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Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

52. Sitzung vom 20. Juli 1950

481

Weigelt
— Diese Absicht haben wir durchaus. Meine Damen
und Herren, Sie können uns nicht etwa nachsagen, wie
Sie es draußen tun, die Schulreform wäre nicht im
Interesse unserer Kinder. Gerade das Interesse unserer
Kinder liegt uns so nahe wie Ihnen.
Und wenn Sie mit den heute wirklich abgegriffenen
Floskeln von Niveausenkung kommen oder sagen, das
ist undurchführbar — elf Hauptschulräte und die große
Masse der Schulräte erklären jedoch, dieses Gesetz ist
durchführbar, dann ist es doch eine Anmaßung, wenn
sich jemand hinstellt und das Gegenteil behauptet und
erklärt, es schadet den Seelen unserer Kinder, es senkt
das Niveau. Die Fachleute alle werden als nicht maßgeblich betrachtet, nur wenige Politiker behaupten, sie
wüßten es besser.
Meine Damen und Herren! Es geht uns wirklich um
das Niveau der Berliner Schulen und um ihr altes Ansehen. Wir werden Ihnen zeigen, daß das Berliner
Schulgesetz in dieser Durchführung durchaus zur
Niveauhebung führt. Ein einfaches Beispiel, Kollege
Landsberg hat es bereits ausgeführt: Wenn aus dem
siebenten und achten Schuljahr eine Auswahl der Begabungen erfolgt, dann ist mit der ausgewählten
Schülerzahl sicher ein höheres Niveau zu erreichen als
durch das zufällig zusammengesetzte Gremium einer
Klasse, das durch eine einfache Aufnahmeprüfung geht.
Das können Sie nicht bestreiten. Wir haben keine achtjährige Grundschule, sondern wir haben die Auswahl anstelle der Prüfung in den zweijährigen Kurs hineingelegt. Wenn Sie nun ein wenig Entgegenkommen in
demokratischem Sinne zeigten, dann würden Sie sagen,
man muß der Mehrheit zumindest das Recht geben,
ihren pädagogischen Vorschlag zu versuchen und durchzuführen, und es wird darauf ankommen, Kollege Grigolelt, ob Sie in Ihren Bezirken zeigen werden, daß
nicht durch bewußte Schwierigkeit, sondern durch ehrliche und aufbauende Arbeit versucht wird, das zu erreichen, was wir in Neukölln erreicht haben. Dort ist in
den letzten zwei Jahren bereits der Beweis erbracht
worden, daß es geht, wie der Stadtrat schon ausgeführt hat.
Meine Damen und Herren! Ich will die Debatte, die
letzten Endes nicht so sehr auf den sachlichen Inhalt
des Schulgesetzes als auf die politischen Auswirkungen
eingegangen ist, nicht allzu weit verlängern. Aber das
eine möchte ich sagen. Die letzte Debatte über das
Schulgesetz endete mit dem sehr richtigen Wort des
Oberbürgermeisters: „Wir haben heute andere Sorgen."
Diese anderen Sorgen kommen täglich in unsere
Schulstuben und besonders in die Schulämter. Sie
wissen, daß diejenigen, die ein Rückgrat haben, die ihre
demokratische Meinungsfreiheit und Überzeugung, die
ihr Freiheitsbewußtsein unter Probe stellen, unsere
Schüler und Lehrer im Osten, hilfeflehend zu uns kommen, damit sie im Westen Unterkommen finden. Dort
liegen die Sorgen, die wir heute haben: an den Osten zu
denken und an die Durchführung dieses Schulgesetzes
heranzugehen mit dem aufrichtigen Willen, eine gute,
eine bessere Schule zu bauen. Das sollte unsere Aufgabe sein. Was Sie aber machen, erinnert an die Zeit,
die wir in der Weimarer Republik erlebt haben: durch
immer wiederkehrende Anträge das demokratische Bewußtsein der öffentlichkeit allmählich zu erschüttern,
Wahlen und Wahlvorbereitungen immer wieder zu treffen und immer von neuem nur danach zu sehen, sein
Parteisüppchen zu kochen. Das ist nicht von uns daher
geredet. Denn Sie können keinen Beweis dafür erbringen, daß sich in den acht Wochen seit der letzten
Schuldebatte die Sache wesentlich geändert hat. Wir
müssen annehmen, daß es Ihnen nicht so sehr um die
Seele der Kinder, nicht so sehr um die Pädagogik geht,
sondern daß Sie tatsächlich hier nur aus Parteigründen
ständig diese Debatten herbeiführen.
!ch glaube, wir werden diesen unseren Standpunkt
durchaus bei den Wahlen vertreten können, und ich
sage «Ihnen schon jetzt, das Berliner Volk.wird uns
verstehen. Denn bei der letzten Wahl stand auch schon

