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Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

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52. Sitzung vom 20. Juli 1950

Schröter
Sie ersehen daraus, daß das Endurteil aller pädago. gischen Kreise über diese Dinge auch schon in Westdeutschland feststeht. Sie können das vielfach nachlesen. Deshalb haben wir es gar nicht nötig, das noch
zu versuchen. Das, was jetzt eingeführt wird, haben
wir bereits erprobt, und zwar nicht nur durch böse
Sozialdemokraten und
sozialdemokratische Schulreformer, sondern auch u. a. einst am Grunewald-Gymnasium. Vilmar war bestimmt kein Mann, der sich
irgendwie zur Linken zählte. Er hat mit großem Erfolg am Grunewald-Gymnasium die elastische Differenzierung durchgeführt. Ich erinnere an die Schulen
in Hamlburg, Lübeck, Dresden. Wberall sind Versuche
mit großem Erfolg gemacht worden. Das brauchen
wir nicht mehr auszuprobieren. Gestützt auf diese
Erfahrungen, haben wir diese Vorschläge gemacht, und
deshalb haben wir es nicht nötig, das jetzt wieder abzuändern und allgemeine Versuche zu machen, um die
Dinge durchzuführen.
Daß Sie aber nicht gewillt sind, das positiv zu fördern, sieht man ja daran, daß Sie plötzlich wieder die
große Raumnot entdecken, die wir alle kennen.. Wir
haben uns ja deshalb geeinigt, Kollege Grigoleit, daß
wir unter Berücksichtigung der besonders schwierigen
Verhältnisse trotzdem in einem beschränkten Umfange
zunächst einmal beginnen, um es von Jahr zu Jahr
weiter auszubauen. Das entspricht übrigens auch dem
Grundgedanken, auf den wir uns damals einigten:
organisch von unten auf, nicht alles gleich auf einmal. Ich glaube, wenn Sie die Dinge so sehen, meine
Damen und Herren, dann werden Sie sehr bald merken,
daß es Ihnen etwa gar nicht so ernst um einen Kampf
um diese Dinge auf rein fachlichem Gebiet ist, sondern
Sie glauben, politisch hier ganz bestimmte Wirkungen
damit erzielen zu können.
Wir werden auch nicht zustimmen können, daß Sie
dem neunten Schuljahr einen anderen Charakter gaben
wollen. Gerade dieses neunte Schuljahr ist das Gelenksfcück, das sich so wesentlich unterscheidet von den
anderen — darüber waren wir uns immer einig —,
gerade dieses neunte Schuljahr hat nicht nur die Form,
der Berufsfindung zu dienen, sondern der allgemeinen
Bildung im besonderen. Es hat schon bei der jetzigen
schwierigen Lage anerkennenswerte Erfolge zu verzeichnen. Deshalb werden wir nie und nimmer dem
Antrag der CDU zustimmen können, das etwa ohne
weiteres der Berufsschule einzugliedern, um dann nachher feststellen zu können: vier Jahre Berufsschule sind
zuviel, wir müssen eins streichen.
Ich habe nicht die Abicht, auf alle Einzelheiten einzugehen. Für uns genügt jetzt, daß wir klar erkannt
haben, meine Damen und Herren, auch nach der Art,
wie Sie heute Ihre Sache verteidigt haben, daß Ihre
Position weder äußerlich noch innerlich so stark ist,
wie Sie uns glauben machen wollen. Heute haben wir
den Anschauungsunterricht bekommen in dieser Stadtverordnetenversammlung, wie Sie sich zu diesem
Problem gestellt haben bziw. — die Nichtanwesenheit
Ihrer Fraktionsmitglieder zeigt es — nicht gestellt
haben. Meine Damen und Herren, die Bevölkerung
draußen wird das sehr beachten. Es wird Ihnen künftig
schwer fallen, in Versammlungen so von der großen
Sorge um das Berliner Schulwesen zu reden. Hier war
heute Gelegenheit, noch einmal dazu Stellung zu
nehmen. Sie selbst als Schulmänner wissen — und
Grigoleit hat es zugegeben —, daß das Gesetz besser
ist als sein Ruf, und auch das Berliner Schulwesen ist
heute schon besser, als manche Ihrer Freunde im
Westen verbreiten. Und weil wir das wissen, deswegen
werden wir alle Kräfte zum Wohle der Berliner Jugend
einsetzen, um dieses Schulgesetz langsam und allmählich zu seiner vollen Vollendung zu führen.
(Beifall bei der SPD.)
Vorsteher Suhr: Herr Stadtrat May!
Stadtrat May: Meine Damen und Herren! Ich kann
es Ihnen nicht ersparen, noch drei Sätze anhören zu

müssen. Ich lege Wert darauf, ein Mißverständnis
klarzustellen, das offensichtlich Herrn Grigoleit unterlaufen ist, wenn er davon sprach, daß in den Richtlinien nur die Rede davon sei, daß die Eltern zu informieren seien über den Kurs- und Kernunterricht, während sie doch nach den Ausführungsbestimmungen
bzw. nach den Richtlinien für die Elternarbeit und
nach dem Willen des Schulgesetzes mitzuwirken hätten
bei der Auswahl ihrer Kinder für die Fächer der
Kurse. Niemand bestreitet dieses Recht, mitzuwirken
bei der Auswahl. Um aber mitwirken zu können, muß
ich ja erst einmal informiert sein über den Aufbau
von Kurs und Kern und über das, was dort geplant
ist. Und diese Bestimmung in den Ausführungsbestimmungen und Richtlinien ist ein verstärkter Hinweis
darauf, daß diese Dinge eben nicht nur in den Lehrerkollegien abgehandelt werden sollen, sondern daß jeder
Schulleiter und jeder Klassenlehrer verpflichtet ist, die
Eltern zunächst zu informieren über das Wesen des
Kurs- und Kernunterrichts, damit die Eltern dann auf
Grund ihrer Sachkenntnis in der Lage sind, richtig zu
wählen und richtig zu beraten, wenn ihre Kinder
wählen. Ich lege Wert darauf, daß das hier in aller
Klarheit festgestellt wird.
(Stadtv. Grigoleit: Wann sollen sie wählen?)
Vorsteher Suhr: Herr Stadtverordneter Dumstrey!
Stadtv. Dumstrey (CDU): Meine Damen und Herren!
Ich beginne mit einer persönlichen Bemerkung. Kollege
Schröter hat vorhin einen Zuruf gemacht, den ich
leider nicht ganz verstanden habe. Aber wenn er so
geschehen ist, wie er mitgeteilt worden ist, dann mache
ich jetzt schon den Herrn Stadtverordnetenvorsteher
darauf aufmerksam, an Hand des Protokolls festzustellen, daß der Kollege Schröter — ich will sehr vornehm sein — wegen unparlamentarischer Rede hätte
gerügt werden müssen.
(Zuruf von der SPD: Was hat er denn gesagt?)
— Verlassen wir uns doch auf das Protokoll und gehen
das nächste Mal darauf ein!
(Zuruf: Das wissen Sie gar nicht!)
— Kollege Ohning, vielleicht haben Sie doch Verständnis dafür, daß man bei einer solchen Debatte die persönlichen Dinge nicht in den Vordergrund stellt. Wenn
Sie es nicht können, tut's mir leid. Ich fahre jetzt in
der sachlichen Betrachtung der Angelegenheit fort.
(Zuruf von der SPD: Wir wollen wissen,
was er gesagt hat!)
— Ja, Kollege Ohning, es ist manchmal schwer zu begreifen, dagegen kann man nichts tun.
Wir sind der Meinung, daß wir besser getan hätten,
die Debatte zu unterbrechen und zu vertagen.
(Stadtv. Neumann: Nanu!)
— Ja, Kollege Neumann, es wird Ihnen vielleicht auch
so gehen, daß man besonders wichtige Debatten zu
einer Zeit führt, wo man wirklich diese Zeit und auch
das Auditorium dazu hat.
(Zuruf von der SPD.)
Es ist sehr mangelhaft; wenn wir durchzählen würden,
würden Sie feststellen, daß es für Abstimmungen nicht
ausreichen würde.
(Unruhe und wiederholte Zurufe. —
Glocke des Vorstehers.)
Und da das ja auch vorgesehen war — denn die Gespräche im Hause gingen hin und her: die Debatte
findet nicht mehr statt, und eine halbe Stunde später
hieß es: sie findet doch statt — ist das ein Grund,
darüber betrübt zu sein und den Antrag zu stellen, die
Debatte zu vertagen.
Und nun zu der ibösen CDU, für die ich jetzt zu
sprechen habe. Es ist ja nicht so, daß wir ins Volk
gegangen sind und die Dinge ins Volk getragen haben,
um unter allen Umständen Unruhe zu stiften.
(Zurufe von der SPD.)
        
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