Path:
Periodical volume Nr. 53, 3. August 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

490

53. Sitzung vom 3. August 1950

Fuellsack
den sollen, eine Brotpreiserhöhung nicht zu vermeiden
sein wird. Der Bundeswirtschaftsmini3ter hat in "Übereinstimmung mit dem Bundesernährungsminister zu der
gesetzlichen Regelung der Bundesinstanzen Richtlinien
dahin ausgearbeitet, daß zunächst einmal eine Preiserhöhung abgefangen wird, indem die einzelnen Wirtschafts- und Handelsspannen gesenkt werden sollen. Da
man aber eine Senkung der Handelsspannen in vollem
Umfang der Getreidepreiserhöhung der Wirtschaft nicht
ohne weiteres zumuten kann, wurde weiterhin der Vorschlag an die Länder gegeben, ein Konsumbrot herstellen zu lassen, das zu einem erträglichen Preise für
die Masse der Verbraucher erhältlich ist. Ein Ausgleich
für das sogenannte Opfer, den teilweisen Verzicht auf
die 'bisherigen Handels- und Backlohnspannen, sollte
zum Teil durch die Preisfreigabe aller anderen Backwaren und aller anderen Spezialbrotsorten erfolgen.
Wir haben in Berlin, ohne daß die Fragen in Westdeutschland endgültig geklärt waren, trotzdem mit allen
in Frage kommenden Wirtschaftskreisen vorweg eine
Klärung versucht, um nach Möglichkeit, sobald die Entscheidung der Bundesregierung vorliegt, in Berlin dieses
Verfahren mitmachen zu können. Es wurde insbesondere in der öffentlichkeit die Meinung vertreten, daß
Berlin eine Brotpreiserhöhung überhaupt nicht nötig
hätte, da ja bekanntlich in Berlin erhebliche Mengen
an Getreide lagern, die zur Bundesreserve gehören. Dazu möchte ich ganz klar sagen, daß diese Auffassung
nicht zutrifft, denn die Bestände mußten per 30. Juni
von uns nach Weisung des Bundesernährungsministeriums aufgenommen werden, um die Erhöhung der Getreidepreise im Wege der Abschöpfung bei den Mühlen
in Anspruch zu nehmen, so daß also für aus diesen
Beständen hergestelltes Mehl künftig, also vom 1. Juli
ab, die neuen Mehrpreise zur Anwendung kommen
müssen. Wir waren uns in allen Verhandlungen darüber klar, daß wir mit Rücksicht auf das bisherige
Preisniveau in Berlin und die Transportschwierigkeiten
dahin kommen müssen, daß wohl der allgemeinen Auffassung der Bundesregierung zu folgen ist, daß aber am
Markt Berlin dabei die verschiedenen sich aus der Insellage ergebenden Erhöhungen der Unkosten zum Ausdruck kommen müssen. In der ersten und zweiten
Sitzung im Juli wurde von uns in voller Übereinstimmung mit den Wirtschaftsvertretern festgelegt, daß
mit Rücksicht auf die erhebliche Bevorratung der verarbeitenden, Betriebe zunächst ein Stillhalten bei den
alten Preisen möglich sei. Wir glaubten, den Termin
für die Beibehaltung der alten Preise ungefähr auf
Mitte Juli abschätzen zu können. Es stellte sich dann
auch in einer Sitzung am 25. Juli heraus, daß, nachdem
eine neue Sitzung für Sonnabend, den 29. Juli anberaumt war, es durchaus leicht gewesen wäre, wenigstens noch die Verhandlungen am Sonnabend abzuwarten. Bedauerlicherweise — ich möchte da nicht etwa
der Innung oder der Industrie einen Vorwurf machen
— haben aber einzelne Backbetriebe, insbesondere aber
die Industrie, selbständig einen höheren Preis festgesetzt und am Freitag diese Preise verlangt,
(hört! hört!)
und zwar wurden die Preise in einem Ausmaße erhöht, wie die neuen Preise nach effektiver Berechnung
der Erhöhung des Mehlpreises von uns in Übereinstimmung mit dem Preisamt vorkalkuliert worden
sind.
Wir waren uns bei allen Verhandlungen darüber
klar, daß für die Masse der Verbraucher eine Brotpreiserhöhung in vollem Umfange untragbar ist. Ich
betone ausdrücklich, daß dieser Gesichtspunkt auch
von seiten der Wirtschaft durchaus anerkannt worden
ist und daß man bereit war, mit uns einen Weg zu
gehen, um den Brotpreis in Berlin zu halten. Durch
die Anordnungen der Bundesregierung war es aber
nicht zu vermeiden, daß auch die Mehlpreise anziehen
infolge der Erhöhung der Getreidepreise, und zwar im
Durchschnitt für Juli bis September bei Weizen um
rund 42 Mark und bei Roggen um 26 Mark die Tonne.
Wir. haben unter Berücksichtigung von Durchschnitts-

