Path:
Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

52. Sitzung vom 20. Juli 1Ö50

466

May
beschäftigt, so daß also jeder Lehrer, der seine Prüfung ablegt, uns einen Zuwachs an Stunden bringt.
Dieser Zuwachs ist im kommenden Schuljahr so hoch
zu bemessen, daß er der Neueinstellung von 150 Lehrkräften gleichkommt. Die Besoldung dieser 130 Lehrkräfte ist im Etat vorgesehen und dort mit 550 000
Mark angegeben. Ich kann zusammenfassend sagen,
daß sowohl hinsichtlich der Raumfrage wie auch der
Lehrkräfte die Durchführung des Kurs- und Kernunterrichts im siebenten Schuljahr als gesichert anzusehen ist.
Ich komme nun zu der speziellen Frage, die in der
Öffentlichkeit viel diskutiert worden ist, nämlich der
Aufgliederung dieser siebenten Klassen und der besondere Form der Durchführung in den einzelnen Bezirken, z. B. auch in Steglitz, in der Weise, daß man die
Schüler nicht nur im Kursunterricht nach bestimmten
Fachgruppen zusammensetzt, sondern bereits im Kernunterricht eine solche Differenzierung vornimmt. Es
entbehrt nicht einer gewissen Komik, daß dieser Vorschlag gar nicht einmal aus Steglitz stammt, sondern
daß er vor Monaten von mir selbst in die Diskussion
geworfen worden ist,
(sehr richtig!)
weil ich auf dem Standpunkt stehe, daß bei einer so
wichtigen Frage jede Möglichkeit ernsthaft geprüft
werden muß, um das Beste herauszufinden. Wenn nun
in den Richtlinien trotzdem dieser Weg nicht als allgemein verbindlich angegeben worden ist, so waren es
in der Hauptsache drei Gründe. Erstens ging diese
Aufteilung, wie sie der Bezirk Steglitz vorgesehen hat,
über das auch von mir in der Diskussion erwähnte Ziel
hinaus, indem man dort ein Klassensystem schaffen
wollte, das etwa sieben verschiedene Klassengruppen
vorsah und damit eine Aufsplitterung in den Kernklassen zur Folge gehabt hätte, die von dem Gedanken,
gerade auch den Kernunterricht als die Stätte der
Gemeinschaft anzusehen, weit entfernt ist. Der zweite
Einwand ist der, daß man diese Klassen etwa aufteilt
nach
Sprachklassen,
mehr
praktisch-technischen
Klassen und nach ganz allgemeinen Gesichtspunkten
aufgestellten Klassen, angegliedert an die bestehenden
Oberschulen, an die bestehenden Mittelschulen, an die
bestehenden Volksschulen. Damit wäre das Schulsystem, wie es sich in diesen drei großen Schulgattungen darstellt, von unten auf gewissermaßen wieder
neu ins Leben gerufen worden, und der Grundgedanke
unseres Berliner Schulgesetzes, diesen großen, zusammenfassenden Organismus zu bilden, wäre dadurch
nicht zur Durchführung gekommen. Der dritte Grund
ist der, daß, wenn man in einem Bezirk eine solche
Sonderregelung durchführt oder wenn man in mehreren Bezirken mehrere bezirkliche Sonderregelungen
durchführt, dann sehr leicht die Gefahr entsteht, daß
ein Bezirk gegen den anderen ausgespielt wird und
daß dadurch eine Beunruhigung in die Elternschaft
und in die Lehrerschaft hineinkommt, die der Schularbelt durchaus abträglich ist. Aus diesem Grunde
sehen die Richtlinien z u n ä c h s t die Form vor, wie
sie in der Mehrzahl der Bezirke als durchführbar und
als vertretbar angesehen worden ist.
Ich möchte aber darauf hinweisen, daß diese Richtlinien ausdrücklich nur für das Schuljahr 1950/51 ihre
Gültigkeit haben, und zwar aus dem einfachen Grunde,
weil wir im nächsten Jahre ja eigentlich erst zur
vollen Durchführung des Kurs- und Kernunterrichts
kommen, wenn auch das achte Schuljahr hinzutritt. In
diesem einen Jahre wird man die Möglichkeit haben,
eine Fülle von Erfahrungen sammeln; denn bei der
vielfältigen Struktur der Berliner Bezirke wird es notwendig sein, da und dort zu besonderen örtlichen
Lösungen zu kommen. Denken Sie an einen selbständigen Ortsteil wie meinetwegen Lübars oder Gatow,
die weit draußen liegen. Dort wird man nicht darum
herumkommen, z. B. die Kinder, die Lateinunterricht
nehmen wollen, umzuschulen genau in der gleichen
Weise, wie man früher Kinder umschulte, wenn sie
zur höheren Schule gehen wollten. Viel einfacher sind

