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Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

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52. Sitzung vom 20. Juli 1950

Vorsteher Suhr; Meine Damen und Herren! Zunächst
habe ich noch einmal auf die Ausführungen von Herrn
Stadtverordneten Dumstrey zurückzukommen, ich hätte
etwas in der Rede oder in einem Zwischenruf von Herrn
Stadtverordneten Schröter übersehen, was zu beanstanden wäre. Ich darf zunächst feststellen, daß sowohl
nach Ansicht des Büros wie nach der Übersicht des
Stenographenbüros eine zu rügende Formulierung noch
nicht gefunden worden ist. Das Stenogramm liegt mir
im vollen Wortlaut noch nicht vor. Sollte es zu beanstandende Stellen enthalten, dann können Sie überzeugt
sein, daß sie auch gerügt werden.
Herr Stadtverordneter Grigoleit!
Stadtv. Grigoleit (FDP): Meine Damen und Herren!
Weil Sie so treu ausharren, möchte ich Ihnen auch
nicht die Gelegenheit vorenthalten, noch weiter etwas
über diese Dinge aus der Erfahrung heraus zu hören.
Herr Kollege Schröter hat es so dargestellt, und Herr
Stadtrat May hat es ähnlich gesagt, daß die Probleme
des Kern- und Kursunterrichts erprobt seien, auch hier
in Berlin erprobt, und daß wir es nicht nötig hätten,
noch einmal Versuchsschulen zu machen, wie wir sie
schon haben. Ich darf mir erlauben, auch einmal zu
zitieren, wie es der Kollege Schröter vorhin getan hat.
Ich habe hier das Buch des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht aus dem Jahre 1932, wo unter
dem Vorsitz des Ministers Grimme über die damals abgeschlossenen Untersuchungen in Preußen berichtet
wird, und zwar u. a. eine Untersuchung der Magdeburger Versuchsschulen über Kurs und Kern. Da führte
der Leiter dieser Berufsschulen folgendes aus:
Vorweg sei bemerkt, daß das Problem Kern- und
Kursunterricht von uns trotz ernsten Bemühens
in neun Jahren nicht gelöst worden ist. Es ist uns
Problem geblieben.
Und weiter sagt er:
Wir müssen gestehen, daß uns kein Problem so
viel Mühe bereitet, so viel Konferenzen gekostet
hat wie der Kursusunterricht.
Wohlgemerkt, meine Damen und Herren, das war an
einer wunderbar ausgestalteten, modernen Schule in
Magdeburg, in jener Stadt mit einer sozialdemokratischen Mehrheit, die in jener Zeit unseren verehrten
Herrn Oberbürgermeister hier aus unserer Berliner
Mitte, wo er Stadtrat war, abberief, und dieser Leiter
ist auch ein Angehöriger Ihrer Partei gewesen, und
das ist das Ergebnis seines neunjährigen Bemühens:
„Es ist uns Problem geblieben."
Nun stehen wir hier nach fünf Jahren größter Schulraumnot vor einem ungelösten Problem, und ich glaube,
es war eine kleine Entgleisung des Kollegen Schröter,
wenn er vorhin sagte: und nun erfinde ich die Schulraumnot. Meine Damen und Herren, die Schulraumnot
brauchte nicht erfunden zu werden, sie ist leider Gottes
eine Tatsache. Nach Berichten des Hauptschulamtes
benötigen wir noch 4000 Klassenräume, urh den einschichtigen Unterricht wieder herzustellen. Es besteht
gar kein Zweifel, daß, wenn ich eine Klasse oder auch
mehrere Klassen nun in Kurse aufteile — und niemand
denkt dabei an die Fülle, die auf diesem bunten
Ruppiner Bilderbogen von 18 Kursgruppierungen angeboten wird —, wenn ich auch nur vier oder fünf oder
sechs mache, dann brauche ich mehr Räume, dann
brauche ich sie nebeneinander, und was ich im Nebeneinander nicht habe, das muß ich in ein Nacheinander
verwandeln und müßte da, wo ich eventuell schon einen
einschichtigen Unterricht habe, nun wieder mehr
Schichten, zwei oder drei Schichten einrichten.
Darum zielte unsere Anfrage darauf ab: sollen die
neu hergestellten Räume zur Verminderung des bei den
Eltern, bei den Lehrern und den Schülern so verhaßten
Schichtunterrichts dienen? Sollen wir das Ziel „fort
mit dem Nachmittagsunterricht" auf Jahre zurückstellen, oder wollen wir unseren Kursunterricht, den
wir durchaus anstreben, nicht so auf den Kernunter-