preisen und der empfohlenen Kalkulationen des Bundeswirtschaftsministers in Berlin versucht, den grundsätzlichen Gedanken der Bundesregierung der Senkung
der Handelsspannen und der Backlohnspannen gerecht
zu werden in dem Umfange, als es der Wirtschaft zugemutet werden kann. Auch der Handel mußte auf
einen Teil seiner Handelsspannen verzichten und konnte
es um so mehr, da wir wissen, daß die Handelsspannen
in der Vergangenheit vom Handel selbst zum großen
Teil nicht eingehalten worden sind.
In der Sitzung am Sonnabend wurde einmütig von
den Getreideimporteuren, den Vertretern des Getreidegroßhandels, der Mühlen, des Mehlgroßhandels, der
Bäckerinnung und der Brotindustrie festgestellt, daß
es möglich sein muß, unter Verzicht auf einen Teil der
bisherigen Spannen der einzelnen Handelszüge den alten
Brotpreis von 52 Pfennig für das Roggenfeinbrot zu
halten. Ein Einspruch der Vertreter der Brotindustrie
wurde erfreulicherweise a m Sonnabend-Nachmittag zurückgezogen, da auch in einer internen Sitzung der
Mitgliedsfirmen der Brotindustrie nachträglich dieser
Festsetzung zugestimmt worden war. Wir haben daher
am Sonnabend für das bisherige Roggenfeinbrot den
alten Preis von 52 Pfennig aufrechterhalten und festgesetzt.
Es wird nun eingewandt, daß dieses Roggenfeinbrot,
das bisher aus Roggenmehl Type 1150 und dem Weizenmehl Type 1050 hergestellt worden ist, dadurch eine
Verschlechterung erfährt, daß künftig nach Anordnung
der Bundesregierung die Weizenmehl-Type 1200 verwendet werden muß. Ich möchte feststellen, daß nach
Auffassung sämtlicher in Frage kommenden Sachverständigen durch die Verwendung der Type 1200 gegenüber 1050 weder eine Qualitätsverschlechterung noch
sonst irgendein Mangel bei dem neuen Konsumbrot
auftreten wird. Wir haben die Mühlen veranlaßt, daß
die neue Weizenmehl-Type 1200 sofort hergestellt
wird. Die Mühlen sind auch ^bereitwilligst sofort in die
Produktion eingetreten. Die ersten Mehlmengen der
neuen Type sind bereits aus Westdeutschland im Anrollen.
Um nach den Richtlinien des Bundeswirtschaftsministers einen Preisausgleich bei anderen Backwaren
zu ermöglichen, war es notwendig, alle anderen Festoder Höchstpreise für Spezialbrot und Backwaren aufzuheben. In Übereinstimmung mit dem Preisamt ist
festgelegt worden, daß neben dem Festpreis für das
Konsuimbrot und dem ebenfalls gleichgebliebenen Preis
für das Kleinbrötchen Fest- oder Höchstpreise für
Spezialforote und sonstige Backwaren, wie Kuchen,
nicht festgesetzt werden, sondern daß man versuchen
will, diese Preise sich im freien Wettbewerb des Marktes auspendeln zu lassen. Wir glauben also, daß wir
den Richtlinien des Bundeswirtschaftsministers durchaus entsprochen haben und daß insbesondere erreicht
werden konnte, den alten Brotpreis für das bisherige
Roggenfeinbrot in Berlin zu erhalten. Dabei ist es
wesentlich, zu wissen, daß der Gesamtumsatz dieses
Roggenfeinbrotes bisher bei 60 bis 70 % liegt.
Wenn gefragt wird, welche Maßnahmen der
Magistrat durchzuführen beabsichtigt, daß diese Preise
auch innegehalten werden, dann darf ich darauf hinweisen, daß wir in den letzten Tagen durch verschiedene Prüfungsorgane der Bezirksämter, des Preisamtes und des Haupternährungsamtes Marktprüfungen
durchführten. Ich darf sagen, daß seit dem Tage der
Veröffentlichung des neuen Brotpreises Abweichungen
von den festgesetzten Preisen im wesentlichen nicht
festgestellt werden konnten. Wir werden allerdings
auch künftig in all den Fällen, in denen etwa von den
Bäckern oder der Brotindustrie versucht wird, den
für das Roggenfeinbrot festgesetzten Preis von 52 Pfennig für das sogenannte bisherige Mischbrot zu nehmen,
das nur 50 Pfennig kosten darf, gegen die betreffenden
Betriebe mit aller Schärfe vorgehen. Das ist auch in
der Anordnung des Bundeswirtschaftsministers vorgesehen. Auch soll bei allen Verstößen, soweit ein Höchstoder Festpreis für Backwaren nicht festgesetzt ist, auf
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.