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Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

52. Sitzung vom 20. Juli 1950

465

May
wand, daß in diesem Kernunterricht der begabtere
Schüler sich langweile, daß er benachteiligt sei durch
den weniger begabten Schüler.
Meine Damen und Herren! Am dieser Stelle müssen
wir uns einmal klar werden: was ist denn Begabung?
Im Sprachgebrauch schlechthin denkt man sicher immer
nur an den intellektuell Begabten, und man vergißt
ganz, daß es daneben eine Fülle anderer und ebenso
wichtiger Begabungen gibt, sei es eine praktische Begabung, eine musische Begabung, oder welche Sie sonst
nehmen wollen. Und wenn wir im Gruppenunterricht den
speziellen Begabungen dadurch Rechnung tragen, daß
wir diesen Kindern ihrer Begabung entsprechend besondere Aufgaben zuweisen, dann wird keine Begabung gehemmt und gehindert, sondern sie kann sich
vollstens auswirken. Durch ein zusätzliches Maß von
Arbeit, das man ihr zumutet, wird dadurch letztlich
auch ein Gesichtspunkt erfüllt, der mir sehr wichtig zu
sein scheint: jede Begabung, sei es eine intellektuelle,
eine künstlerische oder wie sonst, schließt auch <üe
soziale Verpflichtung in sich, sie nicht nur eigensüchtig
für sich auszunutzen und zum Streber zu werden, sondern diese Begabung in den Dienst der Gemeinschaft
zu stellen, sie in sozialer Weise nutzbar zu machen. *
Wenn wir nun in dieser Form an die Durchführung
des Kurs- und Kernunterrichts in Berlin herangehen
wollen, so schöpfen wir hier nicht aus der leeren Theorie, sondern es liegen für diese Arbeit gerade in Berlin
eine Fülle von praktischen Erfahrungen vor. Ich darf
daran erinnern, daß vor 1933 in zahlreichen Versuchsschulen Berlins, sowohl der Volksschule wie der höheren
Schule, nach Kern und"Kurs unterrichtet wurde. Ich darf
darauf hinweisen, daß auch jetzt schon nach 1947 in
ungefähr hundert Berliner Schulen in der Form des
Kurs- und Kernunterrichts gearbeitet wurde, so daß
sich sowohl Lehrer und Schüler wie auch Eltern mit
dieser Unterrichtsform vertraut machen konnten. Wir
stehen mit dieser Arbeit in Berlin nicht isoliert; auch in
Bremen kommt man mehr und mehr zur Einführung
dieses Kursunterrichts. Einen sehr schönen Erfolg dieses
Kursunterrichts in Berlin können wir z. B. im Bezirk
Neukölln verzeichnen, wo aus vier Klassen, die zwei
Jahre nach Kurs und Kern unterrichtet wurden, heute
eine Klasse herausgehoben werden kann, die den Anschluß an die betreffende Klasse der Oberschule gefunden hat und nun ab 1. September in der jetzt auslaufenden Oberschule ihren weiteren Unterricht nehmen wird. Ich führe das ausdrücklich an, um zu zeigen,
daß diese Dinge nicht aus der Duft gegriffen sind, sondern daß sich sowohl die Berliner Lehrerschaft wie die
Schulverwaltung ganz praktisch um diese Fragen gekümmert haben, und daß sie hier nicht aus der Theoria
zu schöpfen brauchen.
Für die praktische Durchführung dieses Programms
nach Kurs und Kern ist es zweckmäßig, den Unterricht in der Weise aufzugliedern, daß von der vorhandenen Wochenstundenzahl etwa zwei Drittel für den
Kernuntericht verbleiben und ein Drittel dem Kursunterricht zugewiesen wird. In diesem Sinne ist in den
Richtlinien, die Sie in Händen haben, eine Kursstundenzahl pro Woche von zehn Stunden angesetzt. Diese Zahl
wird ab 1. September noch nicht in allen Schulen und
Bezirken innegehalten werden können. In jedem Falle
müssen aber sechs Stunden durchgeführt werden. Diese
Zahl kann dann im Laufe des Jahres bis zu der gewünschten Höhe von zehn und eventuell auch mehr
'Stunden erhöht werden.
Nun kommt die Frage: sind die Voraussetzungen gegeben, um den Unterricht in dieser Form durchführen
zu können? Da ist zunächst die Raumfrage, und es
wurde in der Anfrage der FDP darauf hingewiesen, ob
nicht durch die Einführung des Kursunterrichts der
Abbau des Schichtunterrichts in unseren Schulen aufgehalten würde. Ich möchte Ihnen hier zwei Zahlen
nennen. Als wir 1945 mit dem Schulunterricht in Berlin begannen, hatten wir nur 31 Schulen, die mit einschichtigem Unterricht arbeiten konnten. Wir haben
jetzt 101 Schulen, die bereits nur noch mit einer

