Path:
Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

468

52. Sitzung vom 20. Juli 1950

May
Nehmen Sie die Schulgeldfreiheit! Die Schulgeldlichen in einer Art Vorlehre angefertigt worden sind,
freiheit
besteht in Bremen, Hamburg,
Schlesund wenn Sie wissen, daß wir heute 8000 erwerbslose
wig-Holstein, Hessen, Bayern, Württemberg-Baden;
Jugendliche in diesem Vorschulkurs der Berufsschule
in den anderen 5 Ländern besteht sie nicht.
erfassen, dann werden Sie zugeben, daß hier eine
Nehmen Sie die Lernmittelfreiheit!
Die Lerneminent wichtige Arbeit geleistet wird. Es wird hier
mittelfreiheit ist in allen Ländern eingeführt mit Auseinem wichtigen Problem zu Leibe gegangen, was nicht
nahme von Hamburg, wo sie erst ab 1950 zur Einfühübersehen wenden darf, und was mindestens ebenso
rung kommen soll. Bei uns in Berlin sind wir dabei sie
wichtig ist wie irgendeine verwaltungsmäßige Form
stufenweise durchzuführen, und ich darf mit besonderer
des Kurs- und Kernunterrichts. Nach der SchulentFreude darauf hinweisen, daß es möglich gewesen ist,
lassung wird sich die Zahl der erwerbslosen JugendIn unseren diesjährigen Etat einen Betrag von 6 Millichen noch wesentlich erhöhen, und es ist eine ernste
lionen dafür zur Verfügung zu stellen.
Sorge: was geschieht mit diesen erwerbslosen Jugendlichen, die keine Lehrstelle haben, wie können wir
Wir müssen also immer wieder von der Vorausihnen' helfen, ihren Bildungsweg fortzusetzen, wie
setzung ausgehen, daß das Schulwesen der westkönnen wir ihnen wenigstens den Anfang einer Bedeutschen Länder unterschiedlich war und unterschiedrufsausbildung sichern.
lich ist, und daß die Aufgabe nur lauten kann, innerhalb
Wenn ich in dem Zusammenhang darauf hinweise,
aller Länder eine Angleichung, eine Verbindung des
daß das neunte Schuljahr sich gerade im letzten Jahr
Schulwesens zu finden.
in zunehmender Weise sehr positiv ausgewirkt hat —
Nun bin ich allerdings der Ansicht, daß diese Form
auch hier läuft zur Zeit eine Ausstellung, die in unr
des Berliner Schulwesens, das nach dem sechsten Schulsere Arbeit Einblick gibt —; wenn ich hinweise auf
jahr diese Differenzierung vorsieht, durchaus die
den Verlauf des Schulsportfestes neulich im OlympiaAnsatzmöglichkeit bietet, zu solchen Verbindungen, zu
Stadion, wenn ich darauf hinweise, wie intensiv gesolchen Angleichungen mit den einzelnen westdeutschen
rade die Lehrerschaft selbst ebenso wie auch die
Ländern zu kommen, daß wir es aber in Berlin nicht
Schulverwaltung bemüht ist, die Fortbildung der Lehnötig haben, uns nur nach den Plänen Westdeutschrer zu fördern und damit ebenfalls dazu beizutragen,
lands zu richten. Ich bin der Ansicht — und das ist
das Niveau der Schulbildung zu heben, — so darf ich
eine Tatsache, die ich in vielen Gesprächen mit westsagen, daß in der Berliner Schule ein erkleckliches
deutschen Schulverwaltungen und Schulmännern erMaß von erfolgreicher Arbeit geleistet wird, das man
fahren habe —, daß man auch in Westdeutschland, in
nicht übersehen soll, wenn man an irgendwelchen
den westdeutschen Ländern etwas von dem Berliner
Einzelpunkten Kritik übt.
Schulwesen lernen kann und übernehmen kann.
Und ich möchte noch auf eines hinweisen. Wenn
(Sehr richtig! bei der SPD.)
heute vielleicht manche Eltern mit gewissen Bedenken
dieser neuen Form gegenüberstehen, weil sie noch keine
Selbst wenn man in Berlin sich entschließen würde,
plastische Vorstellung haben, wie sie aussieht, so möchte
etwa so wie in Bremen und Hamburg, die sechsjährige
ich hinweisen auf die ungeheure geistige Not, die heute
Grundschule einzuführen, wie es auch in dem Antrag
im Ostsektor und in der Ostzone gerade auf schulischem
der CDU lautet, dann würde ich immer dafür pläGebiet herrscht.
dieren, daß das, was wir in dem Kurs- und Kernunterricht als Besonderheit haben, und was in diesem
(Sehr wahr! bei der SPD.)