die Dinge in den Bezirken zu lösen, die einen verhältnismäßig geschlossenen Bebauungsplan haben mit
größeren Schulblocks. Dort ist es viel leichter möglich,
in Verbindung mit den einzelnen Schulen diesen Kernund Kursunterricht durchzuführen.
In diesem Zusammenhang noch ein kurzes Wort zu
dem besonderen Anliegen der Lateinschüler. Ich greife
auch hier wieder einen Bezirk heraus, der insgesamt
50 siebente Klassen am 1. September haben wird. Er
wird aber nur so viel Schüler haben, die Lateinunterricht wünschen, daß man damit drei Klassen füllen
könnte. Es wäre sicher unsinnig, diese Schüler im
ganzen Bezirk verstreut zu lassen, in jeder Schule
vielleicht einen oder zwei, und sie dann mit weiten
Wegen zu irgendeinem Kurs zu schicken, damit das
Bedürfnis befriedigt wird. Hier ist es sicher am
zweckmäßigsten, diese verstreuten Schüler zu sammeln und damit eine praktische und stundenplantechnisch günstige Durchführung des Kern- und Kursunterrichts zu ermöglichen.
Dies führt schon auf das Thema über, wie es nun
überhaupt mit dem Lateinunterricht und damit mit der
humanistischen Bildung in unserer Berliner Gemeinschaftsschule steht. Es darf zunächst festgestellt werden, daß nicht nur in Berlin, sondern auch in sehr
vielen Schulverwaltungen Westdeutschlands sich mehr
und mehr die Auffassung durchsetzt, daß es psychologisch und pädagogisch richtiger ist, bei der Erlernung
von Fremdsprachen zunächst mit der Erlernung einer
lebenden Fremdsprache zu beginnen, weil sie dem Kinde
viel eher zugänglich ist. Wir wollen nicht vergessen,
daß, als die lateinischen, ich will sagen, die römischen
Schüler damals Griechisch lernten, dieses Griechisch
für sie keine tote Fremdsprache war, sondern eine
lebende Fremdsprache, genau so wie heute unsere
Kinder Französisch oder Englisch lernen. Wenn dann
im siehenten Schuljahr, mit sechs Wochenstunden beginnend, Latein gelehrt werden kann, so besteht die
Möglichkeit, sechs Jahre hindurch Lateinunterricht
mitzunehmen, und zwar in einem Verband, dem nur
solche Kinder angehören, die im fünften und sechsten
Schuljahr sowohl im Deutschunterricht wie im
Englischunterricht die erforderliche sprachliche Begabung bewiesen haben. Es erfolgt hier also eine viel
schärfere Auslese, und sicher ist eine bessere Arbeit
möglich ails früher, wo die Klassen der Oberschule
einen Ballast von Schülern mitschleppen mußten, die
nicht die erforderliche Sprachbegabung ihr eigen
nennen konnten.
Nun v/ird weiterhin der Einwand gemacht: wenn
wir das auch anerkennen und im siebenten Schuljahr
mit Lateinunterricht beginnen, dann reicht das nicht
aus, denn mit der humanistischen Bildung ist ja nicht
nur die Erlernung der lateinischen oder griechischen
Sprache gemeint, damit ist ja gemeint ein Eindringen
in die Gefühlswerte, in die geistigen Werte der Antike.
Es wird also der Vorwurf erhoben, daß dieser Kursunterricht im Lateinunterricht nicht ausreiche, um zu
diesen Bildungswerten der Antike hinzuführen. Ich
sehe die Dinge folgendermaßen. Ich bestreite, daß ein
Schüler, der anfängt, Latein zu lernen und der sich
mit der lateinischen Grammatik und Syntax herumschlagen muß, in diesem Augenblick auch nur entfernt
in der Lage ist, hinter diesem Gestrüpp der lateinischen
Grammatik sich noch irgendwie mit dem geistigen
Inhalt der Antike, des Humanismus zu befassen. Ich
bezweifle, daß das Kind in diesem Alter überhaupt die
geistigen Fähigkeiten hat, diese schon zu erfassen.
(Stadtv. Grigoleit: Das hat er im Geschichtsunterricht derselben Klassen!)
— Dem steht ja nichts im Wege, das zu tun. — Wenn
im siebenten oder achten Schuljahr der Schüler zunächst in die Elemente der lateinischen Sprache eingeführt wird und nach zwei Jahren so etwas wie ein
gewisses Grundelement dieser Sprache beherrscht
und mittlerweile 14 oder 15 Jahre alt geworden ist.
dann besteht die Möglichkeit, in dem humanistischen
Zweig der Oberstufe, der ja vorgesehen ist, nun nicht
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.