Schicht arbeiten. Das heißt, in diesen zurückliegenden
Jahren hat sich die Zahl mehr als verdreifacht. Umgekehrt hatten wir 1945 37 Schulen, genauer gesagt
37 Schulgebäude, die mit einem dreischichtigen Unterricht belastet waren. Durch die Gewinnung des Schulraums ist es möglich gewesen, diese Zahl auf zehn
solcher Schulen zu reduzieren. Sie haben den Etat durchberaten und haben gesehen, daß trotz der Kürzung dort
ein Betrag von rund 12 Millionen Mark zur Verfügung
steht, um auch in diesem Jahre weiteren Schulraum zu
gewinnen. Wir haben im vergangenen Jahr 4 bis
500 neue Schulräume gewonnen und werden mindestens
die gleiche Zahl auch in dem jetzt beginnenden Schul-,
jähr hinzubekommen. Außerdem laufen Verhandlungen,
um zusätzliche Mittel aus dem GARIOA-Fonds zu bekommen, und zwar sehr erhebliche Mittel, so daß das
Bauprogramm, das die Stadt Berlin aus eigenen Kräften durchführt, noch um ein wesentliches erweitert
wird. Es liegt hier also ganz klar und zielbewußt der
Wille, den vorhandenen Schulraum mit allen verfügbaren Mitteln zu vergrößern und zu erweitern. Wenn
dies gelingt, dann kommt dieser vermehrte Schulraum
sowohl der Verringerung des Schichtunterrichts zugute, wie auch gleichzeitig der Durchführung des Kursund Kernunterrichtes.
Die Frage ist weiter gestellt worden, inwieweit die
neu gewonnenen Räume nun auch wirklich für schulische Zwcke verwendbar sind. Wir haben im Augenblick durch die Bauarbeiten der letzten Wochen und
Monate wieder einen sehr beachtlichen Anfall von
neuen Schulräumen bekommen, so daß im Augenblick
aus den Bezirken Anträge vorliegen, für 512 Klassenräume Möbel zu beschaffen. Schon vor einiger Zeit
sind die Bestellungen für Schulmöbel herausgegangen,
die ausreichen, um in der ersten Rate 300 dieser Klassen
mit ausreichendem Schulmobiliar zu versehen. Es ist
lediglich eine Frage der Leistungsfähigkeit der Berliner Möbelindustrie, diese Tische sowohl in guter Qualität wie auch rechtzeitig zu liefern.
Wenn ich diese wenigen Angaben hier zusammenfasse, so darf nach sorgfältiger Überprüfung in den einzelnen Bezirken gesagt werden, daß die Durchführung
des Kurs- und Kernunterrichts in dem vorgesehenen
Rahmen auf Grund der vorhandenen Räume als gesichert anzusehen ist.
Nun kommt die zweite größere Frage, die zweite
Besorgnis: ist nun für diesen Kursunterricht die a u s - '
reichende Zahl von Lehrkräften vorhanden? Auch
diese Frage kann ich bejahen. Wir haben erstens die
Fachkräfte der Ober- und Mittelschulen zur Verfügung,
die ja zwei Klassen in den letzten beiden Jahren abgegeben haben, so daß hier eine bestimmte Anzahl
von Fachlehrern zur Verfügung steht, die nun in allen
Klassen, in denen es notwendig ist, als Fachlehrer eingesetzt werden können. Zweitens waren die Bezirke
bereits so vorsorglich, bei der Neueinstellung von Lehrkräften im letzten Jahre darauf Bedacht zu nehmen:
welche Fachkräfte werden am 1. September 1950 in
den Schulen gebraucht, z. B. wieviel Lateinlehrer werden benötigt, wieviel Mathematiklehrer und dergleichen
mehr? Sie haben bereits bei der Neueinstellung von
Lehrkräften die Auswahl nach diesen Gesichtspunkten
getroffen. Drittens werden jetzt im Herbst etwa 260
Lehrer wegen Erreichung der Altersgrenze pensioniert.
Diese Lehrerstellen werden neu besetzt, und es wird
bei der Neubesetzung wiederum darauf Bedacht genommen, in ausreichender Zahl Fachkräfte zu erhalten,
die nun in einzelnen Schulen für die Erteilung des
Fachunterrichts, d. h. des Kursunterrichts, gebraucht
werden. Das Angebot an qualifizierten Lehrkräften ist
größer, als wir im Augenblick in der Schule verwenden können. Viertens haben wir in unseren Schulen
eine große Anzahl von Schulhelfern und Hilfslehrern,
die im Laufe der nächsten Monate ihre erste und zweite
Lehrerprüfung machen. Solange sie diese Prüfung nicht
gemacht haben, geben sie in der Schule nur einen ermäßigten Stundensatz von 15 bzw. 27 Stunden. Nach
bestandener Prüfung werden sie voll im Schuldienst
        
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