Maße Westdeutschland nicht hat, unter allen UmIch bekomme täglich — und jedem Schulrat, jedem
ständen in Berlin erhalten bleibt. Ich bin überzeugt,
Schulleiter geht es ebenso — Dutzende und Hunderte
daß das von den westdeutschen Ländern als ein Fortvon Anrufen und Briefen und Besuchen von Eltern,
schritt aufgefaßt, daß man es in seinen Erfolgen sehr
von Schülern, von ganzen Klassen und Schulen, die uns
beachten wird, und daß wir darin Nachahmer finden
von der geistigen Situation berichten, wie sie heute im
werden.
Ostsektor und in der Ostzone vorherrscht, wo ein Druck
Auf eine kurze Formel gebracht: alle 12 Länder
geistiger Art ausgeübt wird, wo der junge Mensch nur
haben gegenseitig von ihren Schuleinrichtungen und
dann durchschlüpfen kann, wenn er zum Heuchler wird.
von den Erfahrungen, die sie damit machen, zu lernen.
Diese Not, die dort herrscht, ist um ein Vielfaches
Sie können gegenseitig davon profitieren. Und daß
größer, und ich hin überzeugt, daß diesen Menschen
diese Verbindung gesucht wird und in zunehmendem
die Schulform, die wir hier bei uns in Berlin aufzuMaße sich auch herstellt, ist ja auf vielfachen Konfeweisen haben, geradezu als ein Paradies erscheint
renzen von Referenten, von Ausschüssen der Kultusgegenüber dem, was dort vor sich geht.
minister immer wieder zum Ausdruck gekommen und
Ich betone das ausdrücklich deswegen, weil man
wird auch in stärkerem Maße noch zum Ausdruck
immer wieder sagt, daß das Schulgesetz für Berlin in
kommen.
beiden Hälften Berlins gilt. Sie sehen, das Schulgesetz
Ich möchte abschließend noch folgendes sagen. Diese
allein macht noch nicht das Entscheidende aus für den
Probleme, die ich eben gestreift habe, und die augenwirklichen Charakter der Schule. Es kommt letzten
blicklich in der Diskussion immer im Vordergrund
Endes immer wieder auf den Geist an, der in dieser
stehen, veranlassen vielfach dazu, nun zu glauben, das
Schule herrscht, ob es jener Geist ist, der von dem Abiseien so ungefähr die einzigen Probleme unserer
turienten den Eintritt in die FDJ fordert, weil er sonst
Schule und darum drehe sich alles. Ich glaube, wenn nicht zugelassen wird zur Prüfung, oder ob es der Geist
man die Dinge richtig sehen und beurteilen will, dann
ist, der in freier und psychologisch unterbauter Jugendmuß man die Schule in ihrer Gesamtheit sehen mit
arbeit versucht, jedem Kinde seiner Begabung enta l l e n ihren Problemen, die zu lösen sind, und man
sprechend den Weg zu ebnen.
muß, bevor man einzelne Dinge mehr oder weniger
Die Berliner Schule ist nicht so schlecht, wie sie von
scharf oder sogar böswillig kritisiert, sich orientieren:
manchen Kritiker hingestellt wird. Sie hat Leistungen
wie sieht es denn nun wirklich in der Berliner Schule
aufzuweisen, die ihr das Recht geben, um Vertrauen
aus?
zu bitten, auch dann, wenn sie neue Wege beschreitet,
Ich bin der Ansicht, daß es neben den Problemen,
und sie wird dieses Vertrauen rechtfertigen, wenn man
die ich eben gestreift habe, eine Fülle anderer Prodieser Berliner Schule die Ruhe gibt — damit ist ja keine
bleme gibt, die mir ebenso wichtig erscheinen und —
Kirchhofsruhe gemeint —, die notwendig ist, um Erdas möchte ich für die Berliner Schule und ihre Lehrer
ziehungsarbeit in der Schule zu leisten. Es geht nicht
sagen — bei denen es auch der Schule gelungen ist,
an, daß wöchentlich und monatlich immer wieder erzu beachtlichen Erfolgen zu kommen. Wenn Sie z. B.
neut erregte Debatten in die Öffentlichkeit getragen
kürzlich die Gelegenheit wahrgenommen haben, sich in
werden. Man möge doch diese Schule arbeiten lassen,
und wir werden in einem Jahre die Möglichkeit haben,
der Landesbildstelle die Ausstellung der Lehrlingsdann auch praktisch zu zeigen, was mit dem siebenten
arbeiten anzusehen, die von den erwerbslosen Jugend-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.