das Schulgesetz zur Debatte, und die Berliner konnten
darüber abstimmen. Wir haben in diesem Wahlkampf
nicht verloren, sondern gewonnen. Ich glaube, die
Argumente, die wir heute dazu vorgebracht haben,
werden die Berliner überzeugen: die Sozialdemokratie
ist die einzige Vertreterin einer echten Schulreform.
Ihre Schulreform ist nicht ein Versuch und ein Experiment in Berlin, sondern das ist die Schulreform, die
heute in ganz Europa und darüber hinaus in der ganzen
Welt zur Debatte steht. Kern und Kurs ist nicht mehr
ein Versuch, sondern ist die pädagogische Tagesfrage.
Wir gehen in diesen Wahlkampf gerade nach der Debatte, die Sie hier entfesselt und die wir beantwortet
haben, mit dem ruhigen Gewissen, daß die Berliner
Eltern und die Berliner öffentlichkeit über dieses Schulgesetz ihr Urteil fällen sollen. Ich bin heute überzeugt,
es wird so lauten, wie wir es erwarten: wir sagen ja
zu diesem Schulgesetz.
Vorsteher Suhr: Herr Stadtverordneter Dr. Tiburtius!
Stadtv. Dr. Tiburtius (CDU): Meine Damen und Herren! Ich muß doch wirklich feststellen, daß die einzigen
Teilnehmer an der Debatte in diesem Saal, die dauernd
von Wahlreden sprechen und von politischen Absichten
derer, die das Gesetz hier behandeln und Anträge dazu stellen, die Herren von der Sozialdemokratischen
Partei sind.
(Zuruf von der.SPD: Die andern sind ja nicht da!)
— Wir sprachen sogar mehrfach in ziemlich munterer
Weise. — Ich erwarte zunächst von Ihrer ausgeprägten
Loyalität, daß Sie zugeben, daß wir nicht gekniffen
haben, wie Sie sich auszudrücken beliebten, sondern mit
allen physischen und geistigen Kräften, • die wir haben,
Ihnen hier geistig standhalten.
Das ist Numero 1. Zu Numero 2 finde ich es wirklich tragisch, daß so schweres Geschütz wie: wir hätten
den Wahlkampf eröffnet, wir hätten nur das Bestreben,
die Demokratie zu ruinieren und Mißtrauen im Volk zu
erwecken, hier aufgefahren wird gegenüber Anträgen,
wie sie hier vorliegen. Wir haben doch nur versucht,
einmal, so gut es geht, im Rahmen des Schulgesetzes
mit Ihnen zu arbeiten, indem wir nichts weiter getan
haben, als den Aufbau des im Schulgesetz vorgesehenen
Kern- und Kursunterrichts ein wenig zu bessern, wie
wir glauben, etwas besser vorzubereiten durch die
Wahlfreiheit zwischen Latein und lebenden Sprachen.
Das scheint mir doch kein Verbrechen gegen die Demokratie und gegen den Geist Ihrer Schule zu sein. Wir
möchten zweitens bestimmte Kombinationen von
Sprachen nach dem sechsten Schuljahr vorsehen. Und
dann haben wir in der Begründung gesagt: wir denken
uns ein wenig anders noch die Dauer und die Relationen untereinander zwischen Kern und Kurs. Sind das
nun so gefährliche, bösartige Argumente, daß sie eine
derartige Antwort verdient haben? Ich kann das nicht
erkennen.
Drittens möchte ich dem verehrten Herrn Kollegen
Schröter sagen: es ist doch nun wirklich ein ausgemachtes Vorbeireden und Vorbeidenken an dem, was
gerade ich mir erlaubt habe zu sagen, wenn Sie uns
vorwerfen, wir wollten alte Schulformen als Befestigung von Klassenherrschaft.
(Zuruf des Stadtv. Schröter.)
— Aber, lieber Herr Schröter, welche Klassen sollen
denn nun eigentlich nach Ihrer Meinung durch diese
unsere Anträge zum Schulgesetz verewigt werden?
Wenn man schon vom heutigen Besitzstand ausgeht,
so sieht der doch total anders aus als derjenige, von
dem man früher sagte, er sei der Kreis der Freunde des
alten humanistischen oder realistischen Gymnasiums.
Es haben sich doch die Besitzverhältnisse so vollkommen verschoben, daß ich gar nicht sehe, wie eine
Schulreform oder die Verhinderung einer solchen, wie
Sie es darstellen, irgend etwas zur Änderung der
Klassen beitragen könnte. Die Manager, die heute die
neuen Herrscher der Wirtschaft sind, kommen doch
        
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