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Periodical volume Nr. 54, 4. August 1950, Außerordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

54. Sitzung- vom 4. August 1950

541

Tiburtius
wollen. Denn das war ja gerade einer der schwersten
Schäden dieses früheren Tertia-Bildungssystems, daß
dabei nicht nur viele Kinder nicht ausreichend lernten,
sondern daß sie, wenn sie mit einer unvollkommenen
Schrumpftbildung hinaus ins Leben gestoßen wurden,
dann in sich tiefe Unzufriedenheit, Ressentiments echten
Charakters und alle Elemente späterer, auch sozialer
Deklassierung trugen, wenn sie nicht zu den außerordentlichen Persönlichkeiten gehörten, die wir kennen
und die wir hochachten müssen, die die Energie und
die geistige Kraft aufbrachten, diese mangelhafte Schulbildung dann durch eigene Arbeit im Berufsiebe»- zu
ergänzen. Das sind Persönlichkeiten besonderen geistigen Ranges. Aber mit denen können wir ja nicht
rechnen, wir müssen alle Verwaltungsarbedt auf dem
Durchschnitt aufbauen und nicht auf Ausnahmeerscheinungen.
Nun, meine Damen und Herren, möchte ich einmal
versuchen, unsere Vorstellungen an einigen Beispielen
darzulegen. Die anwesenden Schulfachleute bitte ich,
hier von vornherein den Sinn verstehen zu wollen. Ich
maße mir keineswegs an, ein Fachmann des Schulunterrichts im Sinne der Einheitsschule und der anschließenden wissenschaftlichen Gymnasial schule zu
sein. Ich kann nur versuchen, Ihnen an Beispielen das
Wesentliche zu zeigen. Wir wollen uns ja verständigen
und wollen uns nicht gegenseitig totreden.
Sehen Sie: im Deutschen scheint es mir so zu liegen.
Nachdem man in der selbstverständlichen Weise in den
ersten iseohs Schuljahren die Pforten weit aufgemacht
hat, um an das Gemüt des Kindes zu rühren, und nachdem das gerade für deutsche Menschen so wesentliche
Moment auch einer gewissen Auflockerung der Empfänglichkeit für ästhetische Werte geschult ist, nicht
immer bloß Wissen vermittelt ist, sondern nachdem
man auch das Empfinden hat wachsen lassen —, nachdem das geschehen ist, sollten wir doch den Kindern,
die nach dem 9. Schuljahr unmittelbar in die Härte
des Berufslebens eintreten müssen, vom 7. bis zum
9. Schuljahr eine Bildung in einer Form zuteil werden
lassen, die ihnen hilft, andere zu verstehen und sich
selber auszudrücken, sich im Lebenskampf zu behaupten, und die ihnen eine Vorbereitung ist für das
große spätere Selbststudium, daß bei vielen nach der
Schule gerade in der Lektüre der deutschen Dichtung
eingesetzt hat.
loh denke mit größtem Respekt z. B. an den alten
Freund aus den Christlichen Gewerkschaften, an Johann
Giesberts, der den älteren Damen und Herren des Hauses wahrscheinlich ein Begriff ist, der mir erzählt hat,
wie er in das Lesen von Goethe als Bäcker hineingekommen ist. In der Zelt, in der die Brote auf der
einen Seite lagen, bis sie umzudrehen waren, hat er
sich mit Wilhelm Meister beschäftigt. Das ist ein
etwas drastisches Beispiel. Es gibt sehr viele Beispiele
ähnlicher Art, vor denen wir größte Achtung haben
müssen, weil es diesen Menschen schwerer gemacht
worden ist, den Weg zur Persönlichkeitsbildung in späteren Jahren zu finden, als uns, die wir in etwas leichterer Luft ohne eigenes Verdienst aufwachsen durften.
Gerade diesen Menschen soll man helfen.
Ich glaube daher, das literarische Erziehungsmittel
des praktischen Zweigs der Schule vom 7. bis zum
9- Schuljahr scheint insbesondere die Novelle als Kurzerzählung zu sein: Gottfried Keller, in der stilistischen
Gegenüberstellung etwa der romantische Geist Conrad
Ferdinand Meyer. Es scheint mir der Brief zu sein:
Theodor Fontanes Briefe aus London. Später kann
Friedrich Engels gelesen werden. Die Reihenfolge ist
wohl nicht ganz unbeachtlich: erst Fontane und später
vielleicht mit mehr Gewinn Friedrich Engels. Es scheint
mir weiter die Biographie zu sein. Es scheint mir der
Tatsachenbericht zu sein, jede Form der Bekundung
des Sprachgeistes, die der Empfänger, der Schüler,
unmittelbar auch in sein eigenes Leben als Mittel der
Selbstbehauptung übernehmen kann.

