Path:
Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

464

52. Sitzung vom 20. Juli 1950

May
Die angenehmste Gruppe der Kritiker ist mir allerIn dieser Gemeinschaft aber sehe ich sehr unterschieddings diejenige, die aus dem ernsten Willen heraus,
liche Individuen nach der Begabungsrichtung, nach der
Schule und Erziehung zu fördern, ihre Gedanken und AnBegabungshöhe und nach der Leistungshöhe. Nach
regungen gibt, um damit in vorbildlicher Welse dazu
dem Prinzip der alten Schule, die Sie alle durchlaufen
haben, war es so, daß man innerhalb dieser Gemeinbeizutragen, das Schulwesen zu entwickeln. Mit diesen
schaft trotz des Vorhandenseins der verschiedenen
drei Gruppen der Kritiker, die ich zuletzt nannte, bin;
Begabungen eigentlich von jedem Kind die gleiche
ich jederzeit bereit mich sachlich auseinanderzusetzen,
Leistung erwartete. Die Klasse marschierte gewisserund ich betrachte auch meine Aufgabe heute so, daß die
maßen in gleicher Front durch das Schuljahr, und
Dinge auf dem Boden einer sachlichen Diskussion erman erwartete am Ende des Schuljahres, daß alle
örtert werden, einer sachlichen Diskussion, die wirklich
Kinder die Forderungen des Lehrplanes in gleicher
dazu dient, dem Kind, der Schule, der Erziehung, unseWeise erfüllt hatten.
rem Volk zu helfen und sie zu fördern.
Das neue Prinzip, das wir in unserer Berliner GeIch glaube kaum, daß es heute noch ernsthafte Gegner
meinschaftsschule durchführen wollen, ist dies, daß
der Schulreform gibt, die eine Schulreform schlechthin
man zu einer stärkeren Berücksichtigung der indiviablehnen. Wenn wir daran denken, welche Entwicklung das Schulwesen in Deutschland, in Preußen und in
duellen Neigungen und Begabungen kommen will,
Berlin in den letzten 150 Jahren durchgemacht hat, so
(hört, hört! bei der SPD)
kann man eigentlich von einer permanenten Schulreform
sprechen, die etwa seit der Zeit Pestalozzis eingesetzt
daß man im Kern zwar den Gedanken der Gemeinhat, einer permanenten Schulreform, die bedingt worschaft betont, daß man im Kurs aJber in besonderer
den ist durch die gesellschaftliche und politische EntWeise versucht, diesen persönlichen Begabungsrichwicklung, der sich auch die Schule nicht entziehen kann,
tungen und Begabungsneigungen Rechnung zu tragen.
der sie sowohl in ihrem Lehrinhalt wie auch in ihrer
Gewiß hatten wir auch früher eine Differenzierung
Form Rechnung tragen muß.
nach Begabung und Neigung, die aber früher einsetzte,
nämlich nach dem 10. Lebensjahr, und die sich dann
Das Schulwesen, wie es bis in die jüngste Vergangengleich in so festen Formen auswirkte, daß das Kind
heit bestand, trägt noch Spuren der alten gesellschaftvom 10. Lebensjahr ab in seinem Bildungsweg festlichen Struktur, einer Struktur, die einen Aufbau des
gelegt war.
deutschen Volkes nach Ständen deutlich werden ließ.
Die Differenzierung in der Form des Kursunterrichts
Bis in die jüngste Gegenwart hinein trug unser Schulhat den Vorteil, daß in Verbindung mit dem ganzen
wesen die Zeichen dieser ständischen Gliederung des
Schulaufbau diese Differenzierung nach und nach alldeutschen Volkes. Nicht zuletzt die jüngste Vergangenmählich erfolgt, daß besonders im siebenten und achten
heit hat diese ständische Gliederung hmwegefegt und
Schuljahr durch den Kursunterricht die Möglichkeit
ihrer Bedeutung entkleidet.
besteht, das Kind in seinen Leistungen zwei Jahre zu
Die Aufgabe, die uns heute in der Politik gestellt ist
beobachten und dann erst auf Grund dieser sorgfälund die auch in die Arbeit der Schule hineinspielt, kann!
tigen Beobachtung eine endgültige Differenzierung
nur vom Volke insgesamt geleistet werden, und da sehe
vorzunehmen: ob das Kind in die praktische Lehre
ich die Aufgabe der Schule darin, die Kinder nicht für
gehen soll, oder ob es geeignet und befähigt ist, den
bestimmte Stände oder Standesaufgaben zu erziehen,
wissenschaftlichen Ausbildungsweg zu gehen. Diese
sondern sie gemeinsam zu Menschen zu bilden, die beDifferenzierung erfolgt nicht auf Grund einer mehr
reit sind, eine neue politische und gesellschaftliche Ordoder weniger zufälligen Prüfung, sondern auf Grund
nung herbeizuführen.
einer sehr sorgfältigen Beobachtung und Feststellung
Im Laufe von zwei Jahren. Wir kommen so durch
In diesem Bestreben stehen wir weder in Berlin noch
diesen Kursunterricht zu einer Lockerung des starren
in Westdeutschland allein. Wir können feststellen, daß
Klassenverbandes, zu einer stärkeren Berücksichtigung
heute dieses Problem bei allen Völkern so gesehen wird
der Schülerindividualität und zu einer sorgfältigeren
und daß man allenthalben versucht, dem Schul- und Erund vorsichtigeren Auslese der Begabungen. Das Vorziehungswesen eine neue Form und einen neuen Inhalt
urteil, das mancherorts gegen diese Regelung besteht,
zu geben. Wenn wir uns die westdeutsche Schulreform
ist darin begründet, daß man glaubt, der Kernunteransehen, so können wir feststellen, daß dort selbst in den
richt dieses siebenten Schuljahres sei derselbe UnterLändern, die am energischsten an die Änderung des
richt, den man bishehr in dem siebenten Schuljahr der
Schulorganismus herangegangen sind, noch in stärkerem
Volksschule gegeben hat, und daß sozusagen auf diese
Maße Reste des alten Schulaufbaues erhalten geblieben
Volksschulklasse nur ein zusätzlicher Kursunterricht
sind, als es in Berlin der Fall Ist.
aufgepfropft wird. Diese Meinung ist abwegig. Wie es
Das Berliner Schulgesetz hat sich ganz eindeutig zu
auch in den Richtlinien festgelegt ist, bedeutet die
der Form bekannt, die einen einheitlichen zwölfjährigen
Einführung des Kern- und Kursunterrichts eine vollOrganismus vorsieht, der allerdings In sich gegliedert
ständige Umgestaltung dieses siebenten Schuljahres.
und differenziert ist. Diesen Gesichtspunkt bitte ich
Es ist dann kein Schuljahr mehr der bisherigen Oberimmer wieder im Auge zu behalten: diesen geschlosseklasse oder Oberschule, es ist aber auch nicht mehr
nen Organismus, der sich auf eine zwölfjährige Schuldas
siebente Schuljahr der Volksschule, sondern es ist
pflicht aufbaut und damit von dem ständisch gegliedas
neu gestaltete siebente Schuljahr der Berliner
derten Schulwesen am weitesten abweicht.
Gemeinschaftsschule, bei der sowohl der Kern- wie der
Kursunterricht neu gestaltet wird. Diese Neugestaltung
Wir stehen nun am 1. September dieses Jahres mit
zeigt sich nicht nur in der äußeren Organisation, wie
Beginn des neuen Schuljahres vor der wesentlichen
sie im Schulgesetz festgelegt ist, sondern sie zeigt sich
Aufgabe, innerhalb dieses zwölfjährigen Organismus
vor allen Dingen in der inneren Unterrichtsgestaltung.
eine neue Stufe der Differenzierung einzuführen, und
hierum geht gegenwärtig auch die Diskussion in der
Ich möchte wiederholt betonen, daß das Schulgesetz
öffentlichkeit, in der Presse, in den Elternversammin seinen organisatorischen Bestimmungen ja nur den
lungen und letztlich auch hier im Parlament.
äußeren Rahmen abgeben kann. Entscheidend wird
Es ist gut, sich einen Augenblick daran zu erinnern,
sein, was Innerhalb dieses Rahmens in jeder Schule, in
was der Sinn dieser neuen TJnterrichtsform ist, die im
jeder Klasse nun praktisch an Erziehungsarbeit ge7. Schuljahr jetzt zum erstenmal durchgeführt werden
leistet wird. Die Erziehungsarbeit in der Gemeinschaftssoll. Die Frage lautet: Was Ist der Sinn dieser Auf- schule, im besonderen aber auch in diesem siebenten
teilung des Unterrichtes in einen Kern- und in einen
Schuljahr, steht unter dem Motto der Arbeltsschule,
Kursunterricht ?
d. h. einer weitgehenden Selbsttätigkeit und Selbständigkeit des Kindes, die sowohl in Einzelarbeit wie auch in
Wenn wir von Schulklassen sprechen, so fasse ich
die Schulklasse nicht als eine Summierung der einzel- Gruppenarbeit durchgeführt werden kann. Das bedeutet,
daß es auch innerhalb des Kerns zu einer Differenzienen Schüler auf, sondern ich sehe darin eine lebendige
Gemeinschaft, eine kooperative Arbeitsgemeinschaft. rung kommt, und damit entfällt der so oft gehörte Ein-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.