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Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

52. Sitzung vom 20. Juli 1950

467

May
nur das philologische Anliegen der Humanisten zu befriedigen, nämlich Latein und Griechisch zu lernen,
sondern in einem geschlossenen Bildungplan, der das
ganze Gut der Antike enthält, auch hinter den
Sprachelementen nun auf die geistigen Werte des
Humanismus zu stoßen.
Meine Damen und Herren! Ich glaube, daß es in der
Diskussion um diese Frage auch einmal notwendig
wäre, sich darüber klar zu werden, was denn Humanismus ist. Ich habe in den letzten Jahren versucht,
aus der modernen Literatur die Stellungnahmen der
verschiedensten Philologen, Historiker und Philosophen
zu erkunden, und ich kann Ihnen ohne weiteres zwölf
bis fünfzehn der verschiedensten Definitionen dessen
auf den Tisch legen, was man unter Humanismus
versteht. Eine übereinstimmende Auffassung habe ich
jedenfalls nirgends finden können, und selbst wenn wir
uns die Formulierung zu eigen machen, die der von
mir sehr verehrte Werner Jaeger gebraucht hat, der
nun wirklich als Kronzeuge des Humanismus angesprochen werden darf — er hat Humanismus in folgender Form definiert:
Humanismus ist überall zugegen, wo die Antike
als lebendige Größe empfunden und als erzieherische Kraft gegenwärtig ist —,
so klingt das sehr schön und ist summa summarum
anzuerkennen, aber schon hier taucht die Frage auf:
was ist denn für uns Heutige der Inhalt dieser Antike ?
Die Neuhumanisten betonen ausdrücklich, daß es
eigentlich nur das griechische Element ist, das die
humanistische Bildung ausmacht. Im gleichen Atemzuge kommen andere und sagen, nein, gerade dem
deutschen Volke wird es mehr entsprechen, von den
Römern zu lernen, die als Staatsmänner, als staatsbildendes Volk uns etwas Besonderes zu sagen haben.
Es wäre weiter zu fragen: in welcher Richtung
sollen denn nun diese humanistischen Kräfte nutzbar
und dienstbar gemacht werden? Wie sollen sie entwickelt werden? Ich möchte nicht sagen, daß man
unsere Schüler heute dazu anhalten soll, den Geist der
Antike nachzuempfinden, zu kopieren. Wenn Humanismus empfunden wird als eine stets lebendige, wirksame Kraft, dann muß sie aus der Gegenwart heraus
gespeist sein. Dann muß sie den Menschen dazu befähigen, genau das zu tun, was Römer und Griechen
taten, nämlich, ausgerüstet mit dieser humanistischen
Gesinnung, mit den Werten der Schönheit, des Rechts
und der Wahrheit sich mit der heutigen Umwelt auseinanderzusetzen.
Ich möchte weiter die Frage stellen, ob das humanistische Gymnasium der bisherigen Form wirklich das
erfüllt hat, was Werner Jaeger hier fordert, ob es
wirklich diese Kräfte der Antike lebendig gemacht hat.
Wenn ich mir ein griechisches Gymnasion vor Augen
halte und mir die Abiturienten dieses griechischen
Gymnasiums ansehe und sie vergleiche mit den Abiturienten, die unsere modernen Gymnasien entlassen
haben, dann bin ich allerdings der Ansicht, daß es
n i c h t gelungen ist, den Menschen in dem Sinne zu
formen, wie es einmal aus der griechischen Geisteswelt
heraus geschehen ist. Bedenken Sie allein, welche hohe
Bedeutung die musischen Fächer, welche hohe Bedeutung die Körperbildung im Rahmen der griechischen
Erziehung genoß, und welches Aschenputteldasein
gerade dieses Gebiet in unserem Gymnasium führt.
(Stadtv. Landsberg: Sehr richtig!)
fch mache mir die Formulierung eines Altphilologen
u eigen, der sein Urteil folgendermaßen abgegeben
hat: „Es ist ja leicht einzusehen, daß unsere wissenschaftliche und schulmäßige Art, uns mit den Griechen
zu beschäftigen, nichts Griechisches ist und uns der
großen Eigenschaften dieses Volkes nicht teilhaftig
macht". Ein wesentlicher Zug der Antike, der klassischen Geisteshaltung, war ja nicht nur die persönliche
Formung des einzelnen Menschen, es war die Heranführung des Bürgers in die Gemeinschaft der Polis hinz

