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Periodical volume Nr. 52, 20. Juli 1950, Ordentliche Sitzung

Full text: Stenographischer Bericht Issue 1950

52. Sitzung vom 20. Juli 1950

449

Tiburtius
auch in pädagogisch-methodologischer Richtung in der
Universität stellt, ist unbestreitbar. Aber ich glaube,
daß diese Anforderungen erfüllbar wären, und soviel
ich weiß, entsprechen sie auch einem tiefgegründeten
und ziemlich alten Verlangen der Lehrerschaft selber,
dem ja ihre Gewerkschaft auch einen sachlich berechtigten Ausdruck verliehen hat.
Dann endlich noch eins. Wir hören von der Technischen Universität genau dieselben Klagen über mangelnde Ausstattung mit Apparaturen, wie wir sie von
der Freien Universität her kennen. Die Technische
Universität klagt noch dazu besonders über die fehlende Rektoratsverfassung, über fehlende Verträge mit
Professoren und eine dadurch entstehende Unsicherheit in den Arbeitsverhältnissen und Gefahr von Abwanderungen. Wir müßten doch sehen, auch dafür
den Gedanken durchzuführen, den die Frau Kollegin
Lucht bei dem Thema Musikpflege ganz in dem Sinne
dessen weiterentwickelte, was ich mir anzuregen erlaubte. Wir sehen auch an den Hochschulen die Notwendigkeit und Möglichkeit, unseren Lehrkörper, unsere Forschungseinrichtungen so aufzubauen, daß sie
auch in Westdeutschland — sowohl bei den westdeutschen Ländern als auch beim Bunde — Anklang und
vielleicht auch Voraussetzungen für Förderung und
finanzielle Unterstützung finden könnten. Wenn wir
uns z. B. in Berlin dem Studium Südosteuropas zuwenden, so würden wir, genau wie das früher einmal
im alten Preußen im Kultusministerium unter Becker
der Fall war, damit eine SpezialZuständigkeit ausbilden, die unserem .Standort als Freie Universität
Berlin entspricht und ganz sicher auch in Westdeutschland Anklang und mehr Voraussetzungen für die Zuwendung von Bundesmitteln an unsere Hochschulen
hervorbringen würde.
Vorsteher Suhr: Herr Stadtverordneter Fischer!
Stadtv. Fischer (FDP): Meine Damen und Herren!
Den Ausführungen, die der Herr Kollege Tiburtius hier
zur humanistischen Fakultät der Technischen Universität gemacht hat, können wir uns nicht anschließen.
Wir sind der Auffassung, daß die 2% des gesamten
Etats der Technischen Universität doch nicht so zu
Buch schlagen, daß sie den Nachteil aufwögen, der entstehen würde, wenn man die Techniker ihrer nur technischen Bildung überließe und nicht alles versuchte,
den Rahmen ihres Blickes etwas weiter zu stecken.
Was mich aber veranlaßt, zu diesem Punkte zu
sprechen, ist in erster Linie die Pädagogis3he Hochschule, die hier bei B 38 01 zu erörtern ist. Wir haben
in Übereinstimmung mit dem Hauptausschuß ein
Lehrerausbildungsgesetz gefordert, und zwar eine
baldige Vorlage, weil wir glauben, daß die Nachwuchsplanung für den Lehrerber-uf eine Aufgabe ist, die
nicht länger hintangehalten werden kann. Wenn wir
in der philosophischen Fakultät der Freien Universität
in einem Semester 900 erstsemestrige oder zweit semestrige Studenten haben, von denen wir wissen,
daß sie zum überwiegenden Teil eigentlich für den
Lehrberuf sich vorzubilden wünschen, und wenn wir
diese Studienbewerber in ihrer Anzahl nicht mit den
Studenten der Pädagogischen Hochschule abstimmen,
dann würde, glaube ich, eine Divergenz hinsichtlich der
Unterbringungsmöglichkeiten entstehen, die wir vermeiden sollten. Die Pädagogische Hochschule lehrt an
sich ja nur ein Hauptfach, und es ist unbestritten, daß
die wissenschaftliche Ausbildung der Studienräte alten
Stils, möchte ich einmal sagen, an den Universitäten
ausgezeichnet war und daß lediglich die pädagogische
Hilfestellung, die ihnen die Fakultäten zur Vorbereitung
auf ihren Beruf gaben, nicht immer ausreichte. Es
wird darauf ankommen, wenn nach unserem Wunsch
die Pädagogische Hochschule in die Freie Universität
mit eingebaut wird, neben den fachlichen Qualitäten
und Möglichkeiten der philosophischen Fakultät der
Freien Universität auch diejenigen pädagogischen Erfahrungen auszunutzen, die der Ausbildung des Lehrernachwuchses dienlich sind.

Grundsätzlich möchten wir meinen, daß wir bei
einer Koordinierung des Hochschulwesens von einer zu
straffen Spezialisierung abkommen sollten. Gerade auf
dem Gebiete der Lehrerbildung besteht alle Veranlassung, sowohl von der Lehrernachwuchsplanung wie
von der wissenschaftlichen Seite her die Dinge so
voranzutreiben, daß mit einem Lehrerausbildungsgesetz
einmal die Norm für die Ausbildung und zum anderen
als Ausbildungsstätte die Freie Universität festgelegt
wird. Vorsteher Suhr: Frau Lucht-Perske!
Stadtv. Frau Lucht-Perske (SPD): Meine Herren und
Damen! Schon in dem, was der Herr Kollege Fischer
zuletzt ausführte, nämlich in seinen Ausführungen über
das Lehrerausbildungsgesetz, liegt etwas von dem, was
die Koordinierung der Hochschulen unbedingt notwendig
macht. Es ist zweifellos richtig, daß die Ausbildung der
akademischen Lehrkräfte früher zum Teil pädagogisch
nicht ausreichend war und diejenige der übrigen Lehrkräfte nicht die genügende wissenschaftliche Fundierung
hatte. Wir müssen deshalb hier eine völlig neue Basis
schaffen, um auch das Schulgesetz in der Weise durchführen zu können, wie es dem Geist dieses Gesetzes
entspricht.
Wenn wir uns im Hauptausschuß bei den Beratungen
über den Etat der Technischen Universität dagegen
gewandt haben, daß hier eine humanistische Fakultät
eingerichtet worden ist, so nicht deshalb, weil wir der
Meinung sind, daß der Techniker es nicht nötig hat,
sich außerhalb seines Faches mit den Dingen der Politik
und der allgemeinen Bildung zu beschäftigen. Im
Gegenteil, wir glauben, daß eine allgemeine Bildung
überhaupt erst einmal die Grundlage für eine wirkliche
führende Tätigkeit sein muß. Es treten sehr häufig
Überschneidungen dadurch ein, daß derselbe Lehrstuhl
an der Technischen Universität, an der Pädagogischen
Hochschule und an der Freien Universität gleichzeitig
vorhanden ist, statt daß man — um einmal ein Beispiel
zu wählen — einen Historiker für politische Geschichte
des 19. Jahrhunderts ergänzt durch einen Historiker für
Wirtschaftsgeschichte und einen für Verfassungsgeschichte. Wir wünschen eine Intensivierung des
Studiums und nicht etwa eine Einengung. Das ist das,
was bei uns mit der Koordinierung der Hochschulen
bezweckt wird.
Wir haben in der letzten Zeit soviel neue Hochschulen
geschaffen, daß wir jetzt erst einmal darauf bedacht
sein müssen, diese Arbeit ruhig auszubauen und die
geistige Arbeit zu intensivieren. Wir können hier nicht
weiter unbehindert Expansion treiben. Zweifellos sind
diejenigen Studenten, die jetzt gezwungen sind, die
Hochschulen im Osten zu verlassen, in einer sehr
schwierigen Situation. Sowohl die Veterinärmediziner
wie die Studenten von der landwirtschaftlichen Fakultät haben hier das gleiche Schicksal. Aber ich weiß
nicht, ob Berlin allein alle diese Aufgaben erfüllen
kann. Berlin hat zwar ganz besondere Aufgaben und
Pflichten innerhalb des Ostens. Ich meine aber, daß
der ganze Bund auch die Aufgabe übernehmen muß,
die die Ostzone bietet, und daß alle Universitäten im
Bund genau die gleiche Verpflichtung haben, Studenten
aus der Ostzone aufzunehmen, wie die Berliner Universitäten. Deshalb ist es notwendig, daß wir hier so
bald wie möglich vom Magistrat eine Vorlage bekommen über die Koordinierung der Hochschulen, damit
endlich einmal die notwendige Basis geschaffen wird.
Vorsteher Suhr: Herr Stadtverordneter Weigelt!
Stadtv. Weigelt (SPD): Meine Damen und Herren!
Es ist erfreulich festzustellen, daß in einem Punkte
alle Fraktionen sich einig sind, nämlich die Lehrerbildung so bald wie möglich an die Universität zu
bringen. Ich möchte nur den Fraktionen und dem Stadtrat, bevor das geforderte Lehrerausbildungsgesetz
kommt, zu bedenken geben, daß der Vorschlag von
Professor Tiburtius, diese Lehrerausbildung an die
        
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