richt abstimmen, daß Kern und Kurs in einer neuen
Klasseneinheit zusammengefaßt mit einem Raum auskommen? Das ist, wenn Sie so wollen, die Steglitzer
Lösung. Jede andere braucht mehr Räume. Hier kämen
wir bei der Abstimmung von Kern und Kurs mit einem
aus.
Wir hätten allerdings noch den dringenden Wunsch,
daß wir an den vorgesehenen Stundentafeln dieser Richtlinien eine Änderung vornehmen, und da hoffe ich auf
allgemeine Zustimmung des Hauses. Wenn nämlich in
den Stundentafeln der Kernunterricht in Deutsch auf
drei Stunden beschränkt wird, der bisher an unseren
Volksschulen in sieben Stunden gegeben wird, und
wenn Sie bedenken wollen, daß die große, breite Masse
unserer Schüler bestimmt nicht zufälligerweise als Kurs
Deutsch wählen wird, dann können wir es nicht zulassen, daß nun in Zukunft an Stelle von, sagen wir
mal, früher 50-Minuten-Stunden mal sieben — das
waren 350 Minuten — jetzt 3 mal 40 Minuten — das
ist im Schichtunterricht so üblich —, also 120 Minuten
gegeben werden. Und, meine Damen und Herren, wir
haben bis jetzt sechs Stunden Rechnen im siebenten
Schuljahr. Der Kernunterricht sieht nur drei Stunden
vor, 3 mal 40 Minuten, lumpige 120 Minuten in der
Woche. Damit dürfen wir unsere Jungen und Mädel,
die nachher auch im Handwerk, im Büro oder als Verkäuferinnen rechnen müssen, bürgerliches Rechnen
können müssen, nicht hinausgehen lassen.
Ich bitte dringend darum, diese Richtlinien wenigstens
in diesen lebensnotwendigen Dingen, die' nicht für
Humanisten, sondern wirklich für die breite Masse notwendig sind, noch einer Prüfung zu unterziehen. Es
wird sich herausstellen, daß sie in ihren Konsequenzen
nicht so durchdacht sind, wie es eigentlich sein müßte.
Vorsteher Suhr:
neter Weigelt.

Das Wort hat Herr

Stadtverord-

Stadtv. Weigelt (SPD): Meine Damen und Herren!
Eins ist aus dieser langen Debatte wohl als wesentlich
herauszuhören. Die Redner der CDU und der FDP
haben betont, daß sie auf dem Boden des Schulgesetzes
stehen, und daß sie es anders ausgelegt haben wollen.
Wir müssen schon sagen, nach dem, was wir gehört
haben, haben sie den Geist des Gesetzes nicht begriffen,
sondern sie legen ihn aus, wie es Goethe im „Faust"
sagt: sie legen das unter, was sie wünschen. Und dieser
Geist — das kennzeichnete Landsberg schon — liegt
50 Jahre hinter unserer und nicht nur unserer, sondern
der europäischen Schulreform.
(Zuruf: Vollkommen falsch!)
Ich möchte aber, um hier einmal zu sagen, weshalb
wir diese dauernden Wiederholungen, diese monatlichen
Anträge zum Schulgesetz nicht zur Beratung bringen,
wie Sie es wünschen,
(Zuruf: aha!)
dies begründen mit dem, was heute hier tief und
wesentlich über die humanistische Erziehung gesagt
wurde. Dazu wäre gut — ich habe es nur im Deutschen
gelesen, aber ich glaube, der Geist, der daraus spricht,
ist im Deutschen derselbe, der aus dem griechischen
Urtext spricht —, es wäre gut, wenn mancher von
Ihnen wieder einmal den „Kriton" lesen würde. Da wird
Sokrates, als er vor der Verurteilung steht, gefragt,
warum er denn nicht ausrückt; man hat ihm den Weg
aus dem Gefängnis hinaus gebahnt. Und Sokrates
entgegnet in diesem Moment: Zwar anerkenne ich nicht
den Spruch, der mich verurteilt, aber das Gesetz, denn
ich habe es selbst beschlossen.
Ich meine, das sollte die FDP sich besonders merken.
Sie können uns nicht dieses Gesetz durch ständige neue
Vorlagen unterminieren, sondern Sie sollten in diesem
Falle einmal wie Sokrates sagen: es ist beschlossen,
und wir haben Achtung vor dem Gesetz. Es würde nämlich sehr nützlich sein, auch der öffentlichkeit, etwas
mehr Achtung vor dem Gesetz zu haben.
(Stadtv. Grigoleit: Dann muß man es aber auch erfüllen!)
        
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