Man wird ihm daher nicht mit Schillerscher Gedankenlyrik kommen. Die ist dafür in der 9., 10. und 11.
Stufe etc. des wissenschaftlichen Zweiges für jemand,
der daneben philosophische Propädeutik hört, ein ausgezeichnetes Bildungsmittel, aber nicht für diesen besonderen Zweck des praktischen Schulzweiges.
Ich bin der Meinung, daß wir dem wissenschaftlichen
Zweig vom 7. Schuljahre an langsam .die Tür zur Epik,
zum deutschen Roman, zur großen deutschen Kulturdarstellung aufmachen müssen. Ich kann mich aus
meiner eigenen Schule und aus vielen anderen Beispielen entsinnen, daß wir das Drama ja auf Kosten
der Empfänglichkeit für dramatische Wirkung im
jungen Schüler viel zu sehr zerpflückt, daß wir viel
zuviel davon in den Schüler hineingepackt haben. Ich
würde also da dem Roman, der Novelle weitaus den
Vorzug geben in ihrer erzieherischen Kraft. Ich bin
der Meinung: im Drama ist eine Stelle vorhanden, bei
der sich die Schüler verschiedenster Zweige miteinander zusammenfinden können im gemeinsamen Anhören und Ansehen des Bühnenwerkes, vielleicht sogar
bis zur Ausbildung von Spielgemeinschaften zwisch^
verschiedenen Zweigen. Das ist zwar eine ernste
Zweifelsfrage. Aber ich halte sie immerhin für wesentlich, um jeden Weg zu gehen, den wir auch nach unseren Vorstellungen von der Gliederung des Schulaufbaus gehen können, um Gemeinschaft und das Finden
einer gemeinsamen Sprache im Hören und Ausdrücken
zwischen Schülern ganz verschiedener Typen miteinander zu ermöglichen.
Man sollte natürlich den Schülern des Wissenschaft- *
liehen Zweiges den Weg von Lessing zu Franz Mehring,
freilich auch von Lessing zu Jakob Burckhardt zeigen
und sollte sie die großen Dokumente der Paulskirche
lesen lassen, damit sie die deutsche Sprache auch als
Mittel zum Verständnis des Denkens deutscher MenT
sehen und ihrer Prophetien, ihrer Erkenntnisse und
ihrer Irrtümer, gerade^ auch ihrer tragisch verlaufenen
Irrtümer benutzen lernen.
Meine Damen und Herren! Wenn wir dann an die
Geschichte kommen — ich will es nur kurz machen. —,
möchte ich das eine sagen. Ist es nicht auch hier so,
daß schon vom 7. Schuljahr an eine ganz unterschiedliche Behandlung zwischen solchen Schülern nötig ist,
bei denen ich 12 Jahre Zeit habe, um sie in das
Wachsen der Völkerpersönlichkeiten, in ihre Geschichte
und Verflechtungen einzuführen, und solchen, bei denen
ich leider Gottes nur 9 Jahre Zeit habe, um diesen
Werdegang zunächst einmal zurückzulegen, um diesen
Schülern dann Hinweise für das spätere Selbststudium
zu geben, damit vielleicht auch der beruflichen, kaufmännischen oder gewerblichen Fortbildungsschule Vorarbeit zu leisten? Ich werde im Falle der nur 9 Jahre
mich wahrscheinlich darauf beschränken müssen, im
wesentlichen die charakteristischen Phasen deutscher
Geschichte aufzuzeigen und ihre Berührungen mit den
großen Systemen der römischen, der oströmischen und
der außerdeutschen großen geschichtlichen Entwicklungen in der englischen, französischen und amerikanischen Geschichte. Aber ich kann diese Geschichtssysteme nicht in ihrem eigenen Gefüge in der Gründlichkeit behandeln, wie wenn ich dazu 12 Jahre Zeit
habe. In jedem Falle, ob ich neun oder zwölf Jahre
Zeit habe, müssen wir allerdings danach streben, daß
unsere jungen Schüler lernen, die Geschichte jedes
Volkes als Ding an sich zu sehen und niemals die Geschichte des eigenen Volkes als ein Mittel für andere
Völker zu betrachten. Es sollten alle Kinder an einigen
charakteristischen Beispielen auch einmal lernen die
Entwicklung der Demokratie, ihre Chancen und die
Ursachen und Formen ihrer Gefährdung, gerade das
letztere auch im Aufzeigen des Gegensatzes zwischen
der Schweiz und Spanien zu erkennen; dies muß geschehen, aber doch mit einer ganz anderen Gabelung
des Denkens und Lernens, je nach dem Zeitraum und
den Gliederungen, die dafür zur Verfügung stehen.
Bei den Fremdsprachen scheint es mir so zu sein.
Man sollte in den sechs Jähren im Sinne der „Stimmen
        
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