ein, ihn zu befähigen, im Rahmen dieser Polis auf dem
öffentlichen Forum, in den politischen Körperschaften
tätig zu sein.
Und nun muß ich hier doch eine ketzerische Meinung
zum Ausdruck bringen. Sind diejenigen unseres Volkes, die durch die humanistische Bildung unserer Gymnasien gelaufen sind, die im Geiste des Humanismus
gebildet worden sind, in so hervorragender und besonderer Weise in der Polis, in der freien Demokratie und
für die freie Demokratie eingetreten, wie es sicher von
uns allen als wünschenswert empfunden worden ist ?
Ich wage hier die Behauptung, daß in vielen Fällen
diese humanistische Bildung doch lediglich darauf beschränkt büeb, das persönliche Leben, sei es nach der
ästhetischen oder nach der philosophischen Seite hin,
zu formen, daß aber diese Auswirkung in die öffentlichkeit hinein nicht erreicht wurde, wie ja der Abiturient
des Gymnasiums zwar die Verfassung von Athen, von
Sparta und anderen griechischen Staaten kannte, wie
er aber kaum dazu geführt wurde, nun mit der gleichen
Intensität das politische und gesellschaftliche Leben
der Gegenwart zu erfassen und es vom humanistischen
Geiste aus zu durchdringen.
(Sehr wahr! bei der SPD.)
Ich glaube, wenn die humanistischen Werte diesen
ungeheuren Bildungswert haben — und ich bejahe das
—, dann dürfen sie nicht nur beschränkt bleiben auf
jene kleine Gruppe von Schülern, die durch das Medium
des Lateinischen oder Griechischen an diese Werte herankommen, dann bin ich allerdings der Überzeugung,
daß diese Werte im breitesten Maße unserer Jugend zugänglich gemacht werden müssen, und ich bin überzeugt, daß auch in dem Medium der Muttersprache diese
geistigen Werte der Antike erfaßt werden können.
(Sehr richtig! bei der SPD.)
Aus diesem Grunde, glaube ich, bedeutet das, was die
Berliner Schule will und was in ihren Bildungsplänen
ausgesprochen wird, nicht eine Beschneidung und Verdrängung des Humanismus. Wenn man eben unter
Humanismus mehr versteht als nur eine museale Angelegenheit, wenn man unter Humanismus versteht ein
inneres Aufbrechen der im Menschen wirksamen
geistigen Kraft, dann soll dies allerdings nicht nur einer
kleinen Schicht von Schülern zugute kommen, sondern
es soll in unserem gesamten Schulwesen seine Stätte
haben und soll sich dort auswirken.
Ich bin der Überzeugung, daß in der vorgesehenen
Form, sowohl das philologische Anliegen des Humanismus erfüllt werden kann, wie auch durch die Neugestaltung unserer Bildungspläne diese wichtigen Elemente in viel breiterer Form in unsere Schule einströmen werden, als das früher der Fall gewesen ist.
Bei dieser Erörterung taucht nun die weitere Frage
auf: wie verhält sich nun das Berliner Schulwesen zu
dem Schulwesen in den westdeutschen Ländern? Es
ist ja auch in diesem Hause die Forderung aufgestellt
worden, hierfür die erforderliche Verbindung zu suchen.
Ich muß immer wieder darauf hinweisen, daß es ein
Schulwesen Westdeutschlands nicht gibt, auch niemals
gegeben hat,
(sehr richtig! bei der SPD)
weder nach 1933 noch vor 1933, sondern daß es heute
so viele Schulsysteme gibt, wie es Länder in Deutschland gibt, und daß das Problem nicht lautet: wie gleicht
sich Berlin an dieses westdeutsche Schulwesen an, das
es nicht gibt, sondern: wie gleichen sich diese 12 Schulsysteme untereinander an.
Wenn ich einige Punkte herausgreifen darf: die
sechsjährige Grundschule ist in Westdeutschland
durchgeführt in Hamburg, in Bremen, in SchleswigHolstein, sie ist vorgesehen und^ wird wahrscheinlich
demnächst eingeführt in Hessen, eventuell sogar in
Bayern und in Württemberg-Baden. Das heißt, von
11 Ländern sind es 6 Länder, und von diesen 6 Ländern haben 3 diese sechsjährige Grundschule, die anderen sind dabei, sie einzuführen.
        
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