnisse ins Leben hineingeschickt worden. Hier muß viel hinzugefügt werden.
        
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