Path:
Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

52. Sitzung vom 20. Juli 1950

473

Swolinzky
keine Beschlüsse fassen. Wir wollen hören, was Sie
gegen das Schulgesetz in ernster Weise anzubringen
wissen.
Vorsteher Suhr: Herr' Stadtverordneter Schellin!
Stadtv. Schellin (CDU) (z. GO.): Meine Damen und
Herren! Gegen die Ausführungen des Herrn Stadtverordneten Swolinsky
(Große Unruhe. — Glocke des Vorstehers.)
Vorsteher Suhr: Ich bitte doch um Ruhe, meine Damen
und Herren!
Stadtv. Schellin (CDU) (z. GO.): Gegen die Ausführungen des Herrn Stadtverordneten Swolinsky, daß
die CDU sich der Debatte entziehen wolle und daß das
ein erbärmliches Kneifen sei, möchte ich hier mit aller
Entschiedenheit Protest einlegen. Wir haben erklärt,
daß wir der Debatte nicht ausweichen wollen, sondern
sie fortsetzen wollen — fortsetzen wollen vor einem
Hause, das voller besetzt ist und das sich in einer
frischeren Verfassung befindet, als das heute bei den
Anwesenden aus den angegebenen Gründen der Fall
sein muß. Deshalb ist es unrecht, daß ein derartiger
Vorwurf gegen die CDU erhoben wird.
(Unruhe und Zurufe bei der SPD.)
Vorsteher Suhr: Meine Damen und Herren! Der Ausdruck „kneifen" war nicht parlamentarisch; ich weise
ihn hiermit zurück.
Es liegt der Antrag des Herrn Stadtverordneten
Schellin vor, die Debatte jetzt abzubrechen und in der
nächsten Sitzung fortzusetzen. Wir kommen zur Abstimmung. Wer für den Antrag Schellin ist, den bitte
ich, das Handzeichen zu geben. —
(Stadtv. Neumann: Ich bitte auszuzählen! — Unruhe und verschiedene
Zurufe.)
Ich bitte um die Gegenprobe. — Der Antrag ist abgelehnt.
Das Wort hat der Herr Stadtverordnete Tiburtius.
Stadtv. Dr. Tiburtius (CDU): Meine Damen und
Herren! Ich möchte zunächst sagen, daß es mir fern
gelegen hat, Herrn Stadtrat May, den ich aufrichtig
hochachte, zu verhöhnen. Ich habe mir erlaubt, eine
kleine phonetische Zwischenbemerkung zu machen, die
nicht kränkend gemeint war.
Was Herrn Landsberg anlangt, so muß ich wirklich
sagen, daß ich mich bei aller Achtung vor seinen pädagogischen Fähigkeiten nicht in der Lage sehe, in Fragen
des guten Geschmacks von ihm hier Lehren zu
empfangen.
(Zuruf von der SPD: Ihre Betrachtung
zu den Ausführungen von Stadtrat
May waren schlechter Geschmack!)
— Ich habe keine Betrachtungen geäußert.
(Zuruf von der SPD: über den Geschmack kann man nicht streiten!)
Gut, dann wollen wir es doch nicht tun.
Meine Damen und Herren! Bei der Behandlung dieses
Gesetzes, glaube ich, ist es wirklich einmal nötig, sich
nach sehr viel aufgerufener Leidenschaft noch ein wenig
auf das zu besinnen, was hier vorUegt und was unser
Antrag eigentlich beinhaltet. Herr Stadtrat May hat
von den politischen, gesellschaftlichen Grundlagen der
Schule, des Schulgesetzes gesprochen. In der Tat
kommt es mir so vor, als wenn die sozialdemokratische
Vertretung des geltenden Schulgesetzes und die Gegenkritik, die sich mit unseren Abänderungsanträgen beschäftigt
(Zurufe von der SPD: Ihre Worte sind
unverständlich; bitte etwas lauter!)
— Ich sage: Im Anschluß an das, was Herr Stadtrat
May über die sozialen und politischen Grundlagen des

Schulgesetzes gesagt hat und was er von dieser Betrachtung aus gegen unseren Antrag gesagt hat, bitte
ich doch, zunächst einmal von den Fragen auszugehen,
in denen die Vertreter des geltenden Schulgesetzes und
auch unsere Fraktion als Antragsteller völlig einer
Meinung sind. Ich glaube, gerade bei der gesellschaftlichen Funktion und gesellschaftlichen Abhängigkeit
des Schulunterrichts ist es doch wohl die entscheidende
Tatsache, daß alle Beteiligten in diesem Hause und
auch außerhalb des Hauses weitgehend der Meinung
sind, es darf nun und nimmer ein Schulausbildungsweg
irgendwie die Funktion des Geldbeutels der Eltern oder
irgendwie eine Folge von Ehrgeiz und Neigung der
Eltern hinsichtlich der Karriere ihrer Kinder sein, .sondern es darf einzig und allein die Begabung maßgebend
sein. Wenn diese ganz entscheidende Voraussetzung
sich jetzt so entwickelt hat, so ist damit klar, daß wir
alles tun müssen, um diesem Aufstieg der Begabungen
und der Ausbildung der Kinder nach ihrer Begabung die
beste Förderung zuteil werden zu lassen und sich nicht
auf den alten Standpunkt zu stellen, mit dem man wirklich einmal fertig werden muß, als wäre jedes Wort,
jedes Argument, das zugunsten einer sogenannten
höheren Schule hier ausgesprochen wird," irgendwie dazu
angetan, eine bestehende Gesellschaftsordnung fortzusetzen, zu verewigen zum Nachteil der begabten Kinder
ärmerer Eltern. Wenn man überhaupt einmal wirtschaftliche Unterschiede im Start der Kinder heute in
Betracht zöge, würde man gerade in Berlin finden, daß
die Verhältnisse sich grundlegend gewandelt haben. Wer
sind dann heute noch etwa ärmere Gesellschaftsklassen ?
Beamte, die keine Pension bekommen, Flüchtlinge,
namentlich aus der sowjetischen Zone, sind zum Teil
in einer sehr viel schlechteren Lage als die Elternkreise, die sich früher mit Recht darüber beklagen
konnten, daß ihre Kinder einen schlechteren Start im
Schulaufstieg haben würden.
Nun haben wir uns bemüht, in diesen unseren Schulantrag nur Fragen hineinzunehmen, die das Wesen
des pädagogischen, des didaktischen Aufbaus betreffen,
unter Verzicht auf alle weltanschaulichen Momente,
auf alle Behandlung des Religionsunterrichts und was
damit zusammenhängt. Ich hatte gehofft, daß dieser
Entschluß, diese Begrenzung unseres Antrags hier in
diesem Hause eine sachliche Behandlung erleichtern
würde.
Wenn man sich nun drittens der Tatsache bewußt
wird, daß auch in unserem Antrag das breite Fundament einer sechsjährigen Einheitsschule absolut bejaht
wird, so sollte man doch — bitte, ich würde mich
freuen, wenn ich einmal das Ohr des Herrn Kollegen
Schröter haben dürfte — in diesem Bekenntnis zu
einem sechsjährigen
gemeinsamen Unterbau
die
Grundauffassung sehen. Wir legen Wert darauf, daß
Kinder nicht nur aller Elternkreise und Volkskreise,
sondern auch aller Begabungen und 'Berufsneigungen
lange Zeit hindurch miteinander verbunden sind, miteinander lernen, sich als Glieder einer Einheit zu
empfinden. Das scheint mir ein dritter Gedankengang
,zu sein, der eigentlich die Verständigung zwischen
gutwilligen Menschen erleichtern sollte.
Wir sind darüber hinaus auch der Meinung — unser
Antrag spricht davon, wie ich glaube, ziemlich
deutlich —, daß wir auch in dem Aufbau einer zwölfoder nach unserem Wunsch dreizehnjährigen Schule
jede mögliche Gelegenheit wahrnehmen sollten, eine
Verständigung zwischen den Schülern verschiedener
Schultypen und zwischen sich herausbildenden Unterschieden von Begabung und Neigung sowie eine verständige Form eines gemeinsamen Unterrichts zu
pflegen. Ich bin durchaus der Meinung, daß in Fragen
wie "in der Gegenwartskunde, der sogenannten Bürgerkunde selbstverständlich in allen physischen Unterrichtsfächern des Turnens, der Leibesübungen, im
Handfertigkeitsunterricht und bei vielen anderen Gelegenheiten in völliger Abkehr von dem, was früher in
der Schule üblich war, hier die Kinder der ganz verschiedenen Bildungszweige und Bildungstypen